Literaturpreis Prenzlauer Berg 2016 - die Würfel sind gefallen.

Am Samstag, 12.3. haben wir in der Alten Kantine der Kulturbrauerei den LITERATURPREIS PRENZLAUER BERG 2016 vergeben. Nominiert waren zehn Texte zum Thema GRENZENLOS. Die AutorInnen trugen ihre Texte vor der Jury und sehr zahlreichem Publikum vor. Prämiert wurden:

1. Platz: Jan Weidner: "Fragmente"

2. Platz: Angela Lehner: "Bernhards Angst"

3. Platz: Nadine Schneider: "3 Kilometer"

Jury: Anne-Dore Krohn (Kulturradio vom rbb), Kristina Kress (Ullstein Verlag) und Julia Eichhorn (Literatur- und Medienagentur Graf & Graf).

 

Nachfolgend die Laudatio von Anne-Dore Krohn auf Jan Weidner

Der erste Preis des Literaturpreises Prenzlauer Berg 2016 geht an einen Erzähler, der das Erzählen selbst zum Gegenstand macht. Sein Text wirft uns in eine Familie eigentümlicher Chronisten. Ein Sohn sitzt am Krankenbett der Mutter, er soll ihr Leben aufschreiben. Aber Erinnerung ist immer etwas Geformtes. Wie haltbar sind Bilder aus der Vergangenheit? Jan Weidner verknüpft in seinem Projekt „Ekel und Ekstase“ verschiedene Zeitebenen und Medien - Tonbandaufnahmen und Fotos, Sätze und Erinnerungen. Sie schieben sich kunstvoll über- und ineinander und ergeben kein eindeutiges Bild, aber eine eindeutige Erkenntnis des Erzählers: „Das war ich nicht!“. Ein handwerklich beindruckendes Spiel mit Erzählformen, in dem auch bekannte Identitätsromane der Literaturgeschichte mitschwingen.

 

Nachfolgend die Laudatio von Julia Eichhorn auf Angela Lehner

Der 2. Preis geht an einen Text, der uns atmosphärisch gepackt hat. Wir wurden hineingezogen in eine Welt zwischen Traum und Märchen: Brüderchen und Schwesterchen verloren im Wald. „Bernhards Angst“ öffnet beiläufig Abgründe; mit einem Satz werden Gewissheiten in Frage gestellt. Beeindruckt hat uns auch die starke Stimme der Protagonistin, die bis zuletzt ambivalent bleibt und die Neugierde des Lesers weckt. Den ersten Satz kann und sollte man wie einen kleinen Schatz mit nach Hause nehmen: „Dass man Angst hat, heißt nicht, dass man sich auch fürchten muss.“ Herzlichen Glückwunsch, Angela Lehner!

 

Nachfolgend die Laudatio von Kristine Kress auf Nadine Schneider

Der Text, dem wir den dritten Platz zuerkennen, beginnt mit dem schönsten ersten Satz: „Der Fahrtwind war der schönste Begleiter.“ Dieser Satz ist pure Verheißung und macht einen riesigen Erzählkosmos auf, bei dem nicht abzusehen ist, was den Leser dort alles erwarten wird. Und natürlich stellen sich die Fragen: Wen begleitet der Fahrtwind, und wohin?

Die Protagonistin des Textes befindet sich topographisch und emotional in einem Grenzgebiet. Sie steht – ganz wörtlich – zwischen zwei Männern, den einen liebt sie, mit dem anderen ist sie zusammen. Und topographisch liegen nur drei Kilometer zwischen der Freiheit und dem, was sie kennt und nicht verlassen will, die „heißen Augusttage und die Winter, deren Kälte sich fest gegen die Fenster drückte“.
Nadine Schneider deutet in ihrem Text „3 Kilometer“ vieles nur an, was meist kunstvoll gelingt und doch hätte man sich an der einen oder anderen Stelle gewünscht, dass die Versprechen, die dadurch gemacht werden, auch eingelöst werden. Vollkommen überzeugt hat uns die sprachliche Raffinesse, mit denen sie von diesen dreien im Grenzgebiet erzählt, in lebendigen, überraschenden und immer originellen Bildern, mit denen sie plastisch und faszinierend die komplizierte Innen- und Außenwelt ihrer Figuren beschreibt.
Herzlichen Glückwunsch an Nadine Schneider!

 

DIE TEXTE (allesamt Romanauszüge)

 

