Literaturpreis Prenzlauer Berg 2017. Alea iacta est.

Die Würfel sind gefallen! Am Samstag, 18. März 2017 fand in der Alten Kantine / Kulturbrauerei die öffentliche Lesung für den Literaturpreis Prenzlauer Berg 2017 statt. Das Thema war dieses Jahr: Ungleiche Welt. Es traten die zehn AutorInnen auf, deren Texte von der Vorjury für die Endrunde ausgewählt worden waren. 

Zur Jury gehörten: Mariana Leky (Autorin), Daniel Mursa (Agentur Petra Eggers), Jörg Sundermeier (Verleger Verbrecher Verlag)

Den Gewinnern unseren herzlichen Glückwunsch, ihnen und allen anderen sowie der Jury und der Vorjury unseren herzlichen Dank! 

 

1. Preis: David Blum: Die schwimmende Kapelle

2. Preis: Judith Lehmann: Nachts sind alle Katzen schwarz

3. Preis: Alexander Raschle: Surrogat

 

1. DAVID BLUM: DIE SCHWIMMENDE KAPELLE

Vater hat nie über den Tod gesprochen. Er sah nie voraus, lebte, als gäbe es kein Morgen für ihn. Früher hatte er Hobbys, ging angeln, glaubte daran, einmal einen guten Fang zu machen. Zuletzt wühlte er nur noch in der Vergangenheit.
  Ich rede über Vater, als ob er gestorben wäre. Dabei geht es ihm schon viel besser. Aber er will mich nicht sehen. Bevor das Klinikum anrief, dachte ich, dass er mich nicht mehr verletzen könnte. Ob er dasselbe gefühlt hat, damals, als seine Eltern ihn rausgeschmissen haben?
  Ich kann ihn nicht danach fragen. Selbst meine Mutter ist in diesem Punkt nie zu ihm durchgedrungen. Sie hat ihre Schwiegereltern nie kennengelernt. Ich habe keinen Grund, ihr zu misstrauen. Sie ist mit der Scheidung längst durch und hat keine Probleme sich zu erinnern. Dass Vater nie mit Magdeborn abgeschlossen hat, habe ich erst jetzt verstanden. Meine Mutter und Theresa kannten sich bereits. Wenn wir sie besuchten, kochte Mutter für Theresa vegane Gerichte. Theresa schrieb ihr aus jedem Urlaub eine Postkarte mit
einem Landschaftsmotiv. Sie redeten über entfernte Verwandte aus Schwerin und über Mutters Kollegin bei der Wohnungsgenossenschaft, die gerade Oma geworden war, und als Theresa schwanger war, fragte sie Mutter, wie es für sie
gewesen wäre, mit dem Kind so lange allein.

Bis dahin hatte ich es aufgeschoben, Theresa meinem Vater vorzustellen. Zum ersten Mal seit der Scheidung sah ich Vater wieder in Gegenwart einer Frau. Es war ihm anzumerken, dass er einen guten Eindruck hinterlassen wollte. Er trug schwarze Jeans und ein gestreiftes Hemd, das ich noch nie ​gesehen hatte. Während wir spazieren gingen, hielt er sich, die Hände in den Hosentaschen, an meiner Seite. Im Café vermied er es, Theresa in die Augen zu sehen. Er sprach sie nicht direkt an. Wenn Theresa ihm eine Frage stellte, antwortete er knapp und sah sich im Raum um. Vater redete von Henry, von Micha und von Brille, ohne Theresa zu erklären, um wen es sich handelte. Er redete über sie, als wären sie seine Freunde. Ich wusste Theresa auch nicht mehr zu berichten, als dass sie neben Vater am Tresen standen. Theresa war nach dem Treffen niedergeschlagen, und ich hatte meinen Kaffee viel zu schnell getrunken.

