Nelly Ploner (12 Jahre): Morisa.

„Hallo?“ rief ich in die Stille hinein. Keine Antwort, auch beim zweiten und dritten Versuch. 
Nicht ein Lebenszeichen drang aus dem riesigen Eisentor, vor dem ich angehalten hatte. Es war in eine mehrere Meter hohe     Mauer aus grauem Stein eingebaut. Alles wirkte  trostlos, monoton und furchteinflößend. Diese Grenze war eine unmissverständliche Warnung. 
„Komm nicht näher oder es wird dir schlecht ergehen!“ schien sie förmlich zu schreien. Der graue, gruselige Klotz passte überhaupt nicht zu dem flachen, grünen Grasland ringsherum, auf das die Sonne schien und so weich und gut aussah, dass man sich am liebsten hineingeworfen hätte. Warum wollte ich dort hinein?     

Etwa zwei Wochen zuvor hatte ich mich auf den Weg nach Morisa gemacht. Damals kannte ich noch nicht einmal diesen Namen. Ich hatte eines Nachts urplötzlich diesen Traum von einer Stadt mit wunderschönen, niedlichen, kleinen Häuschen und saftigem Gras.  Sie wirkte so freundlich und erschreckend vertraut, obwohl ich noch nie dort gewesen war. Mein Traum nahm jedoch eine unheimliche Wendung. Ich sah, wie es Nacht wurde und sich graue Schatten über das sympathische Städtchen breiteten. In diesen Schatten lauerte das Böse. Ich konnte spüren, dass etwas nicht stimmte, doch ehe ich dem nachgehen konnte, wachte ich schweißgebadet auf. Mein Traum kehrte immer wieder und ich versuchte, tiefer in diese Stadt einzutauchen, aber es gelang mir nicht. Mein Entschluss stand fest: Ich musste diesen Ort finden.

Kurz nach meinen Abiturprüfungen hatte ich mich auf den Weg gemacht. Nur meinem Instinkt folgend bog ich mal hier, mal dort ab, folgte kaum sichtbaren Pfaden und schlief unter freiem Himmel. Auf meiner Reise hatte ich mit vielen Leuten über mein Ziel gesprochen und so den Namen des mysteriösen Städtchens erfahren: Morisa.
Nach dem mehrere Minuten vergangen waren, legte ich eine Hand auf das Tor. Es war kühl und fühlte sich glatt und ebenmäßig an. Ich weiß nicht mehr, was ich damals erwartete. Vielleicht, dass sich ganz plötzlich ein kleiner Spalt in dieser schier undurchdringlichen Grenze auftat, oder, dass mich jemand hineinbat. Nichts von all dem geschah. Aus einem dumpfen Gefühl heraus rief ich: „Mein Name ist Luna Martha! Ich bitte um Einlass!“ Viele Minuten verstrichen, bis ich mich schließlich entschloss umzukehren. Doch gerade, als ich mich abgewandt hatte, vernahm ich hinter mir ein leises Quietschen. Ungläubig wandte ich mich um und tatsächlich: Das Tor öffnete sich! Als ich meine Schockstarre überwunden hatte, quetschte ich mich schließlich durch den entstandenen, schmalen Spalt im Stadttor. Hinter mir schloss es sich mit einem lauten Knall, der mich zusammenzucken ließ. Verwirrt sah ich mich um. Es bestand kein Zweifel: Ich war in Morisa angelangt. Die Stadt war tatsächlich noch viel schöner als in meinem Traum. Kleine, mit leichtem Leinen bekleidete Kinder jagten über die unebene Straße einer Katze hinterher. Vor einem der wundervollen Häuschen mit hellem Strohdach saßen zwei junge Mädchen, die sich konzentriert über ihre Näharbeit beugten und auf der anderen Straßenseite verteilte ein älterer Mann aus einem großen Korb reife Äpfel an andere Stadtbewohner. Alles wirkte wie in einem mittelalterlichen Dorf. Strom schien es nicht zugeben. Noch hatte mich niemand gesehen, dachte ich zumindest, bis ich bei meinem nächsten Schritt gegen ein Kleinkind stieß, das mich mit großen Kulleraugen anstarrte. 