1. JAN WEIDNER: FRAGMENTE

Fragmente Eins

Der dritte Tag beginnt noch vor dem Morgengrauen.
Ich sitze an einem Schreibtisch, der nicht meiner ist, und spüre Magdeleine und Keltermann in meinem Rücken schlafen. Flüchtiges, Halbgedachtes habe ich auf kleinkariertem Papier notiert und vergleiche das Blatt mit dem Raster, das unsere Pläne, die meine sind, bereits über den anbrechenden Tag gelegt haben. An der linken oberen Ecke beginnend fülle ich ein Kästchen nach dem anderen mit schwarzer Tinte – jedes einzelne einem genau, aber lediglich subjektiv messbaren Zeitraum entsprechend, werde ich schließlich auch meine halbgedachten Notizen gelöscht haben, sobald das letzte Kästchen gefüllt sein, sobald es gelten wird, in der gebotenen Hektik aufzubrechen.
Möglicherweise hatte die Gewissheit über diesen verdeckenden, übertünchenden Mechanismus einer ebenso ablaufenden wie voranschreitenden Zeit die Mutter veranlasst, mir mein Versprechen abzunehmen, das nicht weniger enthielt, als dass ich ihr Leben aufschreiben würde. Ich, der ich bis dahin zwar geschrieben, nie aber aufgeschrieben hatte, weder mich selbst noch sonst jemanden aufgeschrieben hatte, musste ihr am Krankenbett versprechen, ihr Leben aufzuschreiben, wie sie es ausdrückte – und es war klar, dass sie mit ihrem »Mein Leben« dasjenige meinte, das sie sich und allen Anderen, vor allem aber mir bis dahin vorenthalten hatte. Ihr Leben, das vor der Aussiedlung und somit vor meiner Geburt liegt, den beiden Punkten, die das Ende ihres Lebens, zumindest ihres erzählens- und aufschreibenswerten Lebens markieren, weil es im Danach nichts mehr von Wert gibt; weil die Chronistenpflicht dort endet, wo die Fotografien meiner Kindheit und meines Geburtsortes die weißen Seiten im Album ablösen. Fotografien kümmert es nicht, ob das, was sie dokumentieren, inhaltsleer oder bedeutsam ist.
Bei der Mutter, lasse ich einen tröstenden und verräterischen Gedanken fallen, besteht das verbleibende Raster noch nicht aus Minuten. Vielleicht aus Jahren oder Monaten; vielleicht aus Wochen, sage ich mir, nicht aber aus Tagen, auch nicht aus den Tagen, die ich mir von der Mutter gestohlen habe, die ich mir angeeignet und mit den Requisiten meiner sinnlosen Recherche gefüllt habe: den Fotoapparat, das Notizbuch habe ich in die Tasche gepackt, den Füllfederhalter und die Broschüren von Kapellen, Kirchen, Sehenswürdigkeiten habe ich in die Tasche und die Tasche in den Kofferraum gepackt, habe den Kofferraum geschlossen und Magdeleine und Keltermann ins Auto gepackt und angepackt habe ich nichts außer dem Lenkrad und dem Schalthebel, denn Sinn und Zweck dieser Fahrt, sage ich mir wieder, war es, nichts anzupacken, mich davor zu drücken, etwas anpacken zu müssen, mich davonzustehlen vor meinem Versprechen und der Erkenntnis, dass ich es nicht werde einlösen können.

Zwei
»Im Jahre 1913 schlug der Blitz in die Mühle. Er hat einen Flügel und ein Mittelstück zerspalten. Der eiserne Wellkopf hat den Blitz angezogen, ist dann durch 2 Paar Steine gegangen, durch den Steinschöler, hat mit [sic] die Stiftentrommel zerrissen und von da ist er auf einen geschmiedeten Nagel gekommen und hat am Ständer unten beim Kreuz noch ein Stückchen Holz herausgerissen, bevor er in die Erde gefahren ist.«*
Irgendwann werde ich also ans ›Bärner Ländchen‹ schreiben müssen, und die Zeitschrift der anno 1946 aus Bärn und Großwaltersdorf Ausgesiedelten wird dann meine ungelenken Sätze auf ihr chlorfrei gebleichtes Billigpapier drucken müssen und die beigelegte Fotografie, die das Elternhaus der Mutter zeigt. »Neben dem Haus standen zwei Eschen, ein Birnbaum«, beginnt die Schilderung der Mutter, ich dagegen werde hartherzig bleiben und jedes Wort auf die Goldwaage legen, bevor ich es in die Tastatur der Schreibmaschine hacken werde. Ich werde mir die ungelenken Sätze auf der Zunge zergehen lassen, sie abschmecken, die allzu abgeschmackten Bilder – Stare im Eschengeäst, im Brunnenwasser gekühlte Milchkannen – werde ich gründlich versalzen: »Vom Haus steht kein Stein mehr, auf den Feldern wachsen wilde Bäume.«
Ich werde dem Knistern und Knacken des Diktiergeräts lauschen, dem Rauschen der Aufnahme, das mich in die mütterliche Stube zurücktragen wird:
Asthmatisch quält sich ein Traktor bergauf. Licht schlägt wie eine salzige Brandung ins Zimmer. In ihren Bilderrahmen hängen Brautpaare krumm und schief an der Stubenwand, darunter liegt die Mutter auf dem Scheslon: Die Hände auf dem Bauch gefaltet, den Blick zur Decke geheftet diktiert sie ihre Kindheitserinnerungen, schöpft Brunnenwasser in Blechkannen oder findet Krebse im Flussbett – presst plötzlich die Finger der linken Hand auf die Augen, gräbt die Finger der rechten Hand in den Stoff ihrer Schürze und diktiert, der erste Gatte sei erschossen worden, da sei der Krieg schon vorbei gewesen.
Das Diktiergerät wird das Band abspulen, ich werde Luft holen und nochmals ansetzen:
Hinter staubigen Glasscheiben sind Brautpaare ins ewige Glück gebannt, winzige Nadeln durchbohren ihre Brustkörbe und heften sie an den Tag der Trauung, darunter grinsen die im ehelichen Schoß geborenen Kinder milchzähnig ins Sonnenlicht und strecken der Kamera ihre Einschulungstüte entgegen; die Mutter steckt Geld in Briefumschläge, zur Einschulung, zur Erstkommunion, irgendwann zur Hochzeit ... – Die Luft wie Windmühlenflügel schlagend werfen die Arme des Erschossenen in den Ackerfurchen flackernde Schatten, aufprallt sein Körper wie vom Blitz getroffen. Hinter Bäumen ragt verwittertes Mauerwerk aus der Erde. Flusswasser, in dem man die nackten Füße kühlt, wäscht über einen glatten Krebsrücken und reißt das Tier samt Schale fort, mit einem platzenden Geräusch lösen sich patronenförmige Kieselsteine aus dem Flussbett und schnellen mit der Strömung davon, suchen die entblößte Brust. Aus seiner Schwarzweißfotografie stierend fragt sich der erschossene Gatte, ob Blicke töten können, der Fleischhauer Kummerer lässt den Hammer sinken und rückt sein Hitlerbärtchen zurecht, die Mutter wickelt meinen Brief ans ›Bärner Ländchen‹ um einen Stein, mit der faustgroßen Wurfpost schlage ich auf die Scheiben der Hochzeitsbilder und breche das Eis, den Beinah-Vater, den ersten Gatten im Arm eingehakt – der war bei der SS und wusste von nichts – erscheine ich den Herausgebern des ›Bärner Ländchen‹ im Schlaf, zwischen den gebleckten Zähnen ein herausgebissenes Stück Hakenkreuzholz, auf dem ich bis zum Ersticken kaue und würge, bevor ich heulend in die Erde fahre.

