Lotte Rettberg: Die Dauerwelle (11 Jahre)

DIE DAUERWELLE

Sami saß im Boot und war froh, dass es gleich vorbei sein würde.

Es war eine schlimme Bootsfahrt gewesen, aber alles war besser als der Krieg in Algerien. Dabei konnte Sami sich noch glücklich schätzen, denn er konnte länger in Algerien bleiben als viele andere. Samy war Arzt und darum arbeitete er in einem Krankenhaus, das als relativ sicher galt. Doch Sami musste feststellen, dass auch Krankenhäuser nicht vor Bombeneinschlägen sicher sind.

„Na gut, also dann bis um 17.00 Uhr“, sagte Dagmar und beendete lächelnd das Telefongespräch. 17.00 Uhr war zwar etwas knapp und sie würde eher losmüssen als normalerweise. Aber auf die neue Dauerwelle freute sie sich schon seit Wochen. Da konnte sie auch mal zehn Minuten eher gehen. Sie würde sich halt mit dem nächsten Kandidaten einfach etwas beeilen.

Sami war an der Reihe. Endlich. Schon stundenlang hatte er in der Reihe gewartet. Nun konnte er sich für den Asylantrag registrieren lassen. Endlich in Deutschland, kein Krieg, Sicherheit und bestimmt würde er bald einen Job als Arzt finden.

„Name und Herkunftsland“, sagte eine Frau mit einer komisch aussehenden Frisur, auch wenn Sami nicht verstand, was das heißen sollte. „Näim and kuntri“ hörte er sie dann sagen und nach einem kurzen Moment der Verwirrung, merkte er, dass das Englisch sein sollte, auch wenn es sich nicht gleich so anhörte. Sami gab bereitwillig Auskunft, während die Frau etwas notierte und dabei immer wieder nervös auf die Uhr schaute. „Foto!“, sagte die Frau dann. „I am sorry. I don’t have any photo.“

„War ja wieder klar“, dachte Dagmar. Es war wie immer. Nie konnten die Antragsteller mal gleich ein Foto mitbringen. Wenn sie ihn jetzt in die Fotokabine schicken würde, könnte sie die Dauerwelle vergessen. Überhaupt ging ihr das Ganze allmählich auf die Nerven. Es waren viel zu viele Menschen, die hier nach Deutschland kommen wollten. Wer sollte das denn alles bezahlen – das konnte ja nicht gut gehen. Dagmar hielt sowieso nicht so viel von der Idee, alle aufzunehmen und die meisten, die kamen, hatten nichts Vernünftiges gelernt. Was sollten die denn hier machen? Deutschland war zwar reich und Algerien war arm. Das war doch aber eigentlich das Problem von Algerien und nicht das von Deutschland. Dagmar konnte nichts dafür, dass dort Krieg herrschte. Und dieser Krieg würde ihr jetzt auch noch die Dauerwelle vermasseln. „ Sorri. If you haf no foto sen you haf to kam back tomorrow.”

Sami sah der Frau dabei zu, wie sie einfach aufstand und mit rotem Kopf aus dem Raum eilte. Sami trat auf die Straße. Das hatte er sich anders vorgestellt. Warum hatte die Frau ihn einfach so stehen gelassen? Wo sollte er jetzt ein Foto herbekommen? Dann müsste er wieder stundenlang in der Reihe stehen?

Ein Schrei riss ihn plötzlich aus seinen Gedanken und als Sami den Kopf hob, sah er eine Frau auf der Straße liegen. Es war die Frau, mit der er gerade noch gesprochen hatte. Offensichtlich war sie bei dem Versuch, die Straße zu überqueren von einem Auto angefahren worden. Ohne nachzudenken, rannte Sami los.

Als Dagmar die Augen öffnete, wusste sie zunächst nicht wo sie war. Ihr Kopf fühlte sich an, als hätte eine Horde Elefanten dort einen Stepptanz vollführt. Und warum war ihr Arm in Gips und warum tat ihr Arm so unangenehm weh?? Sie musste in einem Krankenhaus sein. Dann fiel es ihr wieder ein. Sie wollte doch eigentlich zum Friseur.

„Hallo? Können Sie mich hören?“, fragte eine ruhige, freundliche Stimme.

Jetzt sah Dagmar die Krankenschwester, die neben ihrem Bett stand. „Was ist denn passiert?“, flüsterte Dagmar verwirrt. „Sie hatten einen Unfall“, antwortete die Krankenschwester. „Doch Sie hatten großes Glück. Ein Arzt war ganz in der Nähe und konnte Ihnen sofort helfen.“ Jetzt fiel Dagmar alles wieder ein. Dieser Sami aus Algerien, der kein Foto dabei hatte und ihr dringender Termin beim Friseur. Sie war einfach zu schnell über die Straße gerannt. So ein Pech. Nein, so ein Glück, dass wenigstens ein Arzt da war. „Wer war denn der Arzt? Wo ist er denn jetzt ?“, fragte Dagmar. „Er ist noch draußen auf dem Flur. Er hat die ganze Zeit gewartet. Soll ich ihn hereinbitten? Achso, er spricht allerdings nicht so gut Deutsch.“ „Are you alright?“ Sami war froh, dass er der armen Frau hatte helfen können. Warum war sie auch einfach so schnell auf die Straße gerannt?

Dagmar sah Sami an und dachte „Wie gut, dass er hier ist“.