Schließlich schrie es: „Eine Neue! Eine Neue!“ Sofort kamen viele Bewohner angerannt und beobachteten mich mit unverhohlener Neugier. Bei diesen Mauern kamen sicher nicht oft Menschen aus der Zivilisation nach Morisa. Ein kleiner Mann, der nicht älter als dreißig Jahre alt sein konnte, nahm mich schließlich ohne ein weiteres Wort am Arm und zog mich mit sich in ein Haus am Ende der Straße. Direkt beim ersten Hinschauen wirkte es älter und irgendwie... erfahrener als die anderen, fast weise. Dabei konnte es nicht am Aussehen liegen, denn eigentlich ähnelte es den anderen Häuschen sehr. Jedoch war mir bei genauerem Hinsehen wie als würde sich alles vor dem Gebäude verneigen. Die Blumen, die Bäume, ja sogar die Straße fielen kurz vor dem Häuschen ein wenig in die Tiefe. Das Erste, was ich beim Eintreten wahrnahm, war eine alte Frau, die auf einem klapprigen Holzstuhl saß, Kräuter zwischen den Fingern rieb und dabei leise murmelte. „Das ist Henriette, die weiseste und klügste Frau aller Zeiten!“, erklärte mir mein Begleiter. Seine Stimme hörte sich ein bisschen rau und kratzig an. „Hallo Henriette ,“  versuchte ich ein Gespräch zu beginnen, woraufhin die Weise den Kopf hob und mich interessiert aus alten, aber wachsamen Augen musterte, denen wahrscheinlich nur selten etwas entging. „ Ich bin Luna Martha.“ Bei der Erwähnung meines Namens nickte die alte Frau kurz, bevor sie sprach: „Du bist spät. Es beginnt schon sehr bald. Wie hast du uns gefunden?“ Irritiert und nachdenklich über das Gesagte brauchte ich erst eine Weile, bis ich Henriette von meinem Traum zu erzählen begann. Ohne ein Wort zu sagen hörte sie die ganze Zeit zu. Als ich geendet hatte sagte sie: „Ich habe geahnt, dass du uns über diesen Weg finden würdest. Du musst wissen, dass ich dir diesen Traum schickte.“ Nun hatte ich völlig den Faden verloren. Wie konnte ein Mensch einer anderen Person Träume schicken? Ich setzte zu einer Nachfrage an, die Henriette aber mit einem Handzeichen abwehrte. „Du schläfst heute Nacht bei mir. Hier bist du sicher, da sie versuchen werden, dich zu holen. Ich kann dir nichts sagen. Warte einfach die Nacht ab, denn aus Erfahrungen lernt man. “Ich war nach diesen Worten so verstört, dass ich mich ohne zu murren von Henriette in den hinteren Teil des Raumes führen ließ, in dem sich eine Holzpritsche befand. Sie sah nicht sonderlich bequem aus, aber ich war viel zu müde, um ​über solche Kleinigkeiten nachzudenken. Also sank ich, nachdem ich mich bei der Alten bedankt hatte, mit einem wohligen Seufzer auf mein Bett, das erstaunlicherweise viel gemütlicher war, als es aussah, und fiel schnell in einen tiefen und erholsamen Schlaf. Ein unerträgliches, unangenehmes Gefühl hatte mich aus dem Schlaf gerissen. Nun saß ich kerzengerade, wachsam und angespannt auf meinem Nachtlager. Das dumpfe Gefühl, etwas Böses sei anwesend, ließ nicht von mir ab. Schweiß rann mir von der Stirn, es wurde nicht besser, sondern immer schlimmer. Von meiner Pritsche aus konnte ich ein wenig von der Stadt sehen, die in der Nacht sehr unheimlich aussah. Irgendetwas passte nicht ins Bild, doch ich kam nicht darauf, was es war. Obwohl das beklemmende Gefühl immer noch da war, beschloss ich, mich wieder auf das kleine Leinenkissen fallen zu lassen und schloss die Augen. Als ich schon fast wieder eingeschlafen war, jagte mir ein kalter Schauer über den Rücken. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen und meine Erkenntnis brachte mich dazu, die dünne, kratzige Wolldecke bis über die Nasenspitze zu ziehen. Die Schatten auf der Straße hatten in keinem der Häuser, Blumen, Karren oder auf der Straße liegenden Steinen ihren Ursprung. Sie gehörten zu nichts und niemandem in dieser Stadt. Eine Träne der Angst rann mir über die Wange. An Schlaf war nicht mehr zu denken.
Am nächsten Morgen weckte mich die Sonne. Müde wollte ich mich von meinem Bett wälzen, erinnerte mich jedoch zu spät daran, dass dieses mehr als nur schmal war. Ich knallte mit voller Wucht auf den Boden. Ein Jaulen entfuhr mir, ehe ich mich nun sehr wach erhob und zu dem Steinblock in der Mitte des Raumes aufmachte. Er diente als Tisch. Henriette saß bereits auf einem kleinen Steinblock an diesem steinigen Tisch. Dies war wohl ein Stuhl. Mir hatte sie ihren alten Klapperstuhl vom Vorabend hingestellt. Frustriert und übermüdet ließ ich mich auf das einsturzgefährdete Ding fallen, das ein beleidigtes Ächzen von sich gab. Kaum hatte ich es mir halbwegs gemütlich gemacht, fragte Henriette „Und hast du etwas gefühlt?“ 
Ich berichtete ihr daraufhin von dem nächtlichen Grauen, das sie mit einem triumphierenden Grinsen quittierte. „Das ist sehr gut. Ich sah so etwas voraus. Bevor du mich jedoch befragst, habe ich dir etwas zu sagen.“ Henriette kam ganz nah an mein Gesicht heran und flüsterte eindringlich: „Es ist heute Abend und du musst es besiegen!“ Ich bekam Angst und beschloss, sie jetzt endlich zu fragen. „Was meinst du immer mit es ? Was ist das? Ich verstehe nicht, was mich so besonders macht.“ „Nun, das ist eine lange Geschichte. Es gibt hier einen See. Dieser See ist nicht so, wie du Seen kennst, er ist... anders. In unserem See lebt der Morisa. Er ist ein Wesen, das Seelen braucht, da Kreaturen wie er an mangelnder Lebensfreude sterben. Weil er seinen See nicht verlassen kann, lässt er alle einhundert Jahre eine große Flutwelle über das ​Dorf kommen, die die Menschen in den See schwemmen. Ihre Seelen bleiben für genau einhundert Jahre beim Morisa, danach kann sein Bann sie nicht mehr halten. Deswegen sorgt er für Nachschub. Irgendwann sagte ich den neu angesiedelten Bewohnern, sie sollten eine Mauer bauen, damit nicht noch mehr Menschen ins Verderben gerissen werden. Ich sagte ihnen auch, dass sie besser gehen sollten, aber sie taten es nicht, weil sie sich vor der Zivilisation fürchteten. Ich bin eine Überlebende, die seine Flutwelle schon einmal erlebt hat. 
Ich kann nicht mehr gegen ihn kämpfen, da ich schon über einhundertzehn Jahre alt bin. Nun zu dir:  Ich kenne seinen wunden Punkt, du wirst ihn treffen. Morisa hat eine grüne Strähne in seinem sonst weißen Haar. Diese ist sehr empfindlich. Eine der Seelen schwamm bei der letzten großen Flutwelle dagegen, was ihn zur Raserei brachte. Reiß ihm die Strähne aus und er wird sterben. Da du erst gestern kamst, bist du noch von seinem Bann ausgeschlossen. Aber sei vorsichtig, denn der Morisa ist sehr gefährlich.“

