Milla Aulibauer - Blau im Glas, liegt die Zukunft in den Sternen?

Milla Aulibauer: Blau im Glas – liegt die Zukunft in den Sternen?

Liegt die Zukunft in den Sternen? Das habe ich mich auch gefragt, genau wie du vielleicht auch. Aber ob es so ist, das musst du selbst herausfinden. Vielleicht möchtest du sicher gehen, dass du nicht doch lieber Zuhause bleibst.

Hier ist meine Geschichte:

„Thomas“, schrei meine Mutter mir hinterher, „bleib hier!“ Aber das tat ich nicht. Ich rannte nur noch immer weiter in den Wald. Ich hatte keine Ahnung, wo ich war oder wohin ich wollte, aber eines war klar: Ich wollte einfach nur weg, weg von hier. Stolpernd rannte ich durchs Gebüsch und fiel und fiel in einen tiefen Abgrund wie in Zeitlupe. Beim plötzlichen Aufprall wurde mir schwarz vor Augen. Als ich aufwachte, war es dunkel. Alles war ruhig, ich konnte nur noch einen schmalen Lichtspalt weit über mir erkennen, aber wie ich den Sturz überlebt hatte, war mir unklar. Alles tat mir weh. Ich versuchte auf wackeligen Beinen aufzustehen, aber fiel wieder hin. „Versuch  es erst gar nicht“, sagte eine raue Stimme. „Wer, wer ist da?“ fragte ich zitternd. „Ich bin alles. Die Zeit, das Licht und die Dunkelheit, alles in einem, das, das bin ich“, antwortete die Stimme. „Nein, ich meine, wie du heißt, wie man dich nennt“, startete ich einen Versuch neu, noch immer nicht ganz vom Schreck erholt. „Du kannst mich nennen, wie du willst, aber wie heißt du und was bist du?“ „Ich heiße Thomas und ich bin ein Mensch wie du und jeder andere, der sprechen kann“, entgegnete ich verwirrt. „Ein was?“ fragte sie zurück, „was ist ein Mensch? Noch so eine neu gezüchtete Rasse von oberhalb des Zugangs der normalen Welt?“ „Ähm, wenn das, wo ich herkomme, keine normale Welt ist, was ist dann normal?“ „Na das hier!“, stellte sie klar. „Also, was hast du gesagt? Dass du von da oben kommst?“ „Ja, na klar, wie du doch auch.“ Dann wollte ich eins klar stellen: „Ist es nicht unnormal, wenn man eine Person ist, die reden kann, aber kein Mensch ist und nicht von oben kommt?“ „Was quasselst du da für verrücktes Zeug? Kommst du wirklich nicht von hier unten?“ „Nein“, sagte ich, „Ich bin Thomas von oben.“ „Wie bist du hier her gekommen?“, fragte sie erschreckt. „Ich bin von Zuhause weg gelaufen, weil niemand auf mich hört, niemand mich mag und mich braucht. Da bin ich nach dem hundertsten Streit in dieser Woche in den Wald gelaufen, gestolpert und wieder hier aufgewacht“, nuschelte ich als Antwort. Es war mir eigentlich egal, was alle von mir dachten aber peinlich war es mir jetzt schon, einfach weggelaufen zu sein.
„Komm mit“, sagte die Person, über die ich immer noch nicht schlauer geworden war. „Du bist gerade zum richtigen Zeitpunkt gekommen. Das hier ist unser Dorf!“ , meinte sie. „Schließe deine Augen, denn es wird gleich sehr hell und laut.“
Es gab einen lauten Knall und als ich die Augen öffnen durfte, blieb mir der Mund offen stehen. Um mich herum waren Bäume, Häuser, kleine Bäche, sogar ein Wald zu sehen, aber die Person, die neben mir stand sah seltsam aus. Sie sah zwar aus wie ein Mensch, aber sie schien durch und durch aus Rauch, Dampf oder Nebel zu bestehen. Als sie mich bemerkte, war sie wie erstarrt. Du, du b… bist ja aus festem Material!“, stotterte sie, „bist du etwa der, den wir die ganze Zeit gesucht haben? Der, der für uns die Zukunft in den Sternen lesen soll?“
Verwirrt antwortete ich ihr: „Ich weiß davon nichts.“
„Okay, dann bringe ich dich erstmal zu unserem Oberhaupt, damit du mehr erfährst.“, meinte sie.
Ich folgte ihr, weil ich ja jetzt wusste, wo ich hintreten musste. Die Stimme war also eine alte Frau mit grauem Haar und bunten Kleidern und Ketten. Als wir das Stadttor erreichten, war alles plötzlich still. Der alltägliche Lärm war verstummt. Alle sahen mich an und dann brach die Wortwelle über mir zusammen, alle redeten und riefen durcheinander, aber ich bekam das wenigste davon mit. Ich war viel zu beschäftigt damit, mich durch die Menge zu quetschen und der Frau zu folgen. Etwas war jedoch komisch: Rauchige Leute, die fest waren? Ich musste mich ja durch die Menge quetschen, was mich verblüffte. Als wir an eine große Tür, die reichlich beschmückt war kamen, blieb die Frau, die wie sich herausgestellt hatte, Mathilda, hieß, stehen und klopfte an. In der Tür öffnete sich ein Fenster und ein schmales Gesicht kam zum Vorschein.
„Was wünschen Sie?“ fragte das Gesicht.
„Wir wünschen den Häuptling zu sprechen“, antwortete Mathilda in einem spöttischen Tonfall.
Da erst fiel sein Blick auf mich. Er erschrak. „Wir werden gleich eine Audienz einberufen!“, antwortete er hastig. Nach ein paar Minuten schwangen die groß0en Torflügel auf und wir durften eintreten. Ein dünner, in blaue Gewände gekleideter Mann begleitete uns durch viele Gänge. Während der Zeit sagte niemand einen Ton. An einem großen Tor blieben wir stehen. Der dünne Mann flüsterte „Wir beide müssen draußen bleiben, Miss.“ Nur ich trat ein und dann ging ich weiter durch einen Mosaik besetzten Gang. Der Marmorboden, der unter meinen Füßen kalt und glatt war, quietschte. Ich kam in eine große Halle. Am Ende der Halle stand ein Thron aus Eisenstäben, die sich um die Lehne wanden. Sie waren mit seltsamen Kugeln geschmückt, insgesamt waren es 8 Stück. Eine dröhnende Stimme zeschnitt die Luft: „Du fragst dich wohl, was das ganze soll, die ganze Aufregung und denkst bestimmt: Eine neue Welt, ein Wunder. Das dachte ich auch, als ich deine Welt entdeckt habe und angefangen habe nach so einem wie dir zu suchen. Denn wir, das ganze Dorf, brauchen dich.“    
„Ich weiß nichts davon!“ antwortete ich verzweifelt.
„Keine Sorge, das erkläre ich dir“, beruhigte er mich. Dann schrie er: „Diener, bring die Aufzeichnungen her, aber plötzlich!“ dann sagte der Häuptlich: „Hier. Lies.“
Und ich begann zu lesen:

