Georg-Büchner-Preis 2018.

Am 27.10.2018 erhielt die Schriftstellerin Terézia Mora den Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

aus der Begründung der Jury:
»In ihren Romanen und Erzählungen widmet sich Terézia Mora Außenseitern und Heimatlosen, prekären Existenzen und Menschen auf der Suche und trifft damit schmerzlich den Nerv unserer Zeit. Schonungslos nimmt sie die Verlorenheit von Großstadtnomaden in den Blick und lotet die Abgründe innerer und äußerer Fremdheit aus. Dies geschieht suggestiv und kraftvoll, bildintensiv und spannungsgeladen - mit ironischen Akzenten, irisierenden Anspielungen und analytischer Schärfe. Für ihre eminente Gegenwärtigkeit und lebendige Sprachkunst, die Alltagsidiom und Poesie, Drastik und Zartheit vereint, verleiht die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den Georg-Büchner-Preis 2018 an Terézia Mora.«

 

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Artikel aus der ZEIT

LAUDATIO

Von der Unendlichkeit des Satzes Ein Alphabet des Lobes für Terézia Mora

LAUDATORIN
Daniela Strigl
Geboren 1964
Literaturwissenschaftlerin

Terézia Mora ist eine ordnungswütige Autorin, deren Werk vom Chaos spricht. Sie mag magische Zahlen. In das Korsett der Form zwängt sie sich, um es zu sprengen. Eine Woche umfaßt das Zeitgerüst, in dem „Der einzige Mann auf dem Kontinent“, Held ihres zweiten Romans, sich bewegt, Tag für Tag. Eine Woche, sieben Tage; Mora beschreibt aber acht. Sieben Kapitel hat der erste Roman „Alle Tage“, aber nur der Numerierung nach, de facto sind es zehn. Zehn Erzählungen enthält der Band „Liebe unter Aliens“, eine runde Zahl, doch nicht das Dutzend, das man erwartet, hat Mora doch angeblich ein Jahr lang jeden Monat eine geschrieben. Elf Geschichten stehen in ihrem ersten Buch „Seltsame Materie“. Ordnung also, aber keine Zahlen. Das Alphabet.

A wie Abel
Abel Nema, der erste Romanheld, Mann aus dem Osten, Halbungar, einer, der wie ein Pfeifenputzer ausschaut, lang und dünn, der buchstäblich nach Fremdheit riecht; Abel, das geborene Opfer, sexuell desorientiert, zuweilen praktizierend schwul, meist aber ohne Begehren, provokant durch sein Nicht-Anwesendsein, unvergeßlicher komischer Vogel. Auf dem Kopf zu gehen wie Büchners Lenz hat er sich nie gewünscht, daß er die Welt kopfüber sehen muß, gefesselt von einem Spielplatzgerüst baumelnd, hat man ihm angetan. Zwischen zwei Anschläge auf sein Leben ist das Wunder seiner Inselbegabung gesetzt, zehn Sprachen lernt er oder zwölf, eine Übersetzermaschine, akzentfrei, rückstandsfrei, verständigen freilich kann er sich nicht, néma, ungarisch, heißt stumm, nemo, lateinisch, heißt Niemand. „Mensch ohne Menschheit“ nennt ihn ein Freund, weil ihm, dem Fremden, alles Menschliche fremd ist. Ein Archetyp, den erst einmal jemand erfinden mußte.

B wie Bachmann
Ja, „Alle Tage“ zitiert nicht von ungefähr ein Bachmann-Gedicht. Nichts bei Terézia Mora geschieht von ungefähr. Und nichts bleibt im Ungefähren. Die allzu deutliche Bachmannfährte hat die Autorin später bereut. Der Blick auf eine Ikone schränkt das Sichtfeld ein. Die Gleichgestimmtheit ist freilich nicht zu leugnen: „Der Krieg wird nicht mehr erklärt,/sondern fortgesetzt. Das Unerhörte/ist alltäglich geworden. Der Held/bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache/ist in die Feuerzonen gerückt.“ „Alle Tage“ erzählt nach dem Jugoslawienkrieg vom Unerhörten des alltäglichen Übergriffs, von den Schwachen aller Länder, aller Tage in den Feuerzonen. Ingeborg Bachmann hat als Vorgängerin hier in Darmstadt Nachkriegsdeutschland als ewiges Lazarett beschrieben: „Alles ist versehrt, nicht durch Geschosse, sondern inwendig (...).“ Bachmanns Conclusio klingt wie Moras Programm: „Darstellung verlangt Radikalisierung und kommt aus Nötigung.“

C wie Celan
Nein, Celan ist keine Bezugsgröße in Terézia Moras Kosmos, aber in Abel Nema steckt auch sein unheilbares Fremdsein oder das seines Bachmannschen Pendants Trotta, den „die Sprachen aufgelöst“ haben, der „deutsch spricht wie ein Fremder, aus einer deutschen Fremde, und französisch wie ein Franzose, aber daran lag ihm nichts, und auch nichts daran, daß er zwei oder drei slawische Sprachen sprach wie jemand, der nur lange weg war“. Abel Nema sagt: „Die Welt als Vokabel! Das ist mein Trost!“

D wie Drastik
Man nehme diese beiden Sätze aus der Titelerzählung von „Seltsame Materie“: „Die Haare hat man mir am Sonntag geschnitten. Vater hatte sie, nachdem wir Mutter in den Krankenwagen gelegt hatten und der Hof voller Nachbarinnen war und ich mit dem Zigeuner Florian alleine wiederkam, in einem unbemerkten Moment angezündet.“ Terézia Moras Drastik bricht in den Satz ein, wie sie in die Welt einbricht: ohne Vorwarnung. Nicht immer brennt es, fließt Blut, aber immer geht es um die verdeckt brodelnde Gemeinheit, die augenscheinlich wird. Wir erschrecken, weil wir wissen: So ist es. So sind wir. Der drastische Satz läßt uns, so Mora, „keine Chance“, die „in ihm enthaltene Wahrheit zu leugnen“. Diese Erzählerin ist unerbittlich.

