Literaturpreis Prenzlauer Berg 2016 - die Würfel sind gefallen.

Am Samstag, 12.3. haben wir in der Alten Kantine der Kulturbrauerei den LITERATURPREIS PRENZLAUER BERG 2016 vergeben. Nominiert waren zehn Texte zum Thema GRENZENLOS. Die AutorInnen trugen ihre Texte vor der Jury und sehr zahlreichem Publikum vor. Prämiert wurden:

1. Platz: Jan Weidner: "Fragmente"

2. Platz: Angela Lehner: "Bernhards Angst"

3. Platz: Nadine Schneider: "3 Kilometer"

Jury: Anne-Dore Krohn (Kulturradio vom rbb), Kristina Kress (Ullstein Verlag) und Julia Eichhorn (Literatur- und Medienagentur Graf & Graf).

 

Nachfolgend die Laudatio von Anne-Dore Krohn auf Jan Weidner

Der erste Preis des Literaturpreises Prenzlauer Berg 2016 geht an einen Erzähler, der das Erzählen selbst zum Gegenstand macht. Sein Text wirft uns in eine Familie eigentümlicher Chronisten. Ein Sohn sitzt am Krankenbett der Mutter, er soll ihr Leben aufschreiben. Aber Erinnerung ist immer etwas Geformtes. Wie haltbar sind Bilder aus der Vergangenheit? Jan Weidner verknüpft in seinem Projekt „Ekel und Ekstase“ verschiedene Zeitebenen und Medien - Tonbandaufnahmen und Fotos, Sätze und Erinnerungen. Sie schieben sich kunstvoll über- und ineinander und ergeben kein eindeutiges Bild, aber eine eindeutige Erkenntnis des Erzählers: „Das war ich nicht!“. Ein handwerklich beindruckendes Spiel mit Erzählformen, in dem auch bekannte Identitätsromane der Literaturgeschichte mitschwingen.

 

Nachfolgend die Laudatio von Julia Eichhorn auf Angela Lehner

Der 2. Preis geht an einen Text, der uns atmosphärisch gepackt hat. Wir wurden hineingezogen in eine Welt zwischen Traum und Märchen: Brüderchen und Schwesterchen verloren im Wald. „Bernhards Angst“ öffnet beiläufig Abgründe; mit einem Satz werden Gewissheiten in Frage gestellt. Beeindruckt hat uns auch die starke Stimme der Protagonistin, die bis zuletzt ambivalent bleibt und die Neugierde des Lesers weckt. Den ersten Satz kann und sollte man wie einen kleinen Schatz mit nach Hause nehmen: „Dass man Angst hat, heißt nicht, dass man sich auch fürchten muss.“ Herzlichen Glückwunsch, Angela Lehner!

 

Nachfolgend die Laudatio von Kristine Kress auf Nadine Schneider

Der Text, dem wir den dritten Platz zuerkennen, beginnt mit dem schönsten ersten Satz: „Der Fahrtwind war der schönste Begleiter.“ Dieser Satz ist pure Verheißung und macht einen riesigen Erzählkosmos auf, bei dem nicht abzusehen ist, was den Leser dort alles erwarten wird. Und natürlich stellen sich die Fragen: Wen begleitet der Fahrtwind, und wohin?

Die Protagonistin des Textes befindet sich topographisch und emotional in einem Grenzgebiet. Sie steht – ganz wörtlich – zwischen zwei Männern, den einen liebt sie, mit dem anderen ist sie zusammen. Und topographisch liegen nur drei Kilometer zwischen der Freiheit und dem, was sie kennt und nicht verlassen will, die „heißen Augusttage und die Winter, deren Kälte sich fest gegen die Fenster drückte“.
Nadine Schneider deutet in ihrem Text „3 Kilometer“ vieles nur an, was meist kunstvoll gelingt und doch hätte man sich an der einen oder anderen Stelle gewünscht, dass die Versprechen, die dadurch gemacht werden, auch eingelöst werden. Vollkommen überzeugt hat uns die sprachliche Raffinesse, mit denen sie von diesen dreien im Grenzgebiet erzählt, in lebendigen, überraschenden und immer originellen Bildern, mit denen sie plastisch und faszinierend die komplizierte Innen- und Außenwelt ihrer Figuren beschreibt.
Herzlichen Glückwunsch an Nadine Schneider!