12.03.2019
1. Tag: Uns hat Dorf2 Krieg erklärt. Wenn nur endlich der Retter kämer, der für uns die Zukunft holt, dann wäre alles gut. Viele unserer Leute haben versucht, endlich die Zukunft zu finden, aber vergeblich. Niemand kam von der Suche zurück.
2. Tag: Endlich fanden sich Leute, die glaubten, etwas gefunden zu haben. Jemanden, der uns den Weg zur Zukunft bot, hatten sie aber nicht dabei, nur einen Papierfetzen.
3. Tag: Der Fetzen wurde vorgelesen, große Enttäuschung bei allen, die die Angriffe auf das Dorf überlebt hatten. Viele hatten ihr Haus und alles verloren. Der Text auf dem Blatt lautete:

Weltfremderjunge der Retter sei,

Sterne, Planeten nicht einerlei,

Zukunft ist dort dabei.

Allein wird er kommen und gehen,

auf Ringbahn der Großen 2 wird er stehn,

Zukunft fangen wird er dort gehen.

Mutter und Kind werden vereint,

wie sie durch Gewalt einander entzweint.

4. Tag: Was ist mit Ringbahn der Großen 2 gemeint? Was bedeutet Weltfremderjunge? Das weiß keiner. Aufzeichnungen müssen abgebrochen werden. Ein neuer Angriff auf das Dorf droht…

 

Als ich mit lesen fertig war, verstand ich und sagte: „Ich soll also der Junge sein, der sich auf die Suche nach der Zukunft begibt?“
„Ganz Genau“, antwortete der Häuptling.
„Aber ich weiß doch genauso wenig, was die Ringbahn ist“, meinte ich mit zittriger Stimme.