E wie Erlösung
Erlösung als ein Versprechen für das Diesseits scheint nur in der Liebe möglich, theoretisch. Die „unter Aliens“ endet im Spurlosen. Die späte Begegnung des pensionierten Japanologen mit der (wir nehmen es einmal an) Frau seines Lebens hält die Möglichkeit offen, dafür spricht auch der Titel der Geschichte: „Das Geschenk oder Die Göttin der Barmherzigkeit“. Für die Schriftstellerin ist Erlösung die Erkenntnis der eigenen Aufgabe. Mora: „Wenn du DEINS gefunden hast, bist du erlöst, und erlöst ist erlöst, ein Leben auf einer grünen Aue.“

F wie Fertörakos
Fertörakos am Neusiedlersee, Kroisbach zu deutsch, ein Ort, der 1921 für den Verbleib bei Österreich stimmte, vergeblich. Wie es dort oder im nahen Petöhaza (Pöttelsbach) ist oder war, steht in „Seltsame Materie“ zu lesen. Eine Kindheit im Kommunismus, in dessen katholischer Knautschzone. Das Ungarische als zweite Sprache, ringsum dominant. Bäuerliche Dürftigkeit, Alkoholismus, Gewalt, Tristesse, der Zuckergeruch der Fabrik, viel Schilf, viel Schlamm und der See. Die Grenze als Materialisierung von Gefahr, vor und nach der Wende. Ohne Fertörakos oder Petöhaza nahetreten zu wollen: kein Startvorteil auf dem Weg zum Parnaß. Eher eine Prüfung.

G wie Gravitation
Von Anfang an hatten Moras Figuren Körper, Körper, die ins Wasser tauchen, vom Schlamm verschluckt werden, die bluten und sich verfärben, Körper, die andere Körper suchen, die Hunger verspüren oder Durst (das vor allem). Der Großvater, der trinkt, um sich nach der Entziehungskur „wieder in den Griff zu bekommen“. Der Tierpfleger Erasmus Haas, der fünf freie Tage nutzt, um zu Hause zu tun, was ihm das Natürlichste erscheint: „Trinken, trunken werden.“ Und der einem Blutsturz trotzt, ihn aussitzt, sich hochkämpft, gegen die Schwerkraft der Verhältnisse. „Leichtigkeit ist Illusion. Die Gravitation zieht uns“, heißt es in der Erzählung „Durst“. Daß kämpfen nicht zuletzt heißt mit seinem Körper kämpfen, weiß auch Darius Kopp, der „korpulente“ Held von „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ und „Das Ungeheuer“. Sein Kampf ist in ein mildes Licht des Verständnisses getaucht, das Ballett der physischen Wunscherfüllung, vom Cappuccino über die Omelette bis zur Fußmassage und zum ehelichen Beischlaf, konterkariert und verstärkt die Tücken des Objekts wie der Kommunikation.

H wie Heiterkeit
Eine gebürtige Ungarin und – Heiterkeit? Vielleicht aber doch in ihrer Sicht auf die eigene Rolle, ein gelassenes Wissen. Heiter heißt ja auch: klar. Ganz und gar nichts abgewinnen kann die verzweifelt traurige Protagonistin Flora dem Aphorismus: „‚Heitere Resignation – es gibt nichts Schöneres.’ (Marie von Ebner-Eschenbach ist eine selten dumme Plantschkuh. (...))“

I wie Ironie
Natürlich ist Terézia Moras Stimme ironisch, nicht immer, aber immer wieder. Schließlich ist sie die Leserin, Übersetzerin, Bewunderin des Peter Esterházy. Ironie, nicht als die ständig hochgezogene Augenbraue der überlegenen Beobachterin, sondern als mitfühlende Erkenntnis und Anerkenntnis der Differenz zwischen menschlicher Bemühung und Ergebnis. So funktioniert auch der satirische Blick auf die Wasserträger der New Economy, auf den Jargon und die Sprechblasen der Blase in „Der einzige Mann“. Weil Ironie ohne Selbstironie witzlos ist, denkt die Autorin über das eigene Dasein als fast ganz normale Ehefrau und Mutter einer grippekranken Tochter nach und bilanziert: „So muß ich Weltliteratur schreiben.“

J wie Jandl
Daß Ernst Jandl, auch ein Vorgänger, zu Terézia Moras literarischen Galionsfiguren gehört, sagt etwas aus über ihr Verhältnis zur Avantgarde, zum Klangkörper Sprache. Das Erweckungserlebnis: Alfred Hrdlicka (ein Name wie ein Lautgedicht) weiht 1988 sein Antikriegsdenkmal in Wien mit Jandls „schtzngrmm“ ein. So etwas ist also möglich.

K wie Kopp
Er ist Abel Nemas Gegenstück, ein gestandenes Mannsbild mit einem gesunden Appetit auf das Leben, kontaktfreudig und charmant, von innerer Unverwüstlichkeit, so rührend wie ärgerlich in seinem strebenden Bemühen, als IT-Sales-Manager gegenüber dem System, das ihn zugrunde richtet, loyal zu bleiben, der Autorin und unser liebster Protagonist. Doch seine Stärken sind zugleich seine Schwächen im Umgang mit seiner hoch- oder eigentlich: hypersensiblen Frau Flora. „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ ist aber auch der letzte Mohikaner einer Goldgräberepoche, einsam vor seinem Laptop, seinem Handy, scheuklappenbeschränkt, asthmatisch, letzten Endes auch nichts anderes als ein „Idiot“ im griechischen Sinne, ein Eigenbrötler wie Abel Nema, ein Seelenverwandter aus dem Osten, aus der DDR. Am Ende von „Das Ungeheuer“, am Ende seiner Reise auf den – natürlich – Balkan, bleibt ihm von seinem Equipment die Urne mit der Asche seiner Frau. Da darf man sich schon Sorgen machen um ihn und um Band drei der Trilogie.