Wie oft bin ich an dem still gelegten Schaufelradbagger vorbeigefahren? Einem stählernen Dinosaurier gleich steht er auf einer Abraumhalde an der A38 und wacht über die Gruben, die mit seiner Hilfe in die Landschaft gerissen wurden. Früher habe ich gedacht, Vater hätte die gewaltige Maschine alleine gezähmt. In der Führung haben wir erfahren, dass die Besatzung aus fünf Kumpeln bestand.
Mit dem Bauch fiel Theresa das Treppensteigen schwer. Aber die Betreiber des Bergbau-Technik-Parks haben bis zur  Aussichtsplattform, die auf das Führerhaus gesetzt wurde, Geländer angebracht.
„Und welcher See ist es?“, fragte sie und hakte sich bei mir ein.
Seit ein paar Jahren werden die alten Tagebaulöcher um Leipzig geflutet. Ich wies Theresa auf das zerklüftete Ufer hin, noch war deutlich zu erkennen, bis wohin sich die Bagger einmal vorgearbeitet hatten. Von oben sahen wir auch einen neuen Zeltplatz, der für die wenigen Camper viel zu groß erschien. Es gab einen Bootsverleih, aber alle Ruderboote schaukelten, am Steg festgemacht, verloren auf den Wellen.
Ich hatte Theresa bereits auf dem Hinweg erzählt, dass Vater mit fünfzehn vor die Tür gesetzt worden war. Dass er sein Elternhaus nie wieder betreten hatte. Dass seine Eltern seit dem Wegzug aus Magdeborn in einem Plattenbauviertel am Stadtrand lebten und er sie dennoch nie besuche. Theresa hatte zuletzt häufig in Fotoalben ihrer Familie geblättert. Ich konnte ihr nur ein gezacktes Schwarz-Weiß-Bild zeigen, das Mutter gefunden hatte. Die Menschen darauf sind mir fremd.
Über das Dorf, in dem Vater groß geworden ist, hat er nie ein Wort verloren. Dabei war er es, der Magdeborn zerstört hat. Nein, das hat er nicht, Vater hat in einem anderen Tagebau gearbeitet. Aber er hat seinen Anteil gehabt. Wann immer im Süden der Stadt ein Maschinenschlosser gebraucht wurde, hat Vater sich freiwillig gemeldet. Erst nachdem Magdeborn verschwunden war, hat er sich über jede Versetzung beschwert.
Bevor wir zurückfuhren, umrundeten wir Vaters See. Der Sanddorn trug bereits dicke, orangerote Früchte. Die Sträucher sind akkurat neben das frische Pflaster gesetzt worden. Keine Stadt liegt am anderen Ufer, es ist ein Radweg ohne Ziel. An einer Stelle ragen halbe Kronen ertrinkender Bäume aus dem Wasser. Bald werden sie ganz verschwunden sein.
Auf halbem Weg in die Stadt musste Theresa sich doch ausruhen. Zu Hause hatte ich auf sie eingeredet, dass wir das Auto nehmen sollten, aber Theresa wünschte sich eine Radtour, die frische Luft würde ihr gut tun. Die Bank am Kanal kam mir ungewöhnlich breit vor, ich rückte nah an Theresa heran.
„Wenn der Kleine groß ist, muss er hoffentlich nicht in einen Steinbruch gehen, um etwas über uns zu erfahren“, sagte sie.
„Bestimmt nicht“, sagte ich und wusste nicht, warum in meiner Stimme so wenig Überzeugung lag. Wir saßen noch eine Weile schweigend am Kanal, der die Paddeltouristen aus der Innenstadt zu den Seen bringt. Irgendwo habe ich gelesen, dass das Wasser vom ausgewaschenen Eisenoxid aus den Gruben auf Jahrzehnte rostbraun gefärbt sein wird.

Tatsächlich werden auch unter dem Leipziger Stadtgebiet Kohlevorkommen vermutet. Zu DDR-Zeiten wurden Pläne gemacht, sie abzubauen. Ich weiß es von Vater. Manchmal glaube ich, am liebsten würde er auch Leipzig aus dem Weg räumen. Er hat es nie verwunden, dass sie ihn von der Maschine genommen haben. Er hat die Trennung von meiner Mutter nicht verkraftet. Vater hat tausend Tonnen Stahl bewegt, er selbst kommt keinen Zentimeter mehr voran. Während das Wasser in seinen Tagebau läuft, flutet er sich selbst. Sein Gesicht hat sich verändert. Ungestutzt steht der Bart, die Lippen sind zurückgetreten, seine Wangen eingefallen. In seinem Gesicht ist ein Loch, an das er die Flasche ansetzt.

