Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren.

Neulich bei der Lesung und jetzt endlich gedruckt im Buchladen: Michi Strausfeld: „Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren. Lateinamerika erzählt seine Geschichte“

Michi Strausfeld gilt als die Kennerin lateinamerikanischer Literatur sowie als Literatur- und Kulturvermittlerin Lateinamerikas in Deutschland. Sie studierte Hispanistik, Anglistik und Romanistik und promovierte über Gabriel García Márquez und den neuen Roman Lateinamerikas. Sie leitete zwischen 1974 und 2008 als Lektorin bei Suhrkamp das spanisch-lateinamerikanische Verlagsprogramm, dort erschienen mehr als 350 Titel aus Iberoamerika. Danach baute Michi Strausfeld im S. Fischer Verlag ein neues Programm auf. Sie gab zahlreiche Materialienbände und Anthologien heraus. Im Mai 2012 wurde Michi Strausfeld sogar von der Buchmesse Buenos Aires auf die Liste der 50 wichtigsten Personen für die spanischsprachige Kulturwelt aufgenommen.

Im Rahmen des ilb, des Internationalen Literaturfestivals Berlin stellte die Grande Dame der Lateinamerikanischen Literatur in Deutschland am 15.9.2019 ihr neues Buch vor. Einerseits eine Politik- und Literaturgeschichte des lateinamerikanischen Kontinents, andererseits eine (Arbeits-)Lebensbilanz. Auf jeden Fall: eine Sternstunde im literarischen Leben Berlins! Moderiert wurde die Matinee in der James-Simon-Galerie von ZDF-Chefredakteur Peter Frey.

Michi Strausfeld war Ende der 1960er Jahre aufgrund eines Stipendiums erstmals selbst in Peru, dort begann ihre Liebe zum Kontinent. Durch ihre beharrliche Vermittlungsarbeit schob Michi Strausfeld den langanhaltenden Boom lateinamerikanischer Literatur in Deutschland an. Danach zog sie nach Barcelona, das damalige Zentrum lateinamerikanischer Autoren. Dort wirkte mit Carmen Balcells die wichtigste Literaturagentin und mit dem Verlag von Carlos Barral der Erfinder des Premio Bibliotheka Breve, eines wichtigen internationalen Verlagspreises, mit dem viele wichtige neue Autoren Lateinamerikas bedacht wurden – trotz der starken Zensur unter Franco. In Barcelona lebten alle: Garcia Marquez, Vargas Llosa, Salvador Garmendia – andere kamen zu Besuch: Cortazar, Carlos Fuentes usw.

Die sehnlichst erwarteten neuen Werke der Romanciers hatten und haben in Lateinamerika eine riesige Breitenwirkung, so Michi Strausfeld. Sie wurden und werden als moralisch-politischer Leitfaden wahrgenommen, den die (diktatorische) Politik den Menschen nicht zu vermitteln vermag. Gleichzeitig werde den Autoren dadurch ein politisches Gewicht zuteil. „Die Literatur erzählt eine Geschichte, die die von Historikern geschriebene Geschichte nicht zu erzählen weiß und nicht erzählen kann“, wird Mario Vargas Llosa aus dem Vorwort zu „Wahrheit der Lügen“ zitiert. (S. 11) Mitte der 1970er Jahre, so Michi Strausfeld, brannte ein literarisches Fieber, man wartete auf jedes lateinamerikanische Buch in Spanien.

Michi Strausfeld beschreibt das heutige Lateinamerika als einen Ort der selbstverschuldet gescheiterten politischen Utopien, als Hauptproblem des Kontinents benennt sie die unglaubliche Gewalt aufgrund von Drogen, die Violencia. Das Zentrum sei Mexiko. Das Interesse Europas an Lateinamerika schrumpfe – die hundert Jahre Einsamkeit bestünden weiterhin. Ihr Buch endet positiv: „Lateinamerika verfügt über ein Füllhorn spannender Geschichten und wird noch viel Unbekanntes über seine abwechslungsreiche Geschichte und Gegenwart berichten. Diese Gedichte, Erzählungen und Romane zeigen […] die eigene Sicht auf die wunderbare oder erschreckende Wirklichkeit des Kontinents, ermöglichen also den Blick hinter die Fassade des ‚magischen Realismus‘. Dadurch kann sich unser eurozentrisches Verständnis erweitern und ‚entkolonisieren‘ […] Latinos […] besser zu verstehen und uns stärker dafür zu interessieren könnte der Beginn eines – uns alle – bereichnernden intellektuellen und politischen Austauschs sein, eines Dialogs auf Augenhöhe.“ (S. 514)

Nach einer aktuellen Leseempfehlung gefragt, nennt Michi Strausfeld Antonio Ortuño: „Die Verschwundenen“ sowie Leila Guerriero: „Strange Fruits“.

Ein 40-seitiger Werkanhang und ein 13-seitiger Autorenanhang schließen den grandiosen Band beeindruckend ab.