L wie Literatur
Ein Dialog zwischen Herrn und Frau Kopp: „Morgen. Morgen. Bist du schon lange auf? Eine Stunde. Was liest du da? Die Wand. Was? Das ist der Titel: Die Wand. Gut? Ja. Besser als Morgensex? [Die Antwort nur in Klammern:] (In der Tat, aber ...) Sie lächelte, klappte das Buch zu“ usw. Wer Literatur schreiben will, die besser ist als Morgensex, der muß wirklich früh aufstehen, der muß in jeder Hinsicht aufs Ganze gehen. Terézia Mora hat immer schon gewußt, daß es sich nicht lohnt, „weniger als das Maximale zu versuchen“, hat sich nie bequem eingerichtet auf dem einmal (in ihrem Fall auf Anhieb) erreichten Niveau. Ebner-Eschenbach hat auch gesagt: „Der Charakter des Künstlers ernährt oder verzehrt sein Talent.“ Im Fall Mora bürgt ein wohlgenährtes Talent für eine Literatur, die „alles“ sagen will und verblüffend vieles sagen kann, die das Globale angeht, das total Gegenwärtige und das Zeitlos-Gültige, kurzum: nichts weniger als Weltliteratur. Wer so schreibt, bewegt sich ein Leben lang auf Messers Schneide, beginnt mit jedem Buch neu. Über Moras Schreibtisch soll ein Spruch von Peter Esterházy hängen: „... als hätte es vorher nichts gegeben, neu und herausfordernd wie die aufgehende Sonne ...“.

M wie Melancholie
Alle fünf Bücher sind getränkt mit Melancholie, grundiert mit Schwärze. Die Kehrseite der Heiterkeit, die Antwort auf grundlosen Optimismus. Handelt es sich um ein Schwelgen in Schwermut, um das süße Erdulden des Unvermeidlichen als österreichisch-ungarisches Erbteil? Die Haltung der Autorin vermittelt eher eine wütende Melancholie, eine Melancholie am Kippunkt zum Aufbegehren. Flora hinwiederum ist nicht schwermütig, sondern depressiv. Der Vogel auf der Schulter, das Ungeheuer, nicht abzuschütteln, nicht zu besiegen. Es gibt in der Literatur keine hellsichtigere, keine profundere Anamnese einer Depression als jene, die Mora in ihrer doppelten Buchführung vorlegt, unter dem Strich, wo Floras geheime ungarische Aufzeichnungen die verschwiegene Hälfte des Ehelebens nachliefern, herzzerreißend in ihrem Zuspät, niederschmetternd in ihrem Immerschonvergeblich.

N wie Nahetreten
Ein Zitat als Begründung für das Schreiben: „Weit genug gehen. Das Leben tritt mir zu nahe, also trete ich dem Leben zu nahe.“

Ö wie Österreich
Oder wie Ödenburg, also Sopron, der Geburtsort, eine Stunde von Wien entfernt. Terézia Mora hat nicht unbeträchtliche Anstrengungen unternommen, um sich loszustrampeln, auf und davon zu gehen, nicht nach Wien – „die provinziellste Großstadt, die ich kenne“ –, sondern gleich nach Berlin, zum Studium, zum Leben. Mitgenommen hat sie das Gedächtnis der Kindheit und ihre erste Sprache, zwar nicht den Dialekt, das Kroisbacherische, das sie selbst nie gesprochen hat, aber das österreichische Deutsch. Es sich wieder auszutreiben, „Gramm“ statt „Deka“, „Pfütze“ statt „Lacke“, „Decke“ statt „Plafond“, war so etwas wie die erste Maßnahme auf dem Weg zur Weltliteratur. Das Österreichische beweist indes eine tückische Überlebensfähigkeit in den Sedimenten der exilierten Sprache, bisweilen tritt es unbemerkt aus und sickert ein in den literarischen Text, verleiht ihm eine unerwartete Färbung, eine schöne Nuance. Es steht zu vermuten, daß dies auch für manches Mentalitätsmäßige gilt, für manche literarische Traditionslinie, für den Hang zum Ironischen, zu Rhetorik und Spielfreude, zu düsterem Barock.

P wie Perspektivwirbel
Terézia Mora auf der Höhe ihrer Zeit, auf der Höhe ihrer Kunst, das bedeutet einen unverwechselbaren, einen schwindelerregenden Umgang mit der Erzählperspektive. Seit „Alle Tage“ praktiziert sie diese Methode des sozusagen überfallsartigen Wechsels mitten im Absatz, mehrmals sogar, ein Wirbel aus erster, zweiter, dritter Person, ein Heranzoomen an den inneren Monolog, auch im Dialog (dann in Klammern), ein Karussell der Blickwinkel, ein „Text ohne Werbepause“ (ein Ausdruck der Autorin), bei dem der Leser, wie man in Österreich und vielleicht auch auf Kroisbacherisch sagt, aufpassen muß wie ein Haftelmacher. Es ist dies Moras Art, Joyce und Döblin zu lesen, die klassische Moderne ins 21. Jahrhundert zu beamen, dem Reichtum, der Fülle, dem Chaos des Lebens gerecht zu werden, nein, nicht gerecht zu werden: es zum Sprechen zu bringen. Wir wissen nicht, wo uns der Kopf steht, und vergessen auf Moras bohrenden Scharfsinn, ergötzen uns bloß an Beweglichkeit und Eleganz.

Q wie Querkopf
Wer ein solch spezielles Interesse für Querköpfe hat, der ist vermutlich selber einer. Vermutlich müssen große Schriftsteller – und Schriftstellerinnen – Querköpfe sein, Querulanten der Menschenwürde, quer zur Denkrichtung der Zeit.

