Mathilda Marleen Ose (11 Jahre): Maus und Riese.

Vor langer, sehr langer Zeit, als noch Riesen auf der Erde lebten, gab es einen ganz normalen Wald, einen Urwald.

Das einzig Besondere war, dass in diesem Wald eine Maus einen alten Baumstumpf bewohnte. Natürlich war es sehr ungewöhnlich für dieses Zeitalter, dass es Mäuse gab. Trotzdem war es eine waschechte Maus wie ihr sie kennt, mit einem waschechten Badezimmer und einer waschechten Küche, was eben so alles zu einer Maus dazugehört.
Die Maus dachte, dass sie die einzige Maus der Welt wäre, da ihr noch nie eine andere Maus begegnet war. Aber auch war sie noch nie einem Riesen begegnet. Und alle Riesen wussten nicht, dass es Mäuse gab.
Aber jetzt kommt das, was ich Euch eigentlich erzählen möchte:
Es war an einem schönen sonnigen Nachmittag, als die Maus am Esstisch saß und es gewaltig rumpelte. „Hilfe! HILFE!!! Ein Erdbeben!!!“ schrie sie mit schriller Stimme. Alle Teller und Tassen klapperten und schließlich fiel sogar eine Tasse zu Boden. Dann wurde es wieder still. Die Maus saß schweigend mit großen Augen am Tisch. Sie bewegte sich keinen Zentimeter. Klirr! Die Maus erschrak aufs Neue. Doch es war nur noch eine Tasse die auf dem Boden zersprang. Sie seufzte erleichtert auf, als es wieder still um sie war.
Da war es wieder – dieses Trampeln. Wieder schrie sie auf und rannte so schnell wie möglich aus ihrem Haus heraus. Sie rannte und rannte bis zum Ende des Waldes und bis zu einem Hügel auf einer grasbewachsenen Lichtung. Dort lehnte sich die erschöpfte Maus an, schloss die Augen und schnaufte.
Plötzlich hörte sie eine tiefe und laute Stimme: „Wer da?“ Die Maus schoss in die Luft, sah sich erschrocken um: nach vorn – nach rechts – nach links. Nichts. Dann drehte sie sich langsam um – zum Hügel.
„Ist da jemand?“ sprach dieselbe tiefe, ruhige Stimme. Mit pochendem Herzen lief die Maus Stück für Stück den Hügel hinauf und kam ganz außer Atem. Als sie oben angelangt war, blickte sie nach unten, um zu sehen, ob dort jemand war, denn von hier hatte sie einen guten Überblick.
Jawohl, da stand auch jemand. Jemand sehr Großes. Die Maus blickte auf zwei riesige Schuhpaare hinab – hundert mal größer als ihr ganzer Körper. Langsam, langsam blickte sie höher: vom Fuß zum Bein, vom Bein zum Bauch. Dieses riesige Wesen trug einen braunen Anorak und schwarze Sandalen. Der Anorak hatte schon Löcher, einige geflickt. Vom Bauch aus schaute die Maus schließlich zum Kopf.
Stille. - Stille. - Dann Beäugen. - Anstarren. - Stille. - SCHREIE!!!
Beide – die Maus und der Riese – schrien auf wie aus einem Munde. Die Maus wollte gerade wegrennen, als der Riese sie am Schwanz packte. „Hilfe! Hilfe! Erbarmen! Rettet mich!“ schrie die Maus wie am Spieß.
„Hab doch keine Angst. Ich tu Dir nichts“ sagte der Riese mit beruhigender Stimme.
Die Maus hörte auf zu strampeln und starrte den Riesen an. „Wwwer bist du?“ fragte sie und ihre Augen wurden noch größer.
„Ich bin ein Riese“, sagte der Riese bedacht. Er ließ die Maus los und tätschelte ihr den Kopf. Es wunderte ihn sehr, dass er bis jetzt noch nie eine einzige Maus gesehen hatte. „Wo kommst du denn her, Du kleines Ding?“
„Ich lebe hier in diesem Wald. Er ist meine Heimat. In einem Baumstumpf einer alten Eiche wohne ich.“
„Wirklich? Wie kann das denn Deine Heimat sein? So ein winziger Waldfleck! Meine Heimat ist die ganze Welt! Und die teile ich mit meinen vielen Verwandten und Freunden. Ich würde beinah sagen, meine Heimat ist meine riesige Riesenfamilie. Hast Du denn niemanden, mit dem Du Dein Leben teilst?“
„Nein, ich bin ganz allein. Und auch ganz glücklich so. Was ist denn die ganze Welt?“
„Für mich sind es zehn Tagesreisen, um den Globus einmal zu umwandern. Dabei treffe ich den Einen und den Anderen, halte hier und dort ein Schwätzchen, helfe da und dort und erfreue mich am Leben.“
Es war wirklich witzig anzusehen, wie die kleine Maus auf dem Hügel und der Riese am Fuße des Hügels standen und sich beide in die Augen schauten, vertieft ins Gespräch.
Bald stellten sie fest, wie unterschiedlich ihr Leben war. Und wie sie doch miteinander verbunden waren, da der kleine Wald der Maus schon immer auch ein Teil der Welt des Riesen war.
Die Sonne nahm bereits ihren Lauf zum Horizont, der Himmel färbte sich rosarot und die Baumwipfel schimmerten golden im Abendlicht.
So kam es, dass die Maus und der Riese - so unterschiedlich sie auch waren - beste Freunde wurden. Glücklich und zufrieden waren sie nun mit sich selbst: dem Leben, das sie führten, und dem neuen, andersartigen, netten Freund den sie gefunden hatten.
- ENDE -