Generationen schreiben

Wie unterschiedlich sich das Schreiben über die eigene Generation gestalten kann, zeigen die neuen Romane von Sophie Passmann und Cho Nam-Joo. Letztere sorgte mit ihrem Roman „Kim Jiyoung – geboren 1982“ für viel Aufruhr, das Buch löste eine Gleichstellungsdebatte aus und besitzt auch weit über die Grenzen Koreas hinaus politische Bedeutung. Auf dem Cover des Romans ist eine gesichtslose Frau abgebildet; dort, wo sonst Augen, Nase und Mund sind, prangt nur der Titel. Schnell wird klar, dass es sich bei der Romanfigur um eine Frau handelt, die stellvertretend für eine ganze Generation steht. Kim Jiyoung könnte jede Frau sein, ihr Lebenslauf zumindest liest sich wie der von vielen anderen Frauen in Südkorea. In der Schule werden die Jungen systematisch bevorzugt, Belästigungen werden verharmlost oder ignoriert, an der Universität sind alle wichtigen Posten in Clubs oder Verbindungen von Männern besetzt, und auch im späteren Berufsleben setzt sich dies fort. Als das erste Kind kommt, ist es dann selbstverständlich Kim Jiyoung, die ihren Job aufgibt, um dann von Männern in Anzügen als Sch-mama-rotzer bezeichnet zu werden, als wäre das Mutter-Dasein ein Wellnessurlaub. Der Roman legt eine nüchterne Sachlichkeit an den Tag, hin und wieder wird sogar in Fußnoten auf Studien verwiesen – um zu verdeutlichen: hier liegt kein Einzelschicksal vor, sondern eins, das so oder so ähnlich auf tausende zutrifft.

Nicht besonders politisch, dafür aber pointiert und lustig: Sophie Passmanns „Komplett Gänsehaut“ lässt sich als Wutrede auf Millennials lesen. Wobei „Millennials“ schon zu weit gefasst ist. Eigentlich schreibt Passmann über sich und ihresgleichen, nämlich: weiße Mittelschichtkinder aus westdeutschen Provinzkäffern, die es irgendwann nach Berlin verschlagen hat. Passmanns Millennials wohnen in sanierten Altbauwohnungen, trinken Grauburgunder in hippen Weinläden, gezahlt wird mit dem Erbe der Nazi-Großeltern. Viel Zynismus und eine kleine Portion Selbsthass – ihre klugen und oftmals auch bitteren Gedankenergüsse bereiten wieder großes Lesevergnügen. Existentiell und ernst wird es auch, wenn sie beispielsweise über den Sinn des menschlichen Daseins philosophiert, aber auch dies tut sie eben auf ihre Art, kitschig wird es also nicht.