9. November 2019 – 81 Jahre Reichspogromnacht, 30 Jahre Mauerfall

81 Jahre sind die Reichspogromnächte nun her, jene Eskalation der antisemitischen Gewalt, mit der die Entrechtung und Ausgrenzung der Juden und Jüdinnen in Deutschland 1938 in offenen Mord, Plünderung und Verschleppung umschlug. Über 1000 Menschen starben in der Nacht oder in der direkten Folge hierauf, 7000 jüdische Geschäfte wurden zerstört und bestohlen. An diese furchtbaren Ereignisse zu erinnern, könnte kurz nach dem versuchten rechten Terroranschlag auf eine Synagoge in Halle am wichtigsten jüdischen Feiertag kaum wichtiger sein.

Das Datum vereine, so Angela Merkel heute bei den offiziellen Feierlichkeiten, die „fürchterlichsten und glücklichsten Momente in der deutschen Geschichte“. Mit den glücklichen Momenten ist natürlich v.a. der Mauerfall gemeint, auf den sich das staatliche Gedenken in der letzten Woche fokussierte. „Keine Mauer, die Menschen ausgrenzt und Freiheit begrenzt, ist so hoch oder so breit, dass sie nicht doch durchbrochen werden kann“, so Merkel weiter. Eine Kundgebung am Checkpoint Charlie mit DDR-Oppositionellen und Aktiven der Seebrücke-Initiative machte zuvor auf jene Grenzen aufmerksam, die noch nicht durchbrochen sind, auf die europäischen Außengrenzen, wo die Ausgrenzung und Begrenzung der Freiheit noch tragische Aktualität ist.

Wir möchten jeweils ein Buch empfehlen, um an diesem Datum das Gedenken inhaltlich zu begleiten, mit klugen Stellungnahmen zu zwei historischen Ereignissen:

Die im Frühjahr erschienene Neuauflage des bayerisch-jüdischen Beamten Siegfried Lichtenstaedter, ist eine frühe Warnung vor den aufkommenden faschistischen Tendenzen. In den 20er Jahren sagte er in Satiren, Essays und Prognosen den Holocaust voraus. Götz Aly hat die wichtigsten Texte nun mit dem Fischer Verlag neu herausgegeben und zeigt, wie notwendig die Klarsichtigkeit des Autors auch heute wieder ist.

Zum Mauerfall möchten wir Ihnen unter den zahllosen Neuerscheinungen besonders das Buch von Christoph Links und Hannes Bahrmann ans Herz legen. In „Finale. Das letzte Jahr der DDR“ hangeln sich die Autoren von Oktober `89 bis Oktober `90 anhand verschiedener Textarten durch das Umbruchsjahr: Es gibt Dokumentationen, Hintergrundberichte, Porträts, damals beliebte Witze und Zeitzeugenberichte. Als sie das Buch am 4.11. bei uns im Buchladen präsentiert haben wurde deutlich, aus welch einer engagierten und kenntnisreichen Perspektive Links und Bahrmann über das Thema schreiben!

Bahrmann, Hannes/Links, Christoph: Finale. Das letzte Jahr der DDR. Ch. Links Verlag, 18.00 €

Lichtenstaedter, Siegfried: Prophet der Vernichtung. Über Volksgeist und Judenhass. S. Fischer Verlag, 22.00 €