Luisa Greta Lurse (12 Jahre): Mein ausgedehnter Schulweg.

Schon wieder hier, schon wieder ich, schon wieder ist die Bahn genau an der Stelle aus den Gleisen gesprungen, wo ich mich gar nicht auskenne. Ja, dies ist jetzt das dritte Mal, dass ich hier stecken bleibe. Aber es ist auch das erste Mal, dass ich alleine bin. MIST! Okay, Ruhe bewahren und als allererstes Mama anrufen. Ich fische mein Steinzeithandy aus meiner Tasche, nur um festzustellen, dass mein Akku leer ist. Verdächtig, hatte ich es nicht gerade gestern aufgeladen? Langsam aber sicher begreife ich. Eifrig öffne ich mein Handy, zu der Stelle, wo der Akku sitzt, oder sonst gesessen hat, wäre mein Verdacht nicht bestätigt worden. Natürlich, hätte ich doch gestern besser aufgepasst als Leo, mein kleiner Bruder, mein Handy „ausleihen“ wollte. Jetzt habe ich den Schlamassel. Wie auch immer, dann muss ich mir eben mit anderen Mitteln helfen, auch wenn das vielleicht bedeutet, dass ich schon wieder zu spät zur Schule komme.
Ich warte gefühlt fünf Minuten, während ich beobachte wie mindestens drei Mal es für die Autos grün wird, bis bei mir das Ampelmännchen endlich los läuft. Und als wäre meine Geduld nicht schon am Ende wird sie, die Ampel, auch schon wieder rot. Obwohl ich gerade mal bei der Hälfte der Straße bin! Unwillkürlich werde ich angehupt. Ich laufe schnell zur anderen Straßenseite und die vorhin noch so schön warme Sonne erscheint mir jetzt wie eine Plage. Schwitzig und durstig zugleich folge ich der Richtung des Fernsehturms, der hoch über den Häusern ragt, und dessen Glasfenster das helle Licht des Sommermorgens reflektieren. Ich schlängle mich eine halbe Ewigkeit durch kleine und mir unbekannte Straßen, streife entlängst gelbe Häuserwände, die ich doch so liebe, und probiere mir so gut wie möglich die meisten Straßennamen einzuprägen, um meinen Weg nachher auf einer Karte verfolgen zu können. Ich bin schon fast am Rande der Verzweiflung als ich einem vertrauten Tor begegne. Das Brandenburger Tor sitzt wie ein gigantischer Riese vor mir. Die massiven Säulen schicken dunkle Schatten über den Platz dahinter, doch bringen eine schöne Abwechslung zwischen die grellen Sonnenstrahlen. Nicht nur die Sonne, sondern auch ich strahle übers ganze Gesicht. Jetzt, wo ich die erste Etappe zu einem bekannten Ort bewältigt habe, fühle ich mich schon viel besser. Im Hopsalauf geht es nun weiter am Hotel Adlon vorbei und schließlich in eine sogenannte „Wilhelmstraße“. Diese führt zwar etwas weiter weg vom Fernsehturm, aber es erscheint mir, dass ich diesen Straßennamen schon einmal gehört habe. Während ich auf eine Gelegenheit warte, die Straße Unter den Linden, welche extrem laut ist wegend es rushhour Verkehrs, zu überqueren, wandert mein Blick auf die andere Seite, wo eine große Tourigruppe vor dem „Madame Tussauds“ steht und wild durcheinander plaudernd den Gehweg versperrt. Glücklich, dass ich nicht in diese Straße biege und mit steigendem Mut führt mich mein Weg entlang der ungarischen als auch der französischen Botschaft und ich entdecke einen Zeitungsladen auf der gegenüber liegenden Straßenseite. Als ich an dem früheren „Humboldt Viadrina School of Governance“ Gebäude vorbei komme, verfalle ich in einen schnellen Laufschritt, der mich nach kürzester Zeit an meinen gesichteten Anhaltspunkt bringt: die Spree.
Meine Hände um die Brüstung geschlungen und die Nase in die angenehm kühle Brise haltend, stehe ich am Reichstagsufer und lausche dem gleichmäßigen Rauschen des Wassers. Für einen Moment vergesse ich alles um mich herum – bis ich von einem leisen Platsch unsanft wieder zurück in die Realität katapultiert werde. Ich überlege gerade ob man dafür eine Anzeige für Ruhestörung erstatten kann, als mein Blick auf meine Hand fällt und der Auslöser der Störung zum Vorschein kommt. Angeekelt verziehe ich das Gesicht und wische das weiß-schwarze Etwas an dem schwarzen Geländer ab.