Obwohl wir in derselben Stadt leben, habe ich mich mit Vater nur selten getroffen. Zuletzt sah ich ihn nach Leos Geburt. 
Für einen Moment entspannte sich sein Gesicht. Es freute mich, ihn mit Leo auf dem Arm zu sehen. Trotzdem sprachen wir im Grunde nicht. Er verfiel in Floskeln, wiederholte sich. Immer wieder sagte er, wie gut Leo es bei uns habe. Theresa ließ Leo nicht aus den Augen, für sie saß er auf dem Schoß eines Fremden.
In den folgenden Wochen habe ich nichts von Vater gehört. Eines Abends rief er an und bat mich, Leo sehen zu dürfen. Ich sagte ihm, dass das nicht gehe, wenn er getrunken habe. Außerdem sei es schon spät.
„Weißt du, wie es bei uns war? Sie haben ein Schloss vor den Kühlschrank gehängt. Sie hat immer nur die Katzen gestreichelt. Der Alte hat sich alles gefallen lassen“, sagte er, ohne eine Pause zu machen. Ich hörte ihn atmen. 
Dann legte er auf.
Ich erinnere mich nicht mehr, warum ich überhaupt ans Telefon gegangen bin; eigentlich vermied ich es, abends mit ihm zu telefonieren, am Wochenende schon ab dem Mittag. Je später er sich meldete, desto mehr Erinnerungen an die Zeit in Magdeborn förderte er zutage.

Ich bin mehrmals in der Klinik gewesen, aber Vater will mich nicht sehen. Sein Körper will sich einfach nicht von der Unterkühlung erholen. Offenbar ist er direkt nach unserem Telefonat an den See gefahren. Die Polizei fand sein Rad achtlos in die Böschung des Uferwegs geworfen. Seinen Führerschein hatte er schon vor Jahren verloren.
Ich erinnere mich, dass es eine sternklare Nacht gewesen ist. Leo hatte sich nicht beruhigen lassen und ich war mit ihm auf dem Arm durch die Wohnung gelaufen.
In der Mitte des Störmthalers Sees schwimmt eine Plattform, auf der eine kleine Kapelle steht. Es ist ein heller Leichtbau mit angedeutetem Turm und Solarzellen an den Dachschrägen. Die Plattform ist dort verankert, wo sich die Magdeborner Kirche befunden haben soll.
Ich glaube nicht, dass Vater dort festmachen wollte. Wenn wir früher im Urlaub waren, ging er an jeder Kirche vorbei. Die Wasserschutzpolizei barg ihn jedoch am nächsten Morgen aus einem Boot, das in der Nähe der Plattform auf dem See trieb. Die Ruder hingen noch im Wasser. Eigentlich hätte die Strömung das Boot ans Ufer tragen müssen. Es spricht viel dafür, dass Vater versucht hat, die Position zu halten.
Man fand an Bord eine leere Flasche Whisky. Auf der Wache sagte man mir, dass Vater einen Brief bei sich trug. Ich hatte den Namen meines Großvaters ganz vergessen, er ist zwei Wochen vor Leos Geburt gestorben. Laut Polizei lag Vater beim Eintreffen der Beamten bewusstlos im Boot. Er hatte ein Ohr an die Planken gepresst, als ob er dort unten irgendetwas hören konnte.

 

LAUDATIO von Daniel Mursa

Ich habe mich sehr über diesen Text gefreut. Er erinnert an Raymond Carver, braucht diesen Vergleich aber überhaupt nicht.

Ein Steinbruch in Ostdeutschland wird geflutet, und mit ihm eine ganze Familie. Während Mutter und Sohn den Verlust der Heimat überwinden, ersäuft sich der Vater im Alkohol. Wie die Bagger um den neuentstanden See, steht auch er still. Einst vor Kraft strotzend, nun nutzlos und verwahrlost. 

Auf wenigen Seiten breitet der Autor eine Zeit- und Familiengeschichte aus, zeigt Hoffnung, wo Hoffnung angebracht ist und Aussichtslosigkeit, wo kein Weg mehr weiter führt. Dabei steht der berührenden Geschichte die direkte, einnehmende Sprache und die stimmige Metaphorik in nichts nach. 

David Blum gelingt mit seiner Erzählung alles. Ein Autor, von dem wir noch hören werden. Herzlichen Glückwunsch zum 1. Platz dieses Wettbewerbs.

