Ernste Themen für junge Leser*innen

Wie gehen wir mit ernsten Themen in literarischen Werken für Kinder und Jugendliche um, v.a. wenn sie sich auf real existierende Ereignisse, Situationen und Zusammenhänge beziehen?

Überfordern wir unsere Kinder zu schnell, wenn wir sie bereits mit neun Jahren mit Themen wie Depressionen, Wutausbrüchen, Verlassen-Werden, Identität und Rassismus konfrontieren? Trauen wir ihnen vielleicht aber auch nicht ausreichend zu, sich mit solchen Dingen auseinandersetzen zu können, mit denen sie in ihrem Alltag möglicherweise sowieso schon in Berührung kommen?

Sicher scheint, dass eine solche Entscheidung immer von den einzelnen Kindern und Jugendlichen abhängt, wann ein ernstes Thema angemessen, notwendig oder auch zu früh und überfordernd sein kann. Neben und ergänzend zu unserem gemeinsamen Austausch mit ihnen, gibt es eine Vielzahl solcher Auseinandersetzungen in der Kinder- und Jugendliteratur, aus welcher wir Ihnen gerne einige vorstellen möchten.

 

Mit Kindern redet ja keiner von Kirsten Boie, illustriert von Philip Waechter (empfohlen ab neun Jahren)

Charlottes Mutter ist auf einmal gar nicht mehr so, wie sie sie kennt. Sie hat erst Wutausbrüche und ist dann plötzlich ganz traurig und kümmert sich um gar nichts mehr. Charlotte weiß überhaupt nicht was los ist, weil niemand mit ihr spricht und sie beginnt sich immer mehr für ihre Mutter zu schämen. Umso wichtiger, dass sie jetzt jemanden findet, mit dem*der sie auf einer Augenhöhe reden kann! Ein kleiner Hamster spielt dabei eine ebenso große Rolle, wie ihre Freunde und Familie.

Charlottes Mama hat eine Depression und natürlich hat das auch Einfluss auf Charlottes Leben.

Kirsten Boie schreibt in ihrem Nachwort:

„Die Krankheit, an der Charlottes Mutter leidet nennt man >>Depression<<. […] Diese Krankheit bekommen irgendwann in ihrem Leben viel, viel mehr Menschen, als man so denkt, und zum Glück kann man sie ganz gut behandeln. Dann geht es den Menschen wieder gut. Schlimm ist aber, dass man über Depressionen und andere psychische Erkrankungen […] oft gar nicht spricht, weil man sich schämt. Dabei weiß ich gar nicht, warum man sich mehr schämen muss, wenn man eine Depression hat, als wenn man Schnupfen [...] hat. Für die kranken Menschen und ihre Familien wird dadurch alles nur noch viel, viel schwerer, wenn alle sie behandeln, als ob sie irgendwie ganz komisch sind.“

Mit klaren, einfachen, einfühlsamen und ehrlichen Worten erzählt Kirsten Boie von Charlotte und ihrer (Familien-)Geschichte.

 

Der Katze ist es ganz egal von Franz Orghandl mit Bildern von Theresa Strozyk (empfohlen ab neun Jahren)

Jennifer ist ein sehr selbstbewusstes Kind, das seinen Eltern ohne Umschweife mitteilt, dass sie, früher Leo, jetzt Jenniferheißt und ein Mädchen ist. Punktum. Nur die Erwachsenen, die kommen damit irgendwie nicht so gut klar. Wut, Verwirrung und Trauer zeigt sich in ihren Reaktionen. Jennifer gibt klein bei, denn traurig machen will sie ihre Mama nun wirklich nicht. Auch wenn sie viel lieber farbenfrohe Kleider als dunkle Hosen und T-Shirts tragen will und sich einfach so klar ist, dass sie ein Mädchen ist. Auch ihre Eltern merken schnell, dass Jennifer nicht nur eine fixe Idee von einem Leo ist, sondern, dass sich ihr Kind einfach nicht anwesend fühlt, wenn von ihr als Leo die Rede ist. Auch die Mama versteht das irgendwie und weiß doch nicht so ganz, was sie tun soll. Wieso sind nicht einfach alle wie die Katze? Der ist das ja mal so was von ganz egal, ob nun Jennifer, Leo oder sonst wie! Zum Glück gibt es noch so viel mehr Menschen in Jennifers Leben und Jennifer lernt schnell, was sie will, mag, nicht will und nicht mag, auch wenn das manchmal nur durch Unstimmigkeiten mit der Familie und Freunden passieren kann. Und das schöne ist: Es muss dabei nicht bei Unstimmigkeiten bleiben!