Drei
Das Kind, das ich in Händen hielt, trug ein weißes, am Saum mit Spitzen besetztes Hemdchen, seine Augen waren geschlossen, sein Gesicht einer unsichtbaren, lediglich auf den hellen Lidern zu erahnenden Sonne zugewandt. Für ein paar Minuten am Tag gehörte dieses Kind mir, ich konnte mit meinen Fingern über seine Finger streichen, über die nackten, vom Sonnenbrand erhitzten Ärmchen, an denen sich die Haut schälte. Vielleicht verwunderte mich diese sonnenbrandige Haut, die dennoch stets hell blieb, weiß, wann immer ich nach dem Kind sah, nachschaute, ob es noch da war, ob es schon gewachsen war, ob sein dunkler Haarschopf dichter geworden oder der Ausdruck seines schlafenden Gesichts älter geworden war, und dann versuchte, es möglichst unverwandt anzusehen – bevor ich den Kasten wieder öffnete und die Fotografie zurücklegte, von der ich heute nur sagen kann, die Mutter habe sie mir einmal aus der Hand genommen und meinem fragenden Blick erwidert: »Das bist du.«
 

Vier
Der Mutter gehe es schlecht – eine solche Aussage, antworte ich der Kusine am Telefon, sei wertlos, sei auch den Atem nicht wert, den es koste, sie zu treffen. Eine solche Aussage lege keinen Kontext fest und hänge zwangsläufig in der Luft, oder anders: im Äther, verbessere ich mich, sie hänge im Äther, in den sie von der Kusine hineingesagt worden sei, und es sei nicht möglich, aus einer solchen Aussage einen wertvollen Gedanken oder gar einen Entschluss zu ziehen. Der Mutter gehe es immer schlechter, verbessere ich die Kusine, das sei eine Aussage, mit der etwas anzufangen sei, weil sie einen Kontext festlege, einen Kontext aus Tagen oder Wochen oder Monaten, die möglicherweise noch verblieben. Wäre aber in meiner Mutter der Gedanke entstanden, es gehe zu Ende mit ihr, dann würde sie nicht nach mir fragen, sondern nach dem Pfarrer oder dem Notar, die ihr in diesem Fall sehr viel nützlicher wären; die Mutter, sage ich der Kusine, habe immer nur nach mir gefragt, wenn ich ihr habe nützlich sein können, ich sei im Grunde erst interessant für sie geworden, als sie mich habe nutzen können – nutzen, wiederhole ich der Kusine, ich wolle nicht: ausnutzen sagen –, als sie mich habe nutzen können als Zuhörer und Chronist ihrer sogenannten Lebensgeschichte. Und auch jetzt, sage ich der Kusine und lege auf, interessiere die Mutter an mir lediglich die Tatsache, dass ich nicht anwesend sei.

Fünf
Und wenn sie mir dann meine Kindheit beschreibt: Das war ich nicht.

Sechs
Und wenn sie mir erzählt, was ich mir von ihr habe erzählen lassen, wieder und wieder – Rauschen, ihre Stimme, Räuspern, mein hörbares Schweigen, das Einrasten der Stopptaste, das Rattern der Spulen, über die das Band läuft, vor und zurück – und wieder die Stimme der Mutter, und was sie mir erzählt: Ich glaube es ihr nicht. Ich glaube ihre Erzählungen aus der Heimat nicht, die Jahreszahlen, die Ortsnamen glaube ich ihr nicht, die Stammbäume, die sie mir zum Beweis in die Hand drückt, die Heirats- und Geburtsurkunden, die Reliquien der Groß- und Urgroßeltern, die Fotografien, aus denen Gesichter starren, die ich nicht kenne, die mir fremd sind und deren Fremdheit ich mir so lange bewusst mache, bis ich mir selbst fremd werde, wie ich da grinsend in der Einfahrt stehe und die Schneeschaufel in den Fäustlingen halte und die Einfahrt in tausend kalten Wintern nicht vom Schnee befreit haben werde, weil sich nichts mehr ändern wird, weil ich mir fremd und zum Kind in mir geworden bin, das ein eingefrorenes Grinsen im Gesicht trägt, immergleich, vor Gegenden, die ich schon längst vergessen habe, die ich vergeblich von der Hirnrinde zu kratzen versuche wie Eingebranntes vom Kochtopfboden: In Tirol, in der Einfahrt, vor der Fototapete, vor dem Kindergarten, vor dem Christbaum, am Bodensee, am Waldrand ... – Öder Löwenzahn in der Schotterstraße. Rostende Ackermaschinen. Vogelnester in ausgeschlachteten Autokarossen. Ich lege einen Laubteppich aus alten Fotografien, eine Windböe entlaubt die Baumkronen, treibt Stöße eng beschrifteter Blätter zusammen. Ein Zittern geht durch den Waldboden, die Typenhebel meiner Schreibmaschine fressen sich durchs Unterholz, schlagen ins Mauerwerk leerstehender Häuser, machen entvölkerte Dörfer dem Erdboden gleich – Schlag um Schlag schreibe ich uns weg, streiche uns Satz für Satz aus dem Leben, und was ich schreibe, glaube ich nicht. Die Fotografien, die letzten Beweisstücke, bleiche ich im ätzenden Wasser der Fischteiche.

