Europa und seine Raubkunst

Seit Präsident Macrons Versprechen, der Rückgabe von enteigneten Kunstgütern an Afrika den Weg zu bereiten, findet das Thema immer größeres öffentliches Interesse. Das Künstler*innenkollektiv „Frankfurter Hauptschule“ beispielsweise entwendete 2020 die „Capri-Batterie“, ein bekanntes Beuys Multiple, aus einer Ausstellung im Theater Oberhausen, um sie dann bis nach Tansania ins Iringa Boma Museum zu bringen (letztlich stellte sich heraus, dass sich das Multiple nicht wirklich in Afrika befand, sondern in einem Abstellraum des Theaters Oberhausen). Auch im Sachbuchbereich gibt es wertvolle Beiträge zum Diskurs um Restitution, im Folgenden wollen wir einige davon vorstellen.

 

Götz Aly: Das Prachtboot. S. Fischer Verlag, 21 €.

Historiker Götz Aly zeichnet in „Das Prachtboot“ nach, wie sich Plantagenbesitzer, Händler und Kolonialmilitärs in ehemalig deutschen Südseekolonien einheimische Kunstschätze aneigneten und diese an deutsche Museen weiterverkauften. Darunter eben auch besagtes Prachtboot – ein aus einem einzigen Baumstamm gefertigtes Luf-Boot, welches im Humboldt Forum bestaunt werden soll. Aly betont, dass die Hintergründe, sprich die unrechtmäßige Aneignung des Bootes sowie die brutale, beinahe vollständige Ausrottung der Einheimischen der Insel Luf durch die Deutschen, in der Ausstellung nicht unerwähnt bleiben dürfen. Auch kann das Buch Diskussionen zum generellen Umgang mit gewaltvoll angeeigneten Ausstellungstücken anregen, denn die Lektüre verstärkt den Eindruck, dass die Bringschuld diesbezüglich bei Europa liegt.

 

Bénédicte Savoy: Afrikas Kampf um seine Kunst, C.H. Beck, 24 €.

Lagatz Merten; Bénédicte Savoy; Philippa Sissis: Beute. Ein Bildatlas zu Kunstraub und Kulturerbe,

Beute: Eine Anthologie zu Kunstraub und Kulturerbe. Matthes & Seitz Berlin, beide 38 €.

Ein weiteres Buch zum Restitutionsthema kommt von der französischen Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy: „Afrikas Kampf um seine Kunst. Geschichte einer postkolonialen Niederlage“.  Savoy macht in ihrem Buch deutlich, dass die Debatte um Restitution keinesfalls neu ist – neu daran ist lediglich die verstärkte Aufmerksamkeit. Mit der Unabhängigkeit afrikanischer Staaten um 1960 wurden die ersten Forderungen nach Rückgabe gestohlener Kulturgüter laut – die Antworten der Politik und Kulturinstitutionen Europas folgten immer ähnlichen Mustern: es waren Strategien der Abwehr, des Hinhaltens und Täuschens. Diese werden nun in Savoys Buch präzise analysiert und dargelegt. Savoy ist außerdem Mitherausgeberin eines  umfangreichen Bildatlas samt zugehöriger Anthologie. Dort wird in liebevollem Detail von vielen der erbeuteten Kulturschätze erzählt.