R wie Realismus
Der Gottseibeiuns des landläufigen Realismus erscheint Abel Nema im Fliegenpilzrausch, als Persiflage: „Blablablabla. (...) Ein wahrhaft targisches Schicksal! Und so relaistisch beschrieben! Sterzergreifend! Ich kann’s nicht mehr hören, scheiß neue Lust am Erzählen!“ Terézia Moras Realismus ist von anderer Art, umfassender, gieriger, gründlicher. Er verlangt nicht die korrekte, sondern die angemessene Sprache, er verbietet die fromme Lüge. Der Flüchtling heißt Flüchtling, weil er einer ist. Moras kühn gebaute Prosa als Einübung in das Desolate, in das Desolate unser aller Existenz. Realismus ist nicht leicht. Büchner sagt – Sie fragen sich bestimmt längst, wo Büchner bleibt – Büchner sagt, läßt seinen Lenz sagen: „Die Leute können auch keinen Hundsstall zeichnen.“ Und weiter: „Ich verlange in allem – Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist’s gut; wir haben dann nicht zu fragen, ob es schön, ob es häßlich ist (...).“

S wie Sätze
Wer außer Terézia Mora traut sich das schon, Band eins und zwei einer Trilogie mit demselben Satz oder Satzfragment zu beginnen? („Sie beugte sich über ihn, ihre Brüste schwangen nach vorn“ usw.) Moras Sätze sind ehrliche Makler, sie folgen der Verästelung und Zersplitterung des modernen Bewußtseins, von Glied zu Glied, von Zeichen zu Zeichen, sie machen sich auf ins Freie, aber manchmal sind sie auch verstörend schlicht, extrem kurz, Einworthiebe. Sie meiden das Glatte und Gefällige, das Wohlgesetzte, sie bevorzugen die „schlechten Wörter“, wie Ilse Aichinger das genannt hat. Die Formel „Es gilt das gesprochene Wort“, sie steht auch auf diesem Manuskript. Die Formel einer Schriftstellerin lautet naturgemäß: Es gilt das geschriebene Wort. Oder wie Mora formuliert: „Den Satz gibt es nicht, bevor du ihn nicht hinschreibst.“ So macht die Autorin den Satz und der Satz macht die Autorin. Sie existiert in ihren Sätzen. In „Alle Tage“ heißt es: „Einen UNENDLICHEN SATZ sprechen, das wäre gut, aber ist das nicht zu viel für einen einzelnen Menschen?“ Mag sein, doch nichts anderes ist es, was wir ein Werk nennen.

T wie Trotta
Siehe C wie Celan.

U wie Ungarisch
Auch wenn die Autorin Mora sich für das Deutsche als Schreibsprache entschieden hat, wie man sich unter mehreren Talenten für eine Sportart entscheidet, in der man am ehesten Weltklasseleistungen zu erbringen erhofft, auch wenn ihr die Zweitsprache der Kindheit verkümmert erscheint, ein Relikt aus einer anderen Zeit, einem anderen System, eingeschlossen wie in Bernstein, so bildet das Ungarische doch ein unerschöpfliches Reservoir ihrer schöpferischen Phantasie. „Der geheime Text“, wie sie das genannt hat, ist hineinverwoben in das deutsche Kleid, das ihr Oeuvre trägt; er speist sich auch aus dem, was die Leserin, die Hungarologin alles kennt, und dank einer Schultradition, um die wir die Ungarn nur beneiden können, vor allem aus Gedichten – von Attila Jószef, János Pilinszky, Miklós Radnóti und vielen anderen. Zum Dank hat Terézia Mora Werke der ungarischen Literatur von Esterházy bis Zsófia Bán aus dem für uns „geheimen Text“ auf grandiose Weise erlöst.

V wie Vexierbild
Die Menschen, die bei Terézia Mora in den Spiegel schauen, sehen nicht selten das eigene Bild als ein fremdes. Trug und Betrug im Augenschein: Der alte Mann in der Erzählung „Fisch schwimmt, Vogel fliegt“ entpuppt sich, von einem jungen Burschen bestohlen, als Marathonläufer. Als Aliens nehmen einander im grellen Licht plötzlich die jungen Liebenden wahr, zum Lachen, zum Fürchten. Das Kippbild ist die kongeniale Figur dieser Literatur: das Rätsel, dessen Lösung auf der Hand liegt, unsichtbar.

W wie Wut
Muß man es sagen, daß Terézia Mora eine politische Autorin ist? Was sie schreibt, spricht für sich. Es hat mit Wut zu tun und mit Mut. Sie zitiert den Dichter-Maler Lajos Kassák: „Kunst hat kein Ziel, sondern einen Grund.“ Als Autorin ist Mora furchtlos, auch gegenüber der Macht des Ökonomischen. (Der Deutsche Buchpreis für „Das Ungeheuer“ war keiner, an dem die Buchhändler ihre Freude hatten.)

X wie Xenophilie
Xenophil ist Moras Werk von Grund auf, insofern wir alle Fremde sind, Aliens für einander; den „Fremden“ sieht man es nur eher an. Unterschicht, ein häßliches Wort, es verpflichtet zur Suche nach dem einzelnen Antlitz: „Vielleicht sehen sich die Kinder armer Leute tatsächlich alle ähnlich. Die wachsamen, aufsässigen, feigen Gesichter. Der Hunger darin. Die Erde. Ehrgeiz und Schwäche: die Trinkerkombination.“ So steht es in „Durst“ und so in „Lenz“: „Man (...) senke sich in das Leben des Geringsten und gebe es wieder, in den Zuckungen, den Andeutungen, dem ganz feinen, kaum bemerkten Mienenspiel (...). Es sind die prosaischsten Menschen unter der Sonne; aber die Gefühlsader ist in fast allen Menschen gleich, nur ist die Hülle mehr oder weniger dicht, durch die sie brechen muß.“ Was Büchner fordert, ist in Moras Erzählkunst bei aller Vertracktheit eingelöst: „man muß die Menschheit lieben, um in das eigentümliche Wesen jedes einzudringen, es darf einem keiner zu gering, keiner zu häßlich sein (...).“

Y wie Yin-Yang
Nicht daß Mora es so mit dem Fernöstlichen hätte. Doch vom Prinzip des Gegensätzlichen lebt die Spannung in ihrer Literatur: schwach und stark, passiv und aktiv und, natürlich, weiblich und männlich. War hier schon davon die Rede, wie präzis und paßgenau Terézia Mora sich in die männliche Psyche versenkt? Arabeskenreich, aufrichtig sympathisierend, und doch stets mit einem Hauch bemühter Nachsicht.