Sieben
Immer, wenn es mich plötzlich überkommt, wenn mich des Nachts oder in den stillen Zwischenstunden des Tages der kindische Wunsch überkommt, die Mutter möge sich vor mir rechtfertigen, stelle ich mir vor, wie sie mir, um mir nicht in die Augen sehen zu müssen, einen Brief ans ›Bärner Ländchen‹ diktiert, und ich stelle mir vor, wie ich ein Blatt Papier auf die Schreibmaschinenwalze klemme und schreibe:
Wenn vom Gestern nichts mehr bleibe, wenn man vom Gestern weggerissen werde, bevor man sich habe abnabeln können: es müsse doch verständlich sein. Wenn man ständig auf die immergleichen Worte zurückgreifen müsse, die man nicht aussprechen könne, weil sie einem schon von Anderen aus dem Mund genommen worden seien, von denen, die genau das Immergleiche aussprächen wie man selbst, weil sie das immergleiche Gestern teilten, weil das Teilen eines weggerissenen Gestern eine Immergleichmacherei sei: es müsse doch mehr als verständlich sein. Und man könne doch nur Stillschweigen wahren und stillschweigende Zustimmung erwarten, wenn nichts mehr zu sagen bleibe, wenn alles nur noch ein Nachsatz sei, eine billige Kopie oder eine Verfälschung oder Verspottung des Lebens vor dem toten Punkt, der aus dem Gestern das Gestern gemacht oder es als Ewiggestriges gekennzeichnet habe, das nur noch als in immergleiche Worte gefasste Erinnerungen existiere oder als jeder Beschreibung spottendes Totenbild des ersten und eigentlichen Sohnes, dem das Überschreiten des toten Punktes nicht möglich gewesen sei und der lediglich als ewiggestrige Fotografie existiere, von der ich heute nur sagen kann, die Mutter habe sie mir einmal aus der Hand genommen und meinem fragenden Blick geantwortet: »Das bist du.«

Acht
Ein Hund schlägt an, als die ersten Häuser ins Rutschen geraten.

* aus: Johann Hoffmann, Groß-Waltersdorf – Aus der Geschichte des Schieferdorfes im Odergebirge, Verlag Adolf Gödel, Wolfratshausen 1965

 

2. ANGELA LEHNER: BERNHARDS ANGST

Dass man Angst hat, heißt nicht, dass man sich auch fürchten muss.

