Merle Henriette Klemm (14 Jahre): Ampelfragen.

Eine Ampel voller Zettel und Aufkleber. Manches schon so zerfleddert, dass es kaum mehr lesbar ist. Anderes neu. Von auffällig bunt bis schmutzig grau von Wind und Wetter. Dieses Bild taucht vor meinem inneren Auge auf, wenn ich an die Besuche bei meiner Patentante in Berlin denke.
Versteht mich nicht falsch, es ist nicht so, dass ich meine gesamte Zeit vor einer Fußgängerampel verbringe und die Zettel daran lese, weil ich nichts besseres zutun habe, nein. Aber irgendwie hat sich das Bild von einer, gegen Kälte und Regen in einen schützenden Mantel aus Papier gehüllten Ampel, einen festen Platz in meinem Hirn reserviert.  Eigentlich ist es auch ein gutes Beispiel dafür, was ein Dorf von einer richtigen Stadt unterscheidet. Ja, denn allein theoretisch wäre es unmöglich, in meinem Heimatdorf eine Ampel derartig einzukleiden. Selbst wenn jeder Dorfbewohner bereit wäre etwas aufzukleben, würde das ganze Vorhaben an der Tatsache scheitern, dass wir dort gar keine Ampel haben. Außerdem finde ich, die Individualität der Stadtbewohner wird sichtbar, wenn neben einem „Refugees welcome“ - Aufkleber, ein Zettel für einen Yogakurs, Fotos einer freien Mietwohnung, oder das Logo irgendeiner Band hängen. Und von übermäßig viel Individualität kann in Dörfern, beim besten Willen, keine Rede sein. Doch in der Stadt leben so viele unterschiedliche Menschen, mit so vielen unterschiedlichsten Träumen, Zielen, Interessen, Wünschen, Abneigungen, Hoffnungen! Und hier scheint es noch nicht einmal abwegig, der eigenen Andersartigkeit in Form von Kleidung Ausdruck zu verleihen. Sorgt man in meiner Schule durch das Tragen eines Hutes (also bitte!) für Aufsehen (und dumme Sprüche), so laufen im normalen Stadtbild von Prenzlauer - Berg die unterschiedlichsten Stilrichtungen, von Punk bis „Öko“, vollkommen unbehelligt herum. Ohne dass jemand auf die Idee käme, laut sein Erstaunen oder seine Missbilligung kund zu tun! Manchmal wäre es wirklich schön, nicht immer mein gesamtes Selbstbewusstsein aufbieten zu müssen, um die pikierten Blicke auf mein buntes Wollstirnband zu ertragen... Aber vielleicht macht gerade das, den Unterschied zwischen Dorf und Großstadt aus. Dass man sich mehr um sich selbst, denn um alle anderen kümmert. Oder, dass sich nicht alle unter 12 Jährigen extra aufrichten, um besser sehen zu können, wenn der Schulbus an einer Bushaltestelle vorbeifährt, in der jemand übernachtet hat. Oder wenn ein dunkelhäutiger Mensch vorbeigeht. Oder, dass man nach 21.30 Uhr noch Leute auf der Straße trifft. Das ist kein Witz. In dem knapp 600 - Einwohner - Dorf, in dem ich wohne, sind die einzige verfügbare Gesellschaft, bei einem abendlichen Spaziergang nach 21.00 Uhr, ein paar verspätete Katzen.​
Als ich meine Patentante im Februar besuchte, konnte ich von ihrer Küche aus in das Nachbarhaus sehen, wo ein kleiner Junge in seinem Zimmer mit Plastikrittern spielte. So erleuchtet wie seines waren noch hunderte anderer Zimmer. Fenster zu hunderten von anderen Welten. Sie alle zu betrachten von außen, von der Straße aus. Fasziniert zu den Schemen hinter den Fenstern hinaufschauend, stand ich eines Abends auf dem Fußgängerweg. Hier kam ich mir unendlich klein vor. Und so naiv. Die Menschen, deren Leben sich dort in den Wohnungen abspielte, wussten vielleicht von Dingen, von denen ich nie eine Ahnung gehabt hatte. Tja, wer in der Stadt wohnt, bekommt eben mehr mit von der Welt.
Was sich auch darin widerspiegelt, dass ich während meiner philosophischen Ausführungen zum Thema „Ahnungslosigkeit“ auf dem Fahrradweg stehen geblieben war. Es bedurfte eines genervten Klingelns, und schon hatte sie mich wieder. Diese immer laute, immer bewegte, sich wandelnde und doch auf der Stelle tretende Stadt. Damit meine ich nicht, dass sich dort selten etwas verändert. Sondern mehr, dass der eigentliche Wandel von den Menschen ausgeht. Sie werden geboren, wachsen, altern, sterben. Die Stadt altert. Manchmal wird etwas zerstört oder entsteht neu, doch (meist) bleibt sie von der Struktur her gleich. Doch jede Tram bringt neue Menschen mit sich. Neu und gerade erst gestrandet in dieser ohrenbetäubenden andersartigen Welt mit ganz eigenem Rhythmus. Angespült von Wellen aus Angst, Hoffnung, Neugier... Wieder ein Unterschied zwischen Großstadt und Dorf. Dorthin verirrt sich nur alle Jubeljahre mal jemand neues, der auch vorhat zu bleiben. Für Städter mag es seltsam klingen, doch in meinem Heimatdorf in Mecklenburg - Vorpommern wohnt kein einziger Flüchtling! Auch niemand, dessen Wurzeln jenseits der europäischen Grenzen liegen. Und irgendetwas sagt mir, dass es für einen Türken oder Marokkaner sehr schwer wäre, sich ins Dorfleben zu integrieren. Und wenn die AfD weiterhin solchen Zuspruch erhält wie bisher, wird das wohl auch so bleiben...

Dabei ist gerade diese Verschmelzung  der Ethnien, die man in einer Großstadt erleben darf etwas sehr wertvolles, wie ich finde. In eine Großstadt passt jeder irgendwie. Sie ist wie eine riesige bunte Patchworkdecke, zusammengesetzt aus den unterschiedlichsten Menschen. Je bunter, desto besser! In einer Stadt kann jeder leben. Und ich? Ich werde wohl noch bis zum Studium mit meinem Umzug in eine richtige Stadt warten müssen. Bis dahin gelingt es mir ja vielleicht, ein wenig städtisches Flair ins Dorf zu bringen. Aufkleber an einer der (übrigens nicht funktionierenden) Straßenlaternen wären doch sicher ein Hingucker...