Z wie Zitatkunst
Es braucht schon eine selbstbewußte Stimme, um so viele fremde Stimmen zu zitieren, zu amalgamieren, bauchrednerisch zu verschlucken. Mitunter auch ihnen den Vortritt zu lassen, ohne sich klein zu machen. Es braucht die souveräne Bescheidenheit der Könnerin, die weiß, daß die Einzigartigkeit ihrer Kunst sich auch der Einzigartigkeit vieler Vorgänger verdankt. Seltsame Materie des kulturellen Erbes, das sich vermehrt, je mehr man davon zehrt.

DANKESREDE

 

Lieber Freund,

ich schreibe dir, weil ich wieder einmal sprechen muss. Es ist der Büchner-Preis, und ich freue mich, aber Preis bedeutet Podium, und Podium bedeutet, man muss körperlich anwesend sein (meistens jedenfalls) und man muss etwas sagen, sich also, wie der Ungar sagt, so und so „ein Gesicht machen“, was viel Gelegenheit für Scham und Fremdscham bietet. Zum Glück hilft die Sprache auch diesmal gleich weiter. In „sich ein Gesicht machen“ ist „machen“ drin, also weiß du, was zu tun ist. Wie immer, beim Schreiben und auch sonst: man muss es machen, so gut es eben geht. Die Form finden, die es einem nicht leichter, sondern überhaupt möglich macht. In diesem Fall: als wäre es keine Rede sondern ein Brief. Wer will, kann das auf Büchner und Wilhelmine Jaeglé und so weiter beziehen. Im übrigen sind diese Briefe ganz lesenswert, weil sie nicht für die Nachwelt, sondern an geschätzte Personen geschrieben worden sind. Natürlich sind auch diese gefiltert, wie denn auch nicht, aber die Gründe dafür sind mehrheitlich persönlich und das ist – das liegt in der Natur der Sache – mit einer verträglicheren Variante von Scham und Fremdscham verbunden.

Ich für meinen Teil habe bisher nicht mehr als 4 Personen Briefe geschrieben. Erst einem jungen Mann, weil er zu den Soldaten musste und er wollte dort Briefe von einer Frau erhalten. Ich verstand das, ich schrieb jede Woche, aber er war nicht zufrieden. Meine „tragisch kurzen“ anderthalb Seiten waren ihm zu wenig. Tut mir leid, schrieb ich, aber mehr ist da nicht. Das war gegen Ende der Diktatur und meiner Kindheit, als ich anfing, die Welt, in der ich lebte, endgültig als zu eng zu empfinden, was – wenig überraschend – mit dem Verlust meiner ersten Sprache einherging.
Zur gleichen Zeit erhielt ich selbst lange, lange Briefe von einer jungen Frau, der es offenbar anders ging, zumindest schien sie ihre Sprache nicht verloren zu haben. In langen, langen Briefen schilderte sie das Leben ihrer Eltern. Ich schilderte daraufhin nicht das Leben meiner Eltern. Ich hörte ihr, so gut es ging, zu. (In einem Brief zuhören. Eine gute Übung für alles mögliche. Auch für künftiges Schreiben.) Sie war jedenfalls länger damit zufrieden als der junge Mann.

Später schrieb ich noch einmal einem anderen jungen Mann. Ihn liebte ich und schrieb im Grunde nur darüber, und er hatte auch nicht viel mehr zu sagen. Gemeinsam zählten wir die Tage: 143 zwischen unserem ersten Treffen und dem zweiten. Wir lebten damals in noch streng von einander abgegrenzten Kleinstaaten wie zwei waschechte Helden der Romantik. Die Briefe waren mindestens 5 Tage unterwegs. Wir schrieben sie auf Luftpostpapier, obwohl sie mit dem Zug fuhren, weil das Porto nach Gewicht berechnet wurde.

Und jetzt schreibe ich Briefe mit Dir, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass sich so alles leichter zusammenhalten lässt. Natürlich werde ich Dir auch noch einen echten Oktoberbrief schreiben, der hier soll mir nur dabei helfen, so einfach wie möglich zu sprechen. Das, hauptsächlich, habe ich mir vorgenommen. Beziehungsweise: entschieden. Natürlich darf man auch dabei nicht zu weit gehen. Sich ohne Not einzuschränken wäre sinnlos und somit lächerlich. Dass ich schreiben darf, dass die Umstände so sind und dass ich es tatsächlich tue (siehe auch: mache), bedeutet nichts weniger, als dass ich sein kann, die ich bin, und das ist ein Punkt, von dem aus es Nonsens wäre, sich selbst und dem Text gegenüber nicht so aufrichtig zu sein wie nur möglich.

Das ist, wie Du weißt, von großer Wichtigkeit, weil es nicht so anfing. Es fing so an, dass wir nicht sein sollten, wer wir waren und nicht sagen, was wir dachten. Respektive: es war vollkommen egal, wer wir waren und was wir dachten. Wir waren Untertanen, die gefälligst ihre Natur im Zaum zu halten und zu schlucken hatten, was man ihnen vorsetzte, und man ging nicht davon aus, dass wir unser Gehirn ebenso benutzen konnten wie die, die Macht besaßen. (Im übrigen: tatsächlich nicht. In Experimenten malen die, denen man gesagt hat, sie seien zum Anführer bestimmt, das L für „Leader“ spiegelverkehrt auf ihre Stirn, damit die anderen es schneller lesen können.)