„Bernhard!“, rufe ich.
Bernhard ist hier irgendwo. Er ist der einzige Mensch, dessen Furcht für mich schlimmer ist, als meine eigene. Als Kind hat er mir einmal erzählt, dass er Angst hätte, mit dem Gesicht in den großen Kaktus am Treppenabsatz zu fallen. Er ging deswegen immer mit der linken Hand, ganz vorsichtig am Geländer dahingleitend, sehr langsam nach unten. Rauf ging’s schneller. Am Hinterkopf hatte er ja keine Augen, die ihm der Kaktus ausstechen könnte hat er mir erklärt. Ich lachte damals; und noch heute, wenn die Mutter davon spricht, lache ich. Wenn sie von den alten Ungeschicklichkeiten erzählt, um die heutigen zu übertünchen. Ich lache meinen dummen Bruder aus, der vor allem Angst hat. Es ist leicht, die Mutige zu sein neben einem solchen Feigling. - Als Kind wäre ich die erste gewesen, die Bernhard am Schulhof verprügelt hätte, wäre er nicht mein Bruder gewesen. So verprügelte ich ihn zu Hause, wenn es die Eltern nicht sahen und am Schulhof alle, die ihm zu nahe kamen.
Was ich Bernhard nie sagen werde, ist, dass irgendwann auch mir Bange wurde, wenn ich den Kaktus sah. - Dabei saß ihm sogar ein kleiner bunter Sombrero am dicken Ende. Nicht, dass ich mich davor gefürchtet hätte, mich zu verletzen; aber der Gedanke an den blonden Haarschopf meines Bruders, sich devot vor einer Topfpflanze dahinduckend, machte mich krank. So wie mir schlecht wird, wenn er heute vor jeder Rolltreppe eine Sekunde zu lang wartet, oder ich an seinen Blick denke, wenn ihm die Fischaugenfrau in der Kantine zwei Knödel statt nur einem auf den Teller packt. 
Irgendwo hier im Dunkeln ist er und fürchtet sich. Ich fluche und strecke den Arm aus, taste dann mit dem Fuß nach und mache ein paar Schritte. Vor einer halben Stunde hatte ich noch eine ungefähre Ahnung, wo der Weg sein könnte. Das ist jetzt ganz vorbei. Hin und wieder streifen Zweige meine Knöchel und ich stolpere über Wurzeln. Es ist ein komisches Gefühl, im Dunkeln hinzufallen und nicht zu wissen, worauf die Hände gleich treffen werden. - Ob sie überhaupt auf irgendwas treffen werden. Ich stehe auf und streife mir verwesende Baumnadeln von den Knien und Handballen. Sie hinterlassen kleine Kerben in meinem Fleisch, die in einer Stunde nicht mehr da sein werden. 
Der Harzgestank wird jetzt mit jeder Minute intensiver. Ich weiß nicht, wie tief ich mittlerweile im Wald bin. Wie groß der Wald überhaupt ist. Hin und wieder höre ich ein Schaben und Knacksen. Von kleinen Tieren mit großen Augen, die ich nicht sehe. Vielleicht wissen sie ja, wo Bernhard ist?
Das Blöde ist, dass ich mir vorhin gedacht hab, ich lass ihn spinnen. Das hat mich zwanzig Minuten gekostet. Wär ich ihm gleich nach dem Streit am Parkplatz hinterher, wär er nie so weit gekommen. 
„Verflucht!“ Meine Fingerspitzen sind auf Rinde getroffen und ein Holzsplitter hat sich mir in den Finger gebohrt. Ich mache die Augen zu, pule den Splitter heraus und versuche noch einmal zu hören. Er kann gar nicht viel weiter sein als ich. Das letzte Mal habe ich ihn ganz oben am Hügel gesehen, dort, wo der Wald beginnt. Wie sich sein ausgemergelter Körper zwischen die dünnen Stämme schob. Ich bin dann gleich aus dem Auto raus und ihm nach. Weil ich da kapiert hab, dass es dunkel wird. Als ich aber fünf Minuten später an derselben Stelle stand, konnte ich schon fast nichts mehr erkennen. 

Das hat uns der Vater beigebracht. Wie lange es dunkel ist. Bernhard hat am ersten April Geburtstag. Bernhard, unser wandelnder Aprilscherz. Wenn er Geburtstag hat, dauert die Nacht elfeinhalb Stunden. Wenn ich Geburtstag habe, ist sie ein bisschen kürzer.
