Literarisch reisen durch - New York

Es gibt wohl nicht viele Städte, die sich literarisch so hervorragend bereisen lassen, wie New York. Eigene künstlerische und literarische Strömungen sind hier entstanden und wieder untergegangen, intellektuelle Szenen der Stadt sind vom Ort der Kulturproduktion zum eigenen literarischen Thema geworden. Bei uns in den Regalen findet sich zwar nur ein kleiner Ausschnitt aus den unzähligen Romanen, dennoch lässt sich mit dieser Auswahl nicht nur geografisch, sondern auch zeitlich durch die große Stadt reisen:

20 & 30er Jahre:

In den goldenen Zwanzigern bis hinein in die 30er Jahre entstand in New York eine intellektuelle Aufbruchsbewegung der Schwarzen Bevölkerung Harlems. Während der Harlem Renaissance erlebten afroamerikanische Musik, Tanz, Film, Literatur und Kunst eine absolute Hochphase, auf die sich auch in der Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre immer wieder bezogen wurde. Im Dörlemann Verlag ist nun eine der wenigen weiblichen Protagonistinnen neu übersetzt: Nella Larsen und ihr Roman "Seitenwechsel"! Auch Wallace Thurmann gehörte dieser Strömung an, sein Klassiker "The Blacker the Berry" ist soeben bei Ebersbach & Simon neu erschienen. 

40er Jahre:

New York Romane sind immer wieder Schauplatz für die Suche nach Freiheit und Emanzipation, oft verbunden mit einem Ausbruch aus den erdrückenden Verhältnissen in der Provinz. So auch bei Elizabeth Gilbert: Nach ihrem erfolgreichen und mit Julia Roberts prominent verfilmten Vorgänger-Roman "Eat Pray Love" ist 2019 die "City of Girls" erschienen. Die 19-jährige Protagonistin Vivian stürzt sich darin Hals über Kopf in die glitzernde und glamouröse Theater- Musical- und Barszene Manhattans in den 40ern.

50er Jahre:

Im dtv-Verlag macht sich die großartige Miriam Mandelkow seit drei Jahren an eine Neuübersetzung des Gesamtwerks von James Baldwin. Mit "Ein anderes Land" ist nun einer der frühen Romane erschienen, in dem Baldwin die zutiefst rassistische und sexistische Gesellschaft der 50er Jahre zu begreifen versucht. Der Jazz-Musiker Rufus stürzt sich in den Hudson-River, seine Freunde und Geliebten versuchen mit dem Suizid und den Kräften, die dazu führten umzugehen. Ein schmerzhafter, aber sehr lesenswerter Roman.

60er Jahre:

Brandneu erschienen ist ein Roman von Colson Whitehead: "Harlem Shuffle. Porträtiert wird Ray Carney, ein Möbelhändler im Harlem der 60er Jahre. Carney fordert nicht viel vom Leben, ein ehrliches Auskommen für sich und seine Familie und die Hoffnung auf einen bescheidenen Aufstieg. Während manche Wege jedoch immer wieder blockiert werden, öffnen sich andere umso müheloser – das Armband oder die goldene Uhr, die der Cousin zur Weitervermittlung vorbeibringt, sind oft genug eine willkommene Aufbesserung der Monatsbilanz. Die Stimmung und Atmosphäre der Stadt, die Wünsche und Visionen der Bewohner_innen und die Widerstände, auf die sie stoßen, werden von Whitehead mit großer Liebe zum Detail und einer für das Thema maßgeschneiderten Sprache zum Leben erweckt.

70er Jahre:

Ein Tagebuch der 70er, ein letzter Roman der Beat-Generation: Duncan Hannahs "Dive". Mit allen Zutaten, die es hierfür braucht: Die Prominenten der Zeit bevölkern die Aufzeichnungen und an Drogen, Sex und Partys mangelt es im Leben des Malers und Bildhauers Hannah auch nicht! Eine witzige und schnelle, sicher nicht langweilige Lektüre!

1980-2020:

Ein Gesellschaftsporträt der letzten vierzig Jahre und somit ein frühzeitiger Abschluss dieser unvollständigen Chronologie findet sich in Meg Wollitzers Roman "Die Interessanten". Sechs Freunde, die sich als Jugendliche auf einem Sommercamp kennenlernten, versuchen den eigenen Visionen und Lebensträumen gerecht zu werden!
Und sobald es um zeitgenössische New York Literatur geht, ist an einem Schriftsteller-Ehepaar nicht vorbeizukommen: Paul Auster und Siri Hustvedt bestimmen seit Jahrzehnten die intellektuelle und künstlerische Szene der Stadt maßgeblich mit. An Romanen sei hier z.B. auf "Die gleißende Welt" und "Was ich liebte" von Hustvedt oder "Mond über Manhattan" oder die "New-York-Trilogie" von Auster hingewiesen!

Viel Spaß beim Verreisen!