Atmosphärische Geschichte(n).

Unter den literarischen Neuerscheinungen dieses Herbstes sind gleich mehrere Romane, die es schaffen, uns Lesende geschichtliche Situationen sinnlich und atmosphärisch nachempfinden zu lassen. Natürlich ist Geschichte - nicht nur in den klassischen historischen Romanen – seit jeher einer der Hauptstoffe für die Literatur. Dennoch stechen drei Werke dieses Jahr heraus:
Zwei davon behandeln die Zeit unmittelbar um den 2. Weltkrieg, Michael Ondaatjes Kriegslicht spielt im Nachkriegslondon, Jennifer Egan siedelt ihr Manhattan Beach im New York der 30er und 40er Jahre an. Etwas weiter zurück geht Francesca Melandri, der mit dem Roman Alle, außer mir eine hervorragende Annäherung an die italienische (und europäische) Kolonialzeit gelungen ist.

Der Autor vom Englischen Patienten hat mit seinem neuen Roman abermals bewiesen, dass er ein Meister des stimmungsvollen Erzählens ist, der gerade über das Ungesagte und Ausgelassene eine dichte und spannungsvolle Atmosphäre zu erzeugen weiß. Kriegslicht handelt von Nathaniel und seiner Schwester Rachel, die in ihrer Jugend von den eigenen Eltern verlassen und in die Obhut von zwei fürsorglichen, aber dubiosen Männern gegeben werden. Während die Mutter in einem Spionagekrieg nach dem offiziellen Kriegsende in der ganzen Welt unterwegs ist, nimmt der Boxer, wie einer der beiden Männer genannt wird, die beiden Geschwister mit auf nächtliche Touren in Kuttern und Kähnen, auf denen er illegal importierte Rennhunde transportiert. Und es sind diese Momente, in denen das Nachkriegslondon so eindrücklich erfahrbar wird!
Auf der anderen Seite des Ozeans und ein paar Jahre früher setzt der Roman von der Pulitzer-Preisträgerin Jennifer Egan ein, indem die Geschichte einer jungen Frau erzählt wird, die sich im New York der 30er Jahre ihren Weg durch eine von Männern dominierte Welt bahnt. Ihr Vater ist Gewerkschafter, Kleinkrimineller und irgendwann verschwunden. Gemeinsam mit ihrer Mutter und schwerbehinderten Schwester versucht die Protagonistin die Familie zusammen zu halten, arbeitet dafür zunächst in der Hafenanlage, wo immer mehr männliche Arbeitskräfte zum Kriegsdienst abgezogen werden. Und dort entschließt sie sich schließlich auch einen bis dato rein männlich besetzten Job ausüben zu wollen und Industrietaucherin zu werden.
Nur einige wenige Jahre weiter zurück und wir befinden uns mitten im Abessinien-Feldzug des faschistischen Italiens, gegen eines der letzten nicht kolonisierten Länder Afrikas. Der Roman von Francesca Melandri beginnt damit, wie Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti, ein junger Geflüchteter aus Äthiopien, in der Jetzt-Zeit bei einer 40-jährigen Römerin vor der Haustür sitzt. Er gibt sich als ihr Verwandter aus und trägt tatsächlich den Namen ihres Vaters. Die Gewissheiten auf denen Ilaria ihr bisheriges Leben aufgebaut hatte, stürzen in sich zusammen, als sie immer tiefer in die Geschichte ihres Vaters (und Shimetas Großvaters) eintaucht: Dieser hatte sich als junger Mann freiwillig zur italienischen Armee unter Mussolini gemeldet und in Äthiopien eine zweite Familie zurückgelassen. Alle, außer mir spürt meisterhaft der faschistischen und oft vergessenen kolonialen Geschichte Italiens nach und schreibt nebenher eine grandiose Familiengeschichte!

Allen drei Romanen gelingt es, wichtige und oft vernachlässigte historische Ereignisse und Situationen nicht nur nachzuerzählen, sondern sie aus neuen Perspektiven literarisch spür- und erlebbar zu machen. Insofern gilt unsere wärmste Leseempfehlung!