Der Vater und ich haben uns darüber gestritten, damals, ob der Tag mit der Dämmerung beginnt, oder erst, wenn man die Sonne sieht. Für mich beginnt er mit der Dämmerung. - Danach hat der Vater begonnen, mich zu wecken.- Jeden Tag um halb fünf stand er in seinem hellblauen Pyjama, der ihm wahrscheinlich vor Bernhards Geburt einmal gepasst hatte, vor meinem Bett. Jedes Mal schloss ich die Augen gleich wieder und jedes Mal klopfte er mir mit einer gelben, nach Nikotin stinkenden Fingerspitze so lange an die Stirn, bis ich sie offen ließ. Irgendwann wanderte seine Handfläche zur Brusttasche des Pyjamas. Das war bei ihm schon ein Reflex. Wenn es ein Morgen war, an dem meine Lider noch öfter zufielen, wanderte seine Hand bestimmt noch zweimal zur Tasche; bis ich endlich die Decke zurückschlug und meine Beine aus dem Bett hob. Damals und heute schaffe ich es nicht, in einem Mal aufzustehen. Wenn die Füße den kalten Holzboden berührten, fuhr ich mit den Händen über die Oberschenkel und kratzte mir sämtliche Mückenstiche des Vortages auf. - Und selbst wenn keine Stiche da waren: Immer musste ich mich kratzen.-  Ich erinnere mich an keinen Morgen meines Lebens, an dem ich nicht roten Dreck untern den Fingernägeln gehabt hätte. 
Der Vater hatte Geduld. Wir gingen gemeinsam nach unten. Vorbei am Kaktus ins Erdgeschoss. Immer musste ich erst aufs Klo. Dort schlief ich wieder ein. Als ich dann ins Esszimmer kam, sah ich ihn durch die Balkontür. Wie er wieder und wieder an der Zigarette zog und in den Himmel starrte. Heute frage ich mich, ob ich am Klo kürzer geschlafen habe, als ich denke, oder ob er sich einfach eine nach der anderen anzündete, bis ich kam. Wir sprachen nie, doch ich wusste, wo ich mich hinzusetzen hatte. 
Der Vater verschwand danach immer in der Küche. Ich hörte Sachen umfallen - er war nicht besonders geschickt - und dann das Piepen der Mikrowelle. Er setzte sich neben mich, stellte mir Kakao hin, den ich nie trank und wir schauten so lange in den Himmel, bis wir sie orange glühend aufsteigen sahen. 
Eines Tages kamen wir nach unten und meine Mutter erwartete uns. In ihrem weißen Frottee-Bademantel saß sie mit einer Tasse Tee da und - wartete. Sie hatte das Radio eingeschaltet. Ich setzte mich neben sie und der Vater ging den Kakao holen. Dann schauten wir zu dritt aus dem Fenster - während Bernhard oben schlief. Der Moderator sagte, dass Lady Di bei einem Autounfall verunglückt sei. Die Mutter stellte das Radio wieder aus und wir gingen hoch. -Der Vater weckte mich nie wieder.
„Bern. Haaaaard.“, rufe ich. Als ob er diesmal antworten würde. Ich sinke auf die Knie und taste die Erde ab. Ich krabble ein kleines Stück weiter und taste wieder. Bis der Morgen dämmert, sind es mindestens noch sieben Stunden. Endlich fühle ich einen Stock unter meiner Handfläche. Ich stehe auf, schlage Holz gegen Holz und rufe im selben Takt seinen Namen bis ich heiser werde. Irgendwann bin ich so wütend, dass ich nicht mehr weiß, ob ich mir mit dem Herumschlagen das Navigieren erleichtern oder einfach nur seinen dummen Kopf treffen will.
Ich lasse mich auf den Hintern fallen und versuche mich zu erinnern, in welchen Monaten Schlangen aktiv sind. Bernhards Klassenkamerad Peter hatte in der Volksschule einmal eine Natter im Geräteschuppen seines Vaters entdeckt. Alle anderen Kinder waren hingelaufen, um das braun schimmernde Tier zu bewundern. Mein Bruder sperrte sich in seinem Zimmer ein. Als würde sich die Schlange direkt aus Peters Schuppen vor seine Füße beamen. 
Ich verschränke die Arme vor der Brust und lasse mich zur Seite kippen. Noch einmal höre ich in den Wald hinein. - Bernhard hat im Dunkeln Angst. 
Dass man Angst hat, heißt nicht, dass man sich auch fürchten muss, sage ich jetzt. Dann merke ich, wie sich so eine ekelhafte Welle in meine Kehle wälzt und mir die Tränen in die Augen presst. Ich presse meinerseits die Lider fest aufeinander und ziehe Rotz zurück. - Irgendwann muss ich eingeschlafen sein.
Als ich die Augen öffne, ist es hell. Ich setze mich auf und erschrecke heftig. Hinter mir liegt mein Bruder - Mit gequältem Gesichtsausdruck in Embryonalstellung schlafend. Er muss in der Nacht gekommen sein und sich an mich gekuschelt haben. Ich stehe auf und schleudere ihm mit der Fußspitze eine Ladung feuchte Erde ins Gesicht. 
Bernhard schreckt wild hustend hoch, schlägt zwei Mal mit der Faust in die Luft und springt in die Hocke. Erst weiß er nicht, wo er ist. - Dann sieht er mich. Er wischt sich den Dreck aus dem Gesicht und - wartet. 
„Komm“, sag ich und geh in die Richtung davon, in der ich das nächste Dorf vermute.