Das Reichstagsufer führt mich an dem ARD-Hauptstadtstudio und einem Restaurant namens „Die Eins“ vorbei, welches dich mit den aufgestellten Stühlen mit Blick auf die Spree nur so einlädt, dich für einen Moment, wenn nicht zwei, hinzusetzen. Nun erinnere ich mich auch, wie mir meine Mutter mal erzählt hat, wie sie diese Straße auch nennt, die Medienstraße. Und als ich mich nach links und rechts umschaue, kann ich ihr nur zustimmen. ARD, Phoenix, Reuters .... alles Medien. Mein Blick fällt auch hinter mich, wo der Reichstag mit seiner gläsernen Kuppel sich erhebt. Ich wende meinen Blick wieder vorwärts, wo ich in kurzer Entfernung den S-Bahnhof Friedrichstraße sehe. Ich trete nochmals an das Geländer der Spree und schließe die Augen. Ich höre das Schwappen des Wassers, die Tourguides auf den Rundfahrtbooten, das Quietschen der S-Bahn, während sie über die Schienen rast, und den Straßenlärm der von dem Wind herüber geblasen wird. Ich höre die Klingeln der Fahrräder, den Springbrunnen, der hinter mir auf dem Platz plätschert, das Gurren der Tauben und die Stimmen der Menschen, die in den verschiedensten Sprachen miteinander reden. Ja, so klingt Berlin.
Ich öffne meine Augen wieder und überlege kurz, ob ich nicht noch in ein Buchgeschäft in die Friedrichstraße gehen sollte, um ein bisschen zu stöbern, als mir wieder in den Sinn kommt, dass ich ja eigentlich so schnell wie möglich zur Schule kommen muss! Ich jogge in meiner Eile sogar hastig los, welches sich als Fehler herausstellt, da ich kurze Zeit später schnaufend anhalten muss. Meine Kondition ist echt am Ende. Während ich immer noch nach Luft schnappe, starre ich auf den Tränenplast, ein Museum und Denkmal, wo damals vor vielen Jahren der Übergang vom Westen zum Osten stand. Ich beobachte noch ein paar Minuten die Leute, die rein und raus gehen, bevor ich meinen ausgedehnten Schulweg im Laufschritt fortsetze. Doch nicht lange, denn nach ungefähr zwei Minuten stehe ich nochmals eine Ewigkeit an der Ampel, die über die Friedrichstraße führt – was für eine Überraschung! Naja, wenigstens kommt mir das hier schon alles viel bekannter vor.
Mit der Sonne im Rücken laufe ich weiter und sehe schon bald geradezu das Bodemuseum mit seiner riesigen Kuppel. Ich komme dem schon immer näher und nachdem ich über die Straße gegangen bin, welches sich als höchst kompliziert erweist, da ich mit meinem Rucksack unter einem Zaun durchklettern muss, habe ich die Museumsinsel schon fast erreicht. Nach einer kurzen Strecke habe ich die Wahl zwischen zwei Wegen, entweder überquere ich die Brücke, oder ich nehme den Weg entlängst einem Seitenkanal, der sich wegen der Museumsinsel von der Spree abzweigt. Ich entscheide mich für den Kanal. Ich werfe noch eine Blick um mich und bin erleichtert, als ich zwischen den Häusern die Fernsehturmspitze erblicke. Voraus sehe ich eine große Baustelle. Hatte ich den falschen Weg genommen und dies ist jetzt eine Sackgasse? Nein, zum Glück nicht. Denn kaum bin ich ein Stückchen weiter, sehe ich einen Durchgang und ein Schild, wo in schwarzen Buchstaben „Unter den Linden“ draufsteht. Aha, also bin ich wieder auf der gleichen Straße wie zuvor, nur dass ich einen Umweg um einen großen Teil davon gemacht habe. Aber als ich dann anschließend die Straße runtergucke, war ich ganz froh darüber. Denn der von mir umgangene Teil ist nur so besetzt von Baustellen und es ist mal wieder EXTREM LAUT. Ich schlängle mich an der Baustelle, di emir den Weg versperrt, vorbei und laufe am Lustgarten vorbei, wo viele Leute auf der schönen Wiese sitzen und ein Musikant auf seinem Akkordeon spielt. Etwas weiter entfernt kann ich die Berliner Flagge auf einem roten Turm erkennen, dieser ist der Turm des Roten Rathauses, so viel wusste ich noch von der gestrigen Geschichtsstunde. Ich laufe noch eine Weile die belebte Straße hinunter und halte mich stets rechts, als er plötzlich vor mir steht. Der Fernsehturm. Seine hohe Spitze scheint fast die Wolken zu kratzen als ich an ihm hochstarre. Ich bin also am Alexanderplatz angekommen. Ich trete so nah an den riesigen Turm ran, dass ich die Hand ausstrecken kann und seine raue Oberfläche berühren kann. Während meine Hand sich fast an den kalten Stein anzupassen scheint, meine ich es pumpen zu hören – das Herz Berlins.
„Die Schlange für die Eintrittskarten ist dort drüben.“ Ich drehe mich mit einem Ruck um und verfalle in einen endlosen Lachanfall und der Tourguide schaut mich verständnislos an. Immer noch kichernd drängle ich mich an ihm vorbei. Ja, von hier aus kenne ich den Weg zu meiner Schule im Schlaf, und wenn nötig auch im Sprint. Ich laufe zum nächsten Currywurststand und kaufe mir eine Currywurt. Ich beiße rein. Ja, so schmeckt Berlin, mein Berlin.