Diese Phase dauerte, gottlob, nur solange, wie eine durchschnittliche Kindheit in Friedenszeiten. Gerade, als wir volljährig wurden, haben uns die Staaten, die uns bis dahin festhielten mit eiserner Faust, nicht frei, sondern fallen gelassen, nicht, weil sie es wollten, sondern, weil sie nichts mehr wollen konnten, und wir – konnten sehen, wo wir bleiben.

Überspringen wir, durch was für Lücken zwischen zwei Ordnungen man mit einem ungarischen Abitur Studentin in der neuen BRD werden konnte. Ich wurde es und fing an, deutsche Literatur nicht mehr in der Übersetzung, sondern im Original zu lesen. Die ersten Texte, die mir dabei unterkamen, waren:
Büchners WOYZECK und Schillers DIE RÄUBER. Dazu, der Vollständigkeit halber, zwei Übersetzungen ins Deutsche: KÖNIG UBU und DIE KAHLE SÄNGERIN. Das war mein Einstand in Berlin. Es hätte schlimmer kommen können.

Ich dehnte mein dörfliches Kinderdeutsch vom Rand des Sprachgebiets mit Wörtern aus wie: Schreiße, Kotsack und Bärlappenmehl und: Ich bin eine honette Person.
Ich bin eine honette Person, aber Sie! Und dann noch: Er! Wenn
ich sag': Er, so mein ich Ihn, Ihn –
Das hat mich wochenlang beschäftigt. Nicht zuletzt deswegen, weil ich zur gleichen Zeit, also 154 Jahre nachdem das geschrieben worden war, mit einem Begleiter in eine der neu gegründeten Videotheken ging und der Besitzer uns das Prozedere mit folgenden Worten erklärte: „Wenn Er die Kassette nicht rechtzeitig...“ und: „Wenn Er verlängern möchte...“ Und ich: „Wieso sprechen Sie so?“ Der Mann sah mich verständnislos an – Sie macht mich ganz konfus mit Ihrer Antwort – und gab keine Erklärung. Meine Vermutung war: hier suchte auch jemand nach einer Sprache, die ihn durch diese Übergangszeit bringen konnte in eine erhoffte, gehobenere Zukunft, aber wer weiß, vielleicht war es im Jahre 1990 in Berlin-Pankow auch das Alltäglichste, so zu sprechen, nur ich wußte es nicht. Ich war eine Frischzugezogene, weswegen ich auch keine Videokassette ausleihen konnte, denn dafür hätte ich einen Personalausweis vorlegen müssen, den ich nicht besaß. Das Firmenschild dieser Videothek war im übrigen wie ein Landesaufkleber für Autos gestaltet, mit einem großen D in der Mitte des Wortes Video – aber das nur noch am Rande.

Das, im Grunde, ist mein ganzes Leben: ein beinahe pausenloses Schwelgen in Irritationen: Verstehen und Nichtverstehen und erkanntes oder bewusstes Missverstehen. Wenn ich zum Beispiel lese:
Er steht auf seinen Füßen wie ein Löw! und mir beim ersten wie beim hundertsten Mal ein Löwe vorm geistigen Auge (was für ein Ausdruck, auch das!) erscheint, der aufrecht auf seinen Hinterbeinen steht. Dass sich diese Fehlassoziation so gut hält, hängt damit zusammen, dass sie so gut passt: so wird der König der Tiere zur Marktattraktion, zur abgerichteten Kreatur, so fängt er keine Gazelle, so läuft er keinem Jäger davon, so kann er nicht das sein, wozu ihn die Schöpfung vorgesehen hat: ein wahrer und lebendiger Löwe. So ist er, was wir hier brauchen: prätentiös, lächerlich, unfruchtbar.
Der auf den Hinterbeinen balancierende Löwe ist natürlich nicht Teil von Büchners Woyzeck, aber, gleich neben dem „Er-“Sprechenden Videotheksbesitzer, Teil meines (seltsamen) Materials geworden, und mit diesem kann ich machen, was ich will. Oder kann. Oder mich traue. Was mich daran so erfreut ist, dass mir nicht von Anfang an klar war, wie gerne ich spiele. Oder, das vielleicht schon, aber nicht, dass ich es irgendwann tatsächlich würde tun dürfen. Seitdem ich leben darf, wo ich leben will und noch mehr, seitdem ich schreibe, darf ich spielen und das macht mich erst zu einem schönen, freien Menschen.
„Ein schöner, freier Mensch“, so ist es mir eingefallen, so schreibe ich es auf. Damit mir im nächsten Augenblick einfallen kann: 1. das ist ein verkleidetes Attila-József-Zitat und 2. dass ich zwar vermieden habe, die ganzen Artikel, die es anlässlich des Preises gab zu lesen, resp.: ich habe vermieden, sie ganz zu lesen, aber ich habe Überschriften gelesen, und dort stand ein ums andere Mal, dass ich Ausländer und eine Frau sei, also Ausländerin, und die Preisvergabe an mich deswegen ein Signal. Und ich dachte, das sei öffentliche Anerkennung jedes Mal. Natürlich verstehe ich, warum das mit den Ausländern und den Frauen gesagt werden muss, dass die, die es sagen, Gutes damit wollen, aber Tatsache ist auch, dass dadurch ein spezielles (um nicht zu sagen: seltsames) Licht auf den schönen, freien Menschen fällt. Er sieht anders geworden darin aus, und das ist im eigentlichen Sinne des Wortes: merkwürdig.
Ich weiß, das ist schwierig, und natürlich geht es nicht um Einzelne, sondern um Teilhabe, darum, wer, was, wie die Rede wert ist – also ist es wohl richtig, diese Themen wenigstens anzudeuten. Dass niemand, der kategorisiert wird, ob nun einhergehend mit dem Hervorheben seiner Verdienste oder dem Gegenteil, sich dabei schön oder frei fühlt, damit muss der Mensch wohl leben.

