Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2021

Wir gratulieren der diesjährigen Preisträgerin Tsitsi Dangarembga, Autorin und Filmemacherin aus Simbabwe. Ihr literarisches Werk reicht zurück bis ins Jahr 1988, dort setzte sie mit Nervous Conditions (Titel der deutschen Neuübersetzung: „Aufbrechen“) den Anfang zu ihrer Romantrilogie um das Leben einer Frau aus Simbabwe und die Auswirkungen von Kolonialismus und Patriarchat.

Tambudzai wächst in ärmlichen Verhältnissen im Simbabwe (damals noch Rhodesien) der 60er Jahre auf. Mit dem Versprechen von Bildung und einer Zukunft fernab von Armut wird sie auf die städtische Missionsschule geschickt, an der ihr Onkel lehrt. Während Tambu versucht, alle an sie gerichteten Erwartungen noch zu übertreffen, rebelliert ihre Cousine Nyasha – gegen ihren Vater, der für sie das kolonial-patriarchale System verkörpert. Das Körperliche spielt in Dangarembgas Romanen eine entscheidende Rolle. In Nyasha etwa realisiert sich ihr Aufbegehren in Form von Anorexie, die erlebte Aggression wird gegen den eigenen Körper gerichtet – es scheint die einzige Form von Kontrolle, die dem unterdrückten Subjekt noch bleibt. Tambudzai hingegen gelangt erst spät an ihre körperlichen Grenzen. Der Fortsetzungsroman The Book of Not porträtiert simultan zu Tambudzais Reifeprozess auch den Befreiungskampf Simbabwes. Tambu erfährt an ihrer hauptsächlich weißen Schule immer wieder rassistische Diskriminierung, und auch ihr späterer Job in einer Werbeagentur ist nicht das erhoffte Sprungbrett für die Karriere. Es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass Tambus ausgezeichnete Bildung keine echte Chance für sie darstellt, dass sie vielmehr an den kolonial-rassistischen Gesellschaftsstrukturen scheitern muss. Im Eingeständnis dessen tritt sie in einen Zustand des körperlichen und geistigen Verfalls ein – This Mournable Body (dt. „Überleben“), der letzte Teil der Romantrilogie, beschreibt dies sehr eindrücklich.

Dangarembga lebte zeitweise in Berlin, sie promovierte an der Humboldt Universität im Fach Afrika-Wissenschaften. In Afrika wird sie als radikal rezipiert, weil sie immer wieder mit Tabus bricht: beispielsweise führte sie mit der Figur der Nyasha Themen wie Magersucht in die afrikanische Literatur ein, ein anderes Mal schockiert sie mit einem Film, in dem ein Mann seine Frau zerhackt und verzehrt. Neben ihrer künstlerischen Tätigkeit engagiert sich Dangarembga auch für die Förderung der kulturellen Teilhabe von Frauen in Simbabwe und ist politisch im Kampf um Korruption engagiert. All das macht sie verdientermaßen zur Trägerin einer der wichtigsten deutschen Buchpreise.