Die listige L-Form

Ulrike Draesner und Sabeth Vilmar. Foto von Tobias Bohm.

Ulrike Draesner, Schriftstellerin, Essayistin, Lyrikerin und Übersetzerin mit zahlreichen Auszeichnungen und langjährige Begleiterin und Freundin der Buchhandlung, hat im Börsenblatt Nr. 21/2010 ihre Lieblingsbuchhandlung beschrieben:

Georg Büchners Erzählung »Lenz« gefällt mir schon lange, geht da doch einer verkehrtherum durchs Gebirge, sodass er hört, fühlt und sieht.

Im Sommer 1996 zog ich nach Berlin, Prenzlauer Berg, die Buchhandlung mit dem dezidiert literarischen, wissenschaftsinteressierten und revolutionären Namen gab es schon. Vorm Eingang zerrte der nach Kohle riechende Berliner Wind an Gerüstplanen, im Laden bot Sabeth Vilmar, eine frohgemute Ostwestfälin mit Kölner Lebenserfahrung, Bücher an, die ihr selbst gefielen. Spezialisiert ist sie bis heute auf die Programme kleiner Verlage, auf das Abseitige, nicht Mainstreamige, all das, was sich nicht stapeln lässt. »Da sprüht der Geist«, sagt sie und lacht. Die Mischung aus Pragmatismus, Verkaufsverstand und Liebe zur Literatur tut gut. Ich finde Literarisches, das mir entgangen ist, Fiktion, geordnet nach Ländern, Übersetzungen getrennt von den Originalschriften, finde Lyrik und Essay, finde Bildbände im Laden nebenan, der seit 2000 dazu gehört, für Foto, Film und Papier. Ich finde Kinderbücher, die Abteilung ist stetig gewachsen, und finde Geschichte, Politik, Philosophie und die naturwissenschaftlichen Regale. Das Finden ist echtes Finden: Es erinnert an das Blättern in einem gedruckten Lexikon, dieser Schatzkiste unverhoffter Nachbarschaften und alphabetischer Überraschungen. Selbstverständlich haben in diesem Buchland Bücher auch Zeit. Verweildauer, nennt man das wohl. Und fühlt sich selbst zum Verweilen eingeladen.

Der Laden hat, lustvoll und listig, die Form eines L: kleine Front, überraschende Tiefe. Seit 13 Jahren gibt es dank Sabeth Vilmar und dem Verein Literaturort Prenzlauer Berg jeden Frühsommer eine Buchfestwoche rund um den Kollwitzplatz, ein inzwischen bundesweit ausstrahlendes Forum insbesondere für unabhängige Verlage und Buchhandlungen. Mit Lesungen und der Verleihung des Literaturpreises Prenzlauer Berg.

Gratwanderung. Bravour.

Von Anfang an dabei ist Detlef Bahr. Ein echter Berliner mit bodenständigem klarem Urteil, mindestens so gut wie die berühmtesten Kommentare gewisser stadtbekannter Busfahrer. Eine Fotowand von Lesungen hängt an der Kasse, in Berliner Weise, also ein wenig schräg.

Als ich dieser Tage eintrete, grüßt mich eine Gesamtausgabe von Karl Valentin. Es riecht nach den unterschiedlichsten Büchern, ihren Papieren und Eigenarten, ja, man hat Luft, sich zu bewegen und an den Werken entlang zu flanieren. Hier ist, das fühlt man gleich, nicht »gerechnet« wie sonst: Keine marketinggemäß gesetzte Leseinsel schiebt sich in den Weg, keine Coffee Corner. Gelesen wird, wo man nach dem Buch gegriffen hat, also überall.

Am Abend des Eröffnungstages las Wolfgang Hilbig. Wochen zuvor, im Sommer 1995, war Sabeth Vilmar, ihr Baby auf den Rücken geschnallt, aus Neugier durch die Straßen gelaufen. Ob das Schild »Wörtherstraße« sie einladend anblinkte? Sie jedenfalls schlug alle Warnungen in den Wind und machte den Georg Büchner Buchladen auf. Da hat der Kiez Glück gehabt.