Ebenso, wie das Mensch.
Auch das habe ich bei Büchner gelernt. Dass es das gibt: das Mensch. Mehrzahl: die Menscher. Apropos Teilhabe. Da haben wir die nur für unser Geschlecht gedachte Bezeichnung. In Singular und Plural! Allerdings steht im Duden, dass diese Bezeichnung „meist abwertend“ gemeint ist. Hm. Weibsbild, Mannsbild, so bezeichnet meine Großmutter alle Frauen und Männer. Der Duden dazu: Weibsbild: häufig abwertend. Mannsbild: besonders auf die äußere Erscheinung angewendet. Ein gestandenes Mannsbild. Ein Bild von einem Mann. Ein Bild von einer Frau. Vergleiche diese beiden Sätze.
Da fällt mir ein, dass ich beim ersten Lesen dachte, Zickwölfin sei eine gebräuchliche Bezeichnung für eine liederliche (also: gefährliche) Frau. Und selbst nachdem ich (sogleich) gelernt habe, dass das ein Nachname ist, lasse ich, wie schon beim balancierenden Löwen, von der Assoziation nicht ab. Wenn Büchner gewollt hätte, dass wir anders assoziieren, hätte er Marie Schön und Hold und Rein genannt. Frei wohl eher nicht. Das war damals noch nicht drin. Wobei Büchner, hält man sich die Zeit vor Augen, bemerkenswert wenig negative Vorurteile gegenüber Frauen pflegt. Seine Frauenfiguren sind nicht gerade revolutionär, aber man kann etwas aus ihnen machen, und zwar ohne sie in ihr völliges Gegenteil verkehren zu müssen, und das ist gut. Eine gute Arbeit.
(In Klammern: Gut ist auch, dass ich das in Deutschland und auf deutsch sage, denn auf ungarisch gäbe es dazu ein berühmtes Dichterzitat, in dem eine gute Arbeit als „Männerarbeit“ bezeichnet wird. Zum Glück kennen wir dieses Zitat hier nicht.)

Ich verbrachte mehr oder weniger meine gesamte Studienzeit mit Büchner. Eine Weile verfolgte ich sogar den Traum, aus LEONCE UND LENA einen Film zu drehen (Videokameras wurden gerade leichter erreichbar; groß und schwer wie vollgepackte Aktenkoffer). Ich lag mit einem jungen Mann auf einer Matratze auf dem Boden meines Untermietszimmers und wir lasen uns vor. Er war ein Leonce mit sächsischem Akzent und ich eine Lena, die kaum zwei Sätze in einem Zug vorlesen konnte. Wenn mich jemand aus dem Schlaf klingelte, sprach ich ihn oft noch auf ungarisch an. Aus dem Film wurde nichts, denn abgesehen davon, was uns sonst noch dazu fehlte (alles), ließ ich von den wortreichen Prinzen und Prinzessinnen wie auch von gerade scheiternden Revolutionären bald ab, obwohl mir ihre Absurdität und Traurigkeit gefiel, aber zwischen zwei Sprachen und zwei Lebensaltern stehend merkte ich: ich bin dem noch und vielleicht für immer zu fern. Ich war und fühlte mich den brüchig sprechenden Plebejern näher. Der junge Mann, der den Leonce sprach, das habe ich vergessen zu erwähnen, war, ausser, dass er Sachse war, auch noch ein ehemaliger Stotterer, und beides ließ sich nicht vollständig abtrainieren. (Wenn ich bedenke, hätte es doch eine wunderbare Variante werden können. Ein Leonce, der so unpassend sprach wie er, eine Lena, die so unpassend sprach wie ich. Egal. Vorbei. Womöglich ist das, wie so vieles, auch nur in der Erzählung schön.)
Die schwere Sprache also, das beinahe-Stottern habe ich als die Materie erkannt, aus der ich meine eigene Sprache machen würde. Die brüchige, nach Orientierung suchende Sprache des Woyzeck ist vermutlich nur so, weil wir es mit einem Fragment zu tun haben, aber für meine und unsere Zwecke ist das egal. Wir haben es uns so zu eigen gemacht, weil sich in diesen Spiegelscherben eine Wahrheit zeigte, die uns gefiel. Der immer gehetzte, von allen betrogene und verwirrte Woyzeck. Zwischen drei Jobs hechelnd hat er nichts und niemanden, der ihm hülfe. Nicht seine eigene beinahe-Wortlosigkeit und nicht die Bildungszitate, die seinem Autor gehören, nicht die Lieder und Märchen seines Kulturkreises – nicht einmal die Stimmen in seinem Kopf sind auf seiner Seite. (Sind sie das jemals? – Doch, manche sind es. Aber diese nicht.) Denke ich an ihn, sehe ich ihn in großen Stiefeln vor mir. Soldatenstiefel, sicherlich, aber ich sehe sie wie riesige Gummistiefel vor mir, wie sie meine Großväter und Urgroßväter trugen. Zwischendurch auch sie Soldatenstiefel. Sie haben alle überlebt. Enteignet und fast vertrieben, aber letzteres dann doch nicht oder nur teilweise. Sie lebten nie unter einer guten Regierung, aber sie hätten sich trotzdem nicht einspannen lassen für einen Krieg gegen die Paläste, sie hätten zu viel Angst gehabt um das wenige, das sie hatten, und das sie selbstverständlich trotzdem verloren, und man musste sie über die Situation nicht aufklären, sie wussten, dass es einen Frieden für die Hütten niemals geben würde. Durch die Hütte, als solche, rollt die ganze Welt. Die Hütten sind immer offen, auch wenn die Grenzen zu sind. Das ist ein Wissen, das ich mitgebracht habe, aber auch – und das sehen wir wieder im Woyzeck – dass die Umstände allein noch nicht reichen, um etwas tragisch werden zu lassen. Es ist das, was du tust oder eben nicht tust.