 

3. NADINE SCHNEIDER: 3 KILOMETER

Der Fahrtwind war der schönste Begleiter. Der hielt wenigstens die Klappe. Strich mir durchs Haar und kühlte meine heiße Stirn, die fleckigen Feuerstellen auf meinen Wangen. Hans redete ununterbrochen, hinter mir klapperte seine Stimme die immergleiche Litanei. Von wegen, dass es wirklich Zeit war, endgültig abzuhauen, denn was gab es hier schon, außer schlechten Freunden, die von einem auf den anderen Tag verschwanden, und noch schlechterem Schnaps, der sich seit Jahren schon in unsere Eingeweide fraß und Nester baute, in denen die Krankheiten für das Alter heranwuchsen. 

Ich hörte überhaupt nicht hin. In meinem Sichtfeld rauschte die Landschaft vorbei. Die Silhouetten freistehender Bäume blitzen auf und verschwanden wieder, als würden sie einen Geheimcode in die fortgeschrittene Nacht diktieren. 
Meine Fingerspitzen kribbelten vor Übermut wie schäumendes Wasser an der Stelle starker Strömungen. Die Nacht war fast vorbei, doch das Gefühl, dass noch etwas Besonderes geschehen müsste, durchfuhr meine Gedanken – unruhig, auf der Suche nach einer Idee, einer Erleuchtung. Ich ließ den Lenker des Fahrrads los und griff in die warme Septemberluft. Ich betrachtete Mischs Arme, die bleich im Licht des vollen Mondes leuchteten. Er musste sturzbetrunken sein, doch er fuhr so wie immer. Kein Schwanken in seinem Blick oder seiner Bewegung. 
Es war schwer, die Person, die man liebte, und die, mit der man zusammen war, so nah beieinander zu wissen. Ich hasste es wirklich, mit den beiden unterwegs zu sein, es zerrte an zwei unterschiedlichen Punkten irgendwo in meiner Brust, doch der Schmerz blieb derselbe: Kleine Widerhaken, die Faser für Faser das Fleisch auftrennten und die Wahrheit offenlegten. Dafür war ich dem schlechten, selbst gebrannten Fusel dann doch irgendwie dankbar. Dass er meinen Kopf zumindest für wenige Stunden etwas klarer machte, meine Verwirrung auseinanderflocht und die geglätteten Stränge vor mir ausbreitete, damit ich sie in Ruhe betrachten und unterscheiden konnte. Wenn man tagtäglich in einer hartnäckigen Lüge lebte, dann musste man sich zumindest ab und zu einmal die Wahrheit ansehen. Wie sollte man sonst noch ein überzeugender Schwindler sein?
Bei Hans schien der Schnaps jedoch den gegenteiligen Effekt zu haben. Was er von sich gab, unterschied sich kaum von den zusammenhanglosen Dingen, über die er auch tagsüber klagte. Und wie immer bemerkte er nicht, dass ihm keiner richtig zuhörte. Am liebsten unterhielt er sich selbst, lobte seinen eigenen Scharfsinn und schenkte seinen Worten ein zustimmendes Kopfnicken. In seinem Fall war es einfach nur Glück, dass ihn keiner ernst nahm. Andere hätte dieses Gerede schon längst Kopf und Kragen gekostet. 
Zu allem Übel war er leider kein schlechter Kerl. Ich kannte Menschen mit schlimmeren Eigenschaften als der, sich selbst viel zu wichtig zu nehmen. Wäre er ein schlechter Kerl gewesen, hätte ich ihn zumindest hassen können. Doch ich konnte ihn nur einfach nicht lieben, das war schlimmer.
Ich stellte mir vor, Hans wäre noch auf der Kirchweih geblieben und Misch und ich wären alleine. Würden einfach irgendwo halten und ich könnte endlich sein Gesicht in meine Hände nehmen. Es mitnehmen hinter meine Augen, wo es immer so bleiben würde – unberührt von den schwachen Katastrophen eines langweiligen Lebens. Nur in Gedanken bleiben die Dinge schön, außerhalb davon wird alles bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. 
„… das Benzin rationiert, es gibt nicht einmal Butter! Wo sind denn die ganzen Sachen, die sie im Fernsehen zeigen, davon könnte man drei Dörfer auf einmal satt kriegen! Und was ist, wenn es stimmt? Wenn er alles plattwalzen lässt und … drei Kilometer! Mehr trennt uns doch nicht von der Freiheit, warum nicht heute Nacht?“
Hans‘ Stimme drängte sich nach vorne, zwischen Misch und meine Gedanken, die so verzweifelt nach ihm griffen. Wir gaben beide keine Antwort, es wäre sinnlos gewesen, Hans hörte nicht zu. Misch hätte schon hundertmal abhauen können, er hatte einen Plan, den Willen und die körperliche Kraft dazu. Er blieb unseretwegen, auch wenn er es nicht sagte. Er wartete darauf, dass Hans seine Drohungen wahr machte und ich ihm folgte. 
Ich wollte nicht weg. Ich konnte mir nichts anderes vorstellen neben den heißen Augusttagen und den Wintern, deren Kälte sich fest gegen die Fenster drückte. Neben dem Frühling, wenn die alten Frauen ihre Bänke vor den Häusern bezogen. Und dann hörte ich das kratzige Singen ihrer Stimmen, die nichts erzählten, was mich interessierte. In dem Tonfall, der sich auf einer einzigen Spur bewegte und ab und zu in einen Missklang nach oben oder unten fiel. Es hörte sich immer an wie die Begrüßung einer sich öffnenden Tür, die aufging für jemanden, der sehr lange fort gewesen war.
Wie oft hatte mich an trägen Nachmittagen das Erzählen der Alten gewiegt, während durch das Fenster weiches Licht in Strömen fiel und die Möbel bedeckte wie Blütenstaub. Was sollte denn werden mit meiner Mutter und meinem Vater, deren Rücken gekrümmt waren vom vielen Bücken im Garten und auf dem Feld, wie tief würde sie der Gram über mein Fortgehen beugen? Und die Hunde? Müssten sie sich nicht heiser bellen, wenn ich nicht Tag um Tag durch das quietschende Tor treten würde? Denn wie sollten ausgerechnet sie verstehen, warum ich weg war?
„Pass auf!“ Misch griff nach meinem Arm, den ich schnell zurück auf den Lenker gelegt hatte, als ich das Gleichgewicht verlor. Dort, wo seine Hand mich nicht berührt und ins Leere gegriffen hatte, hing Bedauern wie eine Fahne an einem windstillen Tag. Beschämt warf ich ihm einen Blick zu. 
„Sie ist betrunken, das ist sie!“ Hans lachte, trat heftig in die Pedale, bis er auf gleicher Höhe mit mir war. 