„Darüber habe ich mir schon Gedanken gemacht“, sagte der Häuptling. Es gibt in unserem Sonnensystem zwei große Planeten mit Ringen. Einer davon ist von uns aus mit dem Fernrohr zu sehen. Ein Raumschiff haben wir für dich schon vorbereitet. Mit rasender Geschwindigkeit wirst du nach 1 Stunde beim Herrn der Ringe ankommen und für uns die Zukunft einsammeln. Danach bringen wir dich nach Hause. Dann haben wir alle was wir wollen. Wie meinst du?“ , rief er fröhlich.
„Ähm, wieso muss ich das machen? Es kann doch auch einer der Leute aus dem Dorf machen. Woher wisst ihr eigentlich wo ich her komme?“, fragte ich. Langsam wurde der Häuptling sauer: „Weil du in der Nachricht auf dem Fetzen erwähnt wirst und ich dich wochenlang beobachtet habe. Du musst dorthin fliegen und die Zukunft zurückholen, sonst werden wir alle im Krieg sterben. Wenn du uns aber die Zukunft gibst, dann wird der Krieg beendet.“, schreit er inzwischen fast verzweifelt. „Du musst zum Gasriesen fliegen, ob du willst oder nicht. Wir hätten auch noch eine Zelle frei, wo du für den Rest deines Lebens fristen könntest!“
„Okay, ich machs. Aber wie sieht die Zukunft denn aus?“ nuschelte ich.

„Blau“ antwortete er und mit einem Puff verschwand er. Nach einer Weile Stille ging ich hinaus zu Mathilda, die eingenickt war, ich rüttelte sie wach und wir gingen zurück nach draußen. Sie zeigte mir wo ich schlafen kann. Ich fiel in die Kissen und schlief sofort ein. Am nächsten Tag wurde ich von einem Dröhnen geweckt. Als ich aus dem Fenster schaute, sah ich, dass eine Rampe auf dem Marktplatz aufgebaut wurde. Es klopfte an der Tür und ich wurde in ein ungefähr 2-3 Meter hohes, 5-6 Meter breites und 10-11 Meter langes Gerät geführt. Auf einen Sitz gequetscht ging es dann los. Alles in solch eine Geschwindigkeit! Ein Dröhnen, dann wurde ich heftig durchgerüttelt. Ich schaute aus dem Fenster und erschrak: Ich flog ohne zu steuern, aber das Flugmobil lenkte sich von ganz allein. Dann kam eine Durchsage: „Lieber Fahrgast, in Kürze erreichen wir Saturn. Bitte ziehen Sie unseren selbst konstruierten Raumanzug an und begeben sich zum Ausgang. Vergessen Sie dabei nicht ihren Zukunftskescher, um alles einzufangen und dann in ein Einmachglas zu stopfen. Schauen sie bitte nicht zu tief in die Zukunft. Sie zeigt ihnen nämlich die Wahrheit!“
Der Rest verlief super, die Türen öffneten sich, ich stieg aus und war überwältigt: Überall flogen Steine umher, aber irgendwie wichen sie vor mir aus und ich konnte auf den großen Gesteinsbrocken stehen bleiben. Plötzlich sah ich es. Tiefblau waberte es umher, ich lief schnell hin, um es einzufangen. Aber als es mich zu bemerken schien, wich es vor mir zurück. Ich griff zum Glas und Kescher und mit einem gelungenen Schwung hatte ich es wupp im Glas. Schnell rannte ich zum Mobil und knallte die Türen hinter mir zu, denn in dem Moment als ich das blaue Etwas im Glas hatte, fingen die Steine an, nicht mehr vor mir auszuweichen. Das Mobil preschte los. Nach einer Weile, als wir Saturn schon hinter uns gelassen hatten schaute ich mir das Glas genauer an. Es war ein schönes Blau, doch plötzlich tauchte im Inneren eine Schrift auf, die ich lesen konnte. Doch die Zeilen verschwammen vor meinen Augen und ich fing an zu träumen. Ich sah meine Mutter weinend auf einem Stuhl und hörte sie sagen: „Thomas, steht deine Zukunft wirklich in den Händen von ihm? Liegt die Zukunft hier in den Sternen?“
Ich wachte auf, starrte in das Blau im Glas und sah darin meine Mutter. Sie weinte wie im Traum. „Die Zukunft sagt nur die Wahrheit“, erinnerte ich mich an die Durchsage im Mobil. Ich hatte Heimweh und wollte nicht in einen Krieg hineingezogen werden. Ich könnte doch auch einfach allein weiter, denn Schaltknüppel waren ja da. Ich brauchte sie nur zu bedienen. An mehr kann ich mich nicht mehr erinnern, nur dass ich eine Bruchlandung im Wald knapp neben dem Spalt machte. Das Glas warf ich in den Riss und brüllte hinter her: „WAS SCHERT MICH EUER BLÖDDER KRIEG; DIE ZUKUNFT FINDET MAN NICHT IN DEN STERNEN; SONDERN HIER BEI EINEM SELBST; DIE ZUKUNFT LIEGT BEI DIR UND ALLEN ANDEREN MENSCHEN.“