Bis ich hierher gekommen bin, bin ich doch traurig geworden. Selbstzitat. Eigentlich sollte an dieser Stelle, um das vorangegangene Pathos auszugleichen und die Spannung zu lösen, ein launiger kleiner Abschnitt über die Barbe folgen. Die Namen der Barbe auf Ungarisch. Das lief auf eine schöne Pointe hinaus. Ich schrieb sie, sah, dass sie gut war, und dann: wurde ich traurig. Nicht, dass mich Gelingen oder Heiterkeit in einem Text generell traurig stimmen würde. Obwohl ich aus Mitteleuropa zweifellos eher die Melancholie als den grotesken Witz mitgenommen habe. Beide haben ihren Ursprung in dem Wissen, das wir alte Europäer miteinander teilen, wonach wir, ob wir nun etwas tun oder nicht tun, auf jeden Fall einen Preis zahlen werden, den wir als zu hoch empfinden. Wenn wir Woyzeck, und noch mehr, wenn wir Marie sind, wird er auch wirklich hoch sein. Aber das macht mich nicht traurig.
Eigentlich bin ich es auch nicht. Eher enttäuscht. Was darauf hindeutet, dass ich Besseres erwartet hätte. Was ist passiert? Ach, nicht Besonderes, nur, dass sich in den drei Monaten, seitdem ich diesen Text angefangen habe, die öffentliche wie die private Rede in eine Richtung radikalisiert hat, die uns zu recht „besorgt“ (Wort!) sein lässt, und gerade, als ich bei der Barbe angekommen war, gelangte genügend davon ins Innere, um mich aus dem Takt zu bringen. Was eigentlich eine gute Sache ist. Dass dich die Realität irritiert, während du Fiktion herstellst, heißt, dass ihr beide euren Job macht. Ich bin nur etwas mitgenommen von der Qualität der Irritation. Früher konnte ich sagen: hetzerisches Reden findet in Deutschland wenigstens nicht auf Regierungsebene statt. Das kann ich so nicht mehr. Der Fisch stinkt vom Kopf her, aber, machen wir uns nichts vor, auch überall
anderswo.
Nicht, dass das etwas wäre, das einen überraschen müsste. Es sind immer alle an Board und manchmal eben auch auf Deck. Das habe ich von Katja Lange-Müller gelernt. Die Sätze, die mich hier trösten sollen, sind: “So sind wir“ und „Auch dieses wird vorübergehen“. Beide helfen, und beide lösen auch wieder Scham aus. Aber vielleicht ist es diese Scham, die hilft. Erneut: Die Stimmen mögen sagen, was sie sagen, was du tust oder nicht tust, darauf kommt es am Ende an.
Ich, für meinen Teil, weil ich Schriftstellerin bin, tue solche elitären Sachen, wie Woyzecks Stiefel in den Roman stellen, den ich gerade schreibe. Das habe ich schon einmal getan, in DAS UNGEHEUER, aber jetzt tue ich es noch einmal. (Zweimal geht.) Als Verbeugung und Datierung, und um mich daran zu erinnern, dass wir die meiste Zeit mit Fieber, Mühsal, verlorenen Träumen und Wahnsinn zu tun haben, mit Abgründen, die uns manchmal, und mit Schaum auf der Welle, der uns tagtäglich schwindeln macht, aber ab und zu eben auch mit Spiel und Schönheit. Und dass ich wenigstens Letzteres in der Hand habe, und dass mich das in meinem Menschsein erhöht. Auch wenn man unglaublich wenig erreichen kann. Auch + wenn + man + unglaublich + wenig + erreichen + kann. Wenn Zusammenfügen nicht hilft, nimm es auseinander. Das habe ich von Péter Esterházy gelernt. Gegen den, neben Anderen als „linksliberal“ verschrieenen Künstlern und überhaupt gegen jede Form von Intellektualität, zur Zeit eine Kampagne in Ungarn läuft, wonach „wir uns vom Gedanken verabschieden sollten, dass EP ein guter Schriftsteller war“, denn hier, in seinem Buch Soundso, an dessen Titel wir uns nicht einmal korrekt erinnern können, „da stehen doch nur Wörter drin, eins nach dem anderen“. Und wir lachen und weinen zur gleichen Zeit, denn „nur Wörter, eins nach dem anderen“? Mehr noch: manchmal sogar eins vor dem anderen. Weinen und lachen. Wenn Auseinandernehmen nicht hilft, füge es zusammen.
Und erzähle die Sache mit der Barbe doch noch.
Dass nämlich Büchner seine Doktorarbeit über die Barbe schrieb, und weil das ein Wort ist, das ich in Scrabble legen könnte, ohne zu wissen, welcher Fisch das ist, habe ich nachgesehen, ob ich es vielleicht auf Ungarisch weiß. Die Antwort ist, dass nein. (Dieser Satzbau wiederum ist ein Capek-Zitat. Siehe meine fremden Federn! Sind sie nicht schön?) Márna jedenfalls sagt mir genauso wenig wie Barbe. Aber! Es gibt für diesen Fisch natürlich auch im Ungarischen mehr als nur eine Bezeichnung, und wenn man diese Reihe von Namen spiegelübersetzt, kommt Folgendes heraus: Welskarpfen, Alpenbarbe, Martinsfisch, Marina, Martinsbrasse, Merenne, Großmarin, Barbenfisch, Rosenfisch, Rosenbarbe, slowakische Brasse, slowakischer Stör, Judenfisch sowie slowakischer Judenstör.
Noch einmal: Slowakischer Judenstör.
Sag nicht, da steckte nicht alles über Mitteleuropa drin. Also: über die Welt des Menschen. Weinen und lachen.

Hier höre ich auf. Romane können lang, Briefe und Reden sollten höchsten mittelkurz sein. Hja. Das nächste Mal schreibe ich Dir über den November, also vermutlich über Phantastische Tierwesen und Darius Kopp. Bis dahin halte dich und fühle dich gehalten.