„Ich brauch eine Pause.“ Bis nach Hause war es nicht mehr weit, doch so wie jetzt konnte ich mich nicht ins Bett legen. Mit dieser desorientierten Sehnsucht. 
Wir hielten nahe am Maisfeld, ein Baum fasste mit schwachen Zweigen nach dem nächtlichen Himmel. Hans ging einige Schritte ins Feld, um zu pinkeln, und Misch und ich blieben alleine. Ich setzte mich auf die kühle Erde und zeichnete mit dem Finger Kreise in den Staub. 
„Weißt du schon, wann du fort willst?“
„Nein, noch nicht. Es ist alles geplant, aber entschließen kann ich mich noch nicht.“
Wir redeten über nichts anderes mehr, nichts beschäftigte unsere Gedanken, als die Beine in die Hand zu nehmen und zu laufen, bis das Gefühl der Erleichterung unsere Kehlen weiten und als Lachen herausfließen würde. Aus den engen Gefäßen, die unsere Stimmen geworden waren, seitdem sie zu bestimmten Menschen nur noch Bestimmtes sagen durften. Dass Misch uns eingeweiht hatte, war ungewöhnlich. Die meisten verschwanden und hinterließen Angst und unterdrückte Trauer, denn sie waren tot. Man wusste nur nicht, wie sehr. Katharina, Joseph, Paul. Sie waren Namen geworden, deren Klang mich verfolgte und sich an jede Ecke stellte, um mich zu erinnern, dass Freunde von mir vielleicht tot waren, vielleicht im Gefängnis oder vielleicht am Leben und glücklicher als ich. Doch wie hätten sie glücklicher sein können? Ich hatte keine Ahnung von Deutschland, wo sie alle hinwollten. Wenn ich „Deutschland“ hörte, dachte ich an endlose Reihen von Häusern in gepflasterten Straßen, die das Grün unterdrückten und nicht mehr herausließen. Es gab Bilder, die meine Tante uns geschickt hatte. Die Tante, die vor Freude weinte, als sie nach sieben Jahren einen blauen Brief erhielt und endlich mit dem Warten aufhören konnte, das bei ihr fast schon zu einer Charaktereigenschaft geworden war. Auf dem Foto standen sie und meine Cousinen vor einer Haustür, die unserer nicht unähnlich war. Aber hinter dieser Tür stellte ich mir ein Gebäude vor, das, gespickt mit Fenstern, in schwindelnde Höhe wuchs und man konnte nicht dahinter sehen: Vor dem Himmel türmten sich Mauern, in deren ausgehöhltem Inneren Menschen wohnten und versuchten, ihre Heimat zu vergessen. Meine Cousine durfte nur eine ihrer Puppen mitnehmen, als sie gingen. Ich erinnere mich an die Tränen, die wie flüssige Murmeln aus ihren Augen flossen. Wir sehen uns bald wieder, hatte ich gesagt. Doch ich hatte sie zwei Jahre nicht gesehen und auf dem Foto war sie mir fremd. Braun-weiß sah mir eine Figur entgegen und ihr Blick barg die Einsamkeit von regnerischen Nachmittagen in sich. Wenn draußen fremde Kinder spielen und die Fensterscheibe nur eine weitere unüberwindbare Grenze wird.
Hans‘ Bruder war bis nach Amerika gegangen. Obwohl Hans Briefe von ihm bekam, sprach er nie über ihn. Es war, als hätten sie seinen Bruder tatsächlich in einer Nacht an der Grenze zu Tode geprügelt, so wie alle befürchtet hatten.
Im Baum über unseren Köpfen raschelte es. Ich schlang die Arme um meine Knie und Misch sah zu mir herüber. 
„Denk nicht so viel darüber nach, es wird schon gut gehen, es ist nicht so gefährlich, wie alle denken. Man muss es nur gut genug planen, das ist alles.“
Misch hielt inne, er war ein wirklich sehr schlechter Lügner. 
„Komm doch mit. Komm doch mit, du kannst es schaffen, ich weiß es. Hans wird uns folgen, früher oder später, aber du musst jetzt gehen, wenn du auf ihn wartest, kommst du nie hier weg.“
Zustimmung packte meine Stimmbänder, schlug sie an und wollte, dass sie „ja“ riefen. Mit Misch wäre ich überall hingegangen. Doch noch lieber wäre ich mit ihm da geblieben und im Sommer von Dorf zu Dorf gefahren, das Klappern der rostigen Räder unter uns und den Bogen des Himmels über unseren Köpfen. Ich wusste nicht, wo der Bogen endete, unter seinem Zenit war ich glücklich, ich hatte kein Interesse daran, mein Glück abzutasten, bis ich an eine schmerzhafte Stelle stieß. 
„Wo bleibt eigentlich Hans?“ 
Die Nacht wurde plötzlich dunkler, als ich versuchte, in die schwarzen Zwischenräume des Maisfelds zu blicken. Bevor wir uns dazu entschlossen hatten, waren Misch und ich aufgestanden, trauten uns nicht, zu rufen. Die Angst hielt unsere Stimmen fest. Wo ist er, wo ist er, schrien meine Gedanken lautlos in die Nacht und im nächsten Moment hörte ich Mischs schnellen Atem neben mir, der sich mit dem Rascheln der sich biegenden Maispflanzen paarte. An meinen Schienbeinen spürte ich die Albträume von kalten Signaldrähten, schon glaubte ich, dass in der Ferne Rufe ertönten. Vielleicht hatten sie einen ihrer Hunde bereits losgelassen und ich würde im nächsten Moment ein gieriges Hecheln durch das Feld rasen hören. 
Drei Kilometer waren nicht sehr weit und Misch und ich hatten nicht darauf geachtet, wie lange Hans weg war. Durchs Maisfeld flohen viele, aber die meisten planten vorher und liefen nicht betrunken in die Dunkelheit. Er würde es nicht schaffen, das wusste ich. Ohne einen wirklichen Willen schaffte man es nicht – Unentschlossenheit war weithin sichtbar wie eine Leuchtrakete. 
Aus dem Nichts schlossen sich Mischs Finger um mein Handgelenk und in der vom Mais gespaltenen Dunkelheit hörten wir ein Glucksen und das unterdrückte Lachen einer  vertrauten Stimme. „Es lebe die sozialistische Republik Rumänien! Es lebe die rumänische kommunistische Partei!“ Immer und immer wieder taumelten die Worte in die Nacht, wurden lauter und störten den trunkenen Frieden, der sich nach den Dorffesten in den Landstraßen breit machte. Mit wenigen Schritten war ich bei Hans und drückte meine Hand auf seinen Mund. Lautlos bebte seine Brust weiter und Speichel benetzte meine zitternden Fingerspitzen. Hans weinte und auch ich weinte. Weinte, stumm und ohne Schluchzen, weil ihm nichts passiert war.