Als sie geendet hatte wankte ich ohne ein weiteres Wort zu meiner Pritsche und mir wurde schwarz vor Augen. Ich wachte auf, als mir ein Schwall kaltes Wasser ins Gesicht schlug. Erschrocken öffnete ich die Augen. Durch alle Öffnungen des Hauses drang Wasser. Es stieg sehr rasch und irgendwann riss es mich mit sich. Ich schoss durch die Fensteröffnungen hindurch, immer weiter in den See hinein. An Luft war nicht zu denken. Der Sog war viel zu stark. Er zog mich gewaltsam mit sich. Panisch begann ich, ohne Erfolg zu paddeln. Ich merkte gar nicht, dass ich immer weiter fort trieb. Irgendwann hielt ich an, jedoch immer noch im Wasser - und da sah ich das Scheusal. Es war so furchtbar hässlich, riesig und furchteinflößend, dass mein Magen sich umzudrehen begann. Es war der Morisa und ich brauchte Luft. Ich wurde zu der Kreatur geschwemmt, die gerade mit ihren langen, ekelhaften Fingern einen Dorfbewohner anfasste und beguckte. Da fiel es mir endlich ein: Die Strähne! Leuchtend grün stach sie aus der blassen Erscheinung des Morisas hervor. Mit letzter Kraft und berstender Lunge paddelte ich zu seinem ekelhaften Kopf. Alles verschwamm, mein Blickfeld verdunkelte sich, gleich war mein Leben vorbei. Halb besinnungslos griff ich nach der giftgrünen Haarsträhne und zog mit aller Kraft, so dass meine Arme brannten. Ein lang gezogener, entsetzlicher Schrei, grausam und traurig zugleich, ertönte und plötzlich verschwand alles Wasser in wenigen Sekunden.     

Es war vorbei, ich lag auf dem Trockenen, das widerliche grüne Haar in der Hand und atmete köstliche, frische Luft. Ich hatte es geschafft. Alle Bewohner hatten überlebt. Der Morisa war tot. Ich würde  hierbleiben.