Ma Jian: Traum von China

Zum 21.09.20109 hat das internationale literaturfestival und das PEN-Zentrum zu Solidaritätslesungen für die Demokratiebewegung in Hongkong aufgerufen.

Pressemitteilung, Berlin / Darmstadt, 17. September 2019. Seit Juni 2019 protestieren in der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong Hunderttausende Menschen für mehr Demokratie. […] Die chinesische Regierung definiert die Demonstrant*innen als Terrorist*innen und sieht die Bewegung als staatsbedrohend. China schickte Truppen an die Grenze. An den u.a. von der Civil Human Rights Front (CHRF) organisierten Kundgebungen am 9. und 16. Juni und am 18. August 2019 nahmen jeweils über eine Million Menschen teil, worüber weltweit berichtet wurde. 74 Nichtregierungsorganisationen (darunter Reporter ohne Grenzen, Amnesty International und Human Rights Watch) forderten die Hongkonger Regierungschefin Carrie Lam in einem offenen Brief auf, das Gesetz zurückzunehmen. Am 4. September kam Carrie Lam der Forderung der Demonstrant*innen nach. Doch die Hongkonger*innen fürchten weiterhin um ihre Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Der staatliche Widerstand gegen die Proteste bestätigt die Demonstrant*innen darin, dass die chinesische Führung in Peking versuchen wird, diese Rechte auf Dauer zu beschneiden.“

https://www.pen-deutschland.de/de/2019/09/17/germany-reads-for-hongkong/

Xi Jingping, Staatspräsident der Volksrepublik China, sowie Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas und Vorsitzender der Zentralen Militärkommission propagiert unter der Bezeichnung „chinesischer Traum“ den „Aufbau eines modernen sozialistischen Landes, das reich, stark, demokratisch, kultiviert und harmonisch ist.“ Dieser soll zum 100. Gründungstag der Volksrepublik China (1. Oktober 2049) nach 200 Jahren des Bestehens Chinas vollendet sein.

http://german.beijingreview.com.cn/Dossiers/2016/jd95/gjc/201606/t201606...

Wie genau dieser Traum umgesetzt werden soll, davon ist in dem Artikel keine Rede. Xi Jingping will diesen durch seine politischen Kampagnen erreichbar machen. Wer sich jedoch gegen seine Maßnahmen äußert oder auch nur im Verdacht oder im Kontakt mit verdächtigen Personen steht, wird oftmals inhaftiert.

„Die Regierung in Peking verstärkte in den vergangenen Monaten weiter seine Kontrolle über das Netz. Chinas Internet wird damit immer mehr von der Außenwelt abgeschottet. Mitte 2017 trat ein umfassendes neues Cybersicherheitsgesetz in Kraft. Das Gesetz schreibt die Speicherung aller Daten auf chinesischen Servern vor. Provider und Content-Anbieter müssen die Klarnamenpflicht für alle User und andere rechtliche Vorgaben streng umsetzen. Die Nutzung von VPN-Diensten, mit denen viele Chinesinnen und Chinesen bisher die Zensur umgingen, wurde weiter eingeschränkt.

Hart treffen die Maßnahmen die muslimische Minderheit der Uiguren im Westen Chinas. Die Behörden nutzen dort Gesichtserkennung und andere Technologie zur Überwachung, die zur Inhaftierung zehntausender Menschen führte, da sie sich vermeintlich auffällig verhielten. Der Bericht warnt außerdem vor dem Ausbau des Social-Scoring-Systems in China.“

https://netzpolitik.org/2018/freedom-of-the-net-report-2018-china-als-ne...

Der im Exil lebende Ma Jian greift in seinem neuesten Buch „Traum von China“ ebendiese politischen Machenschaften auf. Seine Werke wurden in China offiziell verboten, woraufhin er zunächst sein eigenes Verlagshaus gründete, um nicht viel später nach Deutschland und England auszuwandern, um der Zensur des Staates zu entgehen. In seinem neuesten Roman „Traum von China“ verwebt er geschichtlich-politische Kritik mit literarischer Erzählung und erschafft somit eine spannende Gesellschaftsanalyse Chinas.

Ma Daode, Direktor des Traum-von-China-Amts, wird von Albträumen heimgesucht. Immer öfter vermischen sich jedoch Realität mit Erinnerung und ihm entgleitet erstere zunehmend. Sein Vorhaben der Entwicklung eines „Traum von China“ Chips, welcher die Erinnerungen der Menschen gleichschalten und somit zu Staatszwecken manipulieren soll, gerät immer mehr ins Schwanken. Er kann sich seinen verstörenden Erlebnissen zur Zeit der Kulturrevolution nicht entziehen. Inwieweit sind seine Motive nicht nur durch den Staat gegeben? Will er am Ende sein persönliches Trauma aus seinem Gedächtnis verbannen? Welche Konsequenzen würde ein funktionierender Chip sowohl persönlich als auch gesellschaftlich haben?

In seinem Vorwort schreibt Ma Jian bezüglich der Ausstellung „Der Weg zur Wiederbelebung“ im Chinesischen Nationalmuseum in Peking:

„Saal um Saal dokumentieren Fotos und Artefakte die vielfache Erniedrigung Chinas durch Kolonialmächte, die Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949 und den darauf folgenden Aufstieg der Nation unter kommunistischer Herrschaft. Aber nirgendwo in diesen höhlenhaften Ausstellungsräumen werden die Katstrophen erwähnt, die der Vorsitzende Mao und seine Nachfolger über das chinesische Volk gebracht haben: „Der große Sprung nach vorn“, einer erbarmungslose Kampagne mit dem Ziel, China in eine kommunistische Utopie zu verwandeln, die zu einer Hungersnot mit über zwanzig Millionen Todesopfern führte; die Massenpsychose, ausgelöst durch die Kulturrevolution, die China in ein Jahrzehnt von Bürgerkrieg, Chaos und wirtschaftlicher Stagnation stürzte; die Niederschlagung der Proteste der Studenten, die sich 1989 in den Straßen um den Tiananmen-Platz herum niedergelassen und friedlich für demokratische Veränderungen demonstriert hatten. In diesem Museum sowie in den Buchhandlungen und den Klassenzimmern um die Ausstellung herum ist Chinas Geschichte ab 1949 von aller Düsterkeit gereinigt und zu einem harmlosen, fröhlichen Märchen reduziert.“

Jian, Ma: „Traum von China“, S. 9f.

Er verknüpft in seinem Roman geschickt Realismus mit Dystopie und zeichnet eindringlich die Verknüpfung der Gegenwart mit der Vergangenheit. Auch stilistisch changiert der Roman zwischen realistischen Darstellungen und mystischen Motiven, was durch das von Ai Weiwei extra für das Buch gestaltete Cover wunderbar veranschaulicht wird. Absolut lesenswert!