Sehr selbstbewusst geht Jennifer durch ihr Leben und ihr dabei zu folgen macht unglaublich viel Freude, auch wenn es durchaus Situationen gibt, die einen beim Lesen sehr traurig oder wütend machen. Leider gibt es Konflikte mit sehr nahen Menschen, wenn sie einen nicht verstehen und das lässt sich wohl auch nicht vermeiden. Am Ende sind es aber vor allem Jennifers Selbstbestimmtheit und der Support ihres Umfeldes, der nach der Überwindung der ersten Schwierigkeiten eintritt, die dieses Buch um das Thema Transgender so achtsam, realistisch und liebevoll machen.

 

Alice Littlebird von Grit Poppe (empfohlen ab zehn Jahren)

Bis 1996 gab es sogenannte Residential Schools in Kanada, welche sich eine Umerziehung indigener Völker zum Ziel setzte und dabei in menschenunwürdiger Art mit den dort „eingeschulten“ Kindern und Jugendlichen umging. Das Wegzerren von der Familie, die Schulen waren zumeist sehr schwer erreichbar für diese, und die auf rassistischen Grundannahmen basierenden Misshandlungen innerhalb der Schule waren und sind unentschuldbar. Die zumeist durch fundamentalistisch christliche Institutionen geleiteten Schulen waren ein Ort der Einsamkeit und der Entfremdung von der Familie, der Muttersprache, sowie spezifischer kultureller Praktiken der jeweiligen Dorf-/Familiengemeinschaften der Kinder. Sie mussten harte Arbeit leisten, durften ihre Muttersprache nicht sprechen und mussten sich dem christlichen Glauben unterwerfen. Verstöße jeglicher Art wurden hart bestraft.

In diesem Buch begleiten wir Alice Littlebird und ihren Bruder Terry Jumping Elk dabei, wie sie aus einer dieser Residential Schools zu flüchten versuchen. Terry hat den scheinbar perfekten Plan, doch hat er sich in seiner eigenen Stärke verschätzt – Alice bleibt auf einer verlassen wirkenden Insel zurück, während Terry wieder in die Fänge der vermeintlichen Lehrkräfte gerät.

Wir lesen aus beiden Perspektiven, wie sich den Kindern die Welt darstellt: Alice, um die neun Jahre alt, vor ein paar Wochen in der Schule und Terry, bereits seit einigen Jahren dort, ein paar Jahre älter als seine kleine Schwester. Beide werden unmöglich behandelt, wie all ihre Mitschüler*innen auch. Für Alice ist das Scheren ihrer langen Haare besonders schlimm. Auch, dass sie ihre eigene Kleidung nicht mehr tragen und nicht ihre Muttersprache sprechen darf. Zudem möchte sie einfach nur zu ihrem Bruder, der in einem anderen Schulgebäude untergebracht ist. Ihre Erfahrungen werden sehr direkt und noch immer sehr kindlich dargestellt. Ihr Bruder hingegen musste bereits einige sehr schlimme Erfahrungen machen, wodurch seine Gedanken bereits sehr viel zukunftsgewandter und komplexer dargestellt sind. Beide jedoch verstehen die unglaublichen Ungerechtigkeiten, die ihnen angetan werden, sehr gut und haben ihre eigenen Strategien damit umzugehen. Und sie setzen sich gegen die unverhältnismäßigen Bestrafungen, die auf jeglichen Regelbruch dieser unwürdigen Gesetze des Internats folgen, sehr vehement zur Wehr.

Ein wichtiges Stück Geschichte von Kolonialismus und Rassismus, ernst und dennoch kindgerecht von Grit Poppe verarbeitet.