 

2. JUDITH LEHMANN: NACHTS SIND ALLE KATZEN SCHWARZ

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
 

Da hockt sie in der Besenkammer bei den Eimern, Adelheid. Sie sucht sich ihren Lieblingslappen raus, den rot-weiß-karierten. Die Brille rutscht ihr schon wieder von der Nase, mit der eingeübten Bewegung schiebt sie sie hoch. Ihre rotrandige Brille mit dem Goldgestell, das einzige Eigene, was sie hier hat, auf der sie stur besteht, obwohl die anderen schon seit Jahren sagen, sie soll sich doch mal eine neue kaufen, die Mode habe sich geändert, und das Geld dafür kriege sie, das sei doch kein Problem. Aber Adelheid will nicht. Energisch klappt sie den Sonnenaufsatz der Brille hoch, dessen Schräubchen locker sind und der sich immer wieder von selbst runterklappen will, den braucht sie nicht hier in der Dunkelheit, aber abmachen will sie ihn auch nicht, nein, sie läuft mit einer Doppelbrille rum, Tag und Nacht, und wenn die Sonne eben scheint, klappt sie ihr dunkles Verdeck runter, so einfach. Adelheid greift zum Essigreiniger, nimmt einen Eimer, den Staubwedel, und schlägt den Weg zur Kapelle ein.

Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist.
 

Ruhig ist es hier und friedlich, die bunten Mosaikfenster schimmern leicht im Licht der Straßenlaternen, das schräg von unten in die Kapelle dringt. Wenige letzte Kerzen brennen auf dem Holztischchen in der Ecke, vereinzelt, zwischen vielen ausgebrannten Kerzenschalen und einigen fla- ckernden Dochten, die, einer nach dem andern, im sich stetig erhöhenden Pegel des flüssigen Wachses ertrinken. Endlich schlafen sie alle, endlich hat Adelheid ihre Ruhe. Mit dem Staubwedel fährt sie die Fenstersimse entlang. Fährt bis tief in die Ecken, und da, wo der sperrige Staubwedel nicht hinkommt, dieses dicke Ding, hilft sie mit dem rechten Zeigefinger nach, den sie vorher mit Spucke angefeuchtet hat. Mechanisch bewegt sie Staubwedel und Finger von rechts nach links. Als sie beim letzten Fenster angekommen ist, hält Adelheid inne. Eine Spinne hat sich zwischen dem Fensterbrett und einem Kniebänkchen ein Netz gebaut. Eine kleine gelbliche Spinne, fast durch- sichtig sieht sie aus, unter der feinen Haut zeichnen sich die Eingeweide ab. Vorsichtig nimmt sie das Tier mit dem noch feuchten Finger auf, schubst es in eine ausgebrannte Kerzenschale und trägt es vor die Kapellentür. Dort öffnet sie einen Fensterflügel und setzt es auf die äußere Hauswand an den Efeu, leben soll es, leben, es ist ja schließlich auch eine Kreatur. Adelheid kehrt mit raschem, fast hüpfendem Schritt zum Staubwedel zurück, ihre Arme schlenkern seitlich, immer abwechselnd rechts und links, sie ist ganz in Fahrt. Sie will den Wedel wieder aufnehmen, da fällt ihr Blick erneut auf das Netz. Adelheid verharrt in ihrer Bewegung. Sie hebt die Hand etwas, lässt sie aber wieder sinken. Schließlich zerstört Adelheid das frischgewebte Spinnennetz. Sie beginnt mit dem Netzinneren, ganz langsam fährt sie mit dem Finger in Kreisen darin herum, die immer größer wer- den, und Faden um Faden bleibt an ihrem Finger kleben, sie wickelt den Spinnfaden wie an einer Spule um ihren Finger. Schließlich löst sie auch den letzten langen Faden auf, den Wurffaden, den die Spinne vom Fensterbrett aus losgeschleudert haben muss, und der sich dann zufällig an der Kniebank verfangen hatte und damit den Ort festlegte, an dem die Spinne vorübergehend hauste, den Ort der Spinne, ihren Ort.
 

Wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Adelheid schlendert durch die Reihen und sammelt die Gesangbücher ein, dass die anderen die einfach so liegen lassen, es ist immer dasselbe, jede Nacht dasselbe. Sie steckt das dünne Liederbeiheft in jedes Gesangbuch hinten rein, da gehört es doch hin, dass die das nie lernen. Die zwei Lesezeichenbändchen, das goldene und das rote, kommen nach vorne zwischen Seite 1 und 2, die Seiten blättert Adelheid wieder mit dem Zeigefinger um, den sie vorher befeuchtet hat. Dabei leckt sie mit der Zunge über den staubigen Finger, hier im Halbdunkel sieht sie den Staub nicht, aber sie merkt ihn auf der Zunge. Es macht ihr nichts aus, sie leckt Staub und Spinnfaden, sie schluckt, sie blättert. Als sie endlich fertig ist mit der Blätterei, schleppt sie die schweren, unhandlichen Bücher nach hin- ten neben die Eingangstür und stapelt sie sorgfältig auf, immer fünf auf einen Stapel, Kante auf Kante. Schließlich ist sie fertig. Mit ihren Augen streift sie noch einmal prüfend durch den Raum, ruckelt einen letzten Stuhl zurecht. Adelheid bleibt stehen vor dem einfachen Kreuz auf dem Altar und knickst kurz. Dann nimmt sie Lappen und Essigreiniger und fährt die Altarseiten entlang.
 

Kyrie eleison.
 

Jetzt ist der Goldjesus dran. Der nackte Leib, die Nägel. Augen, Nase, Mund, die Dornenkrone.

Christe eleison.

Heut Nacht ist sie wieder rumgegeistert, werden die anderen flüstern, wenn sie mit Augenringen beim Frühstück sitzen wird.

Kyrie eleison.

Die Jesusaugen poliert Adelheid mit dem weichen Lappen, bis sie glänzen, bis sie strahlen vom Widerschein der Straßenlaternen.

Und da.

Da passiert es, es passiert wieder, die Goldaugen verwandeln sich, nehmen ganz langsam, wie in Zeitlupe, eine blassblaue Färbung an. Von der Iris ausgehend schwimmt das Blau in das gesamte Augeninnere, es ergreift wie eine träge, sich ausbreitende Flüssigkeit Besitz vom Gold. Der starre Jesusblick aber bleibt, diese in Metall gemeißelten starren Augen, die schließlich zwei blasse Seen sind, umrahmt von einem übersinnlich strahlenden Goldrand.

Adelheid steht wie eingefroren, mit offenem Mund, schaut.

Über den Augenseen wachsen dem Jesus dicke gerade Augenbrauen, die wie Gewichte die mittlere Stirn herunterziehen, immer weiter herunter. Die Jesusbacken gewinnen an Rundung, sie plustern sich förmlich auf, werden dicker, immer dicker, und als sie den Zenit ihrer Dicke überschritten haben, legt sich der überschüssige Hautanteil ganz langsam um den Mund herum in Falten, die sich tief in die Rundung eingraben. Der schlanke Jesushals beginnt, Wucherungen gleich, Fettpolster auszubilden, die mit der Zeit das knabenhafte Kinn zu einem satten Doppelkinn formen, auf dem der Kopf wie ein zu schwerer Klumpen zu ruhen scheint. Die milde lächelnden Lippen verhärten sich. Der gesamte, vormals freundlich zugewandte Jesuskopf nimmt einen strengen Ausdruck an, der in seltsamer Diskrepanz zu seinen weichen Rundungen steht. Binnen Minuten ist er um Jahrzehnte gealtert.

Adelheids Augen quellen fast aus dem Kopf.

Da, jetzt wird es deutlich, es ist ein Frauengesicht, ein robustes Frauengesicht, das aus goldumrandenten Augen starrt. Aber es geht immer weiter, der Jesus beginnt sich zu regen. Erst hebt sich der Brustkorb ein wenig, als setze die Atmung ein. Dann biegt sich der Rumpf etwas zur Seite, nimmt fast unmerklich die Arme mit, von innen heraus scheint sich der ganze Jesus zu beleben. Aber er hat doch einen Männerkörper, ein Männerkörper mit einem Frauengesicht, wie kann das sein, das kann doch gar nicht sein.

Nun endlich erkennt Adelheid. Es ist ihre Mutter! Wieder ihre Mutter! Adelheid reißt sich mit einer einzigen ruckartigen Bewegung aus ihrer Erstarrung, schleudert den Lappen in den Eimer und flieht.

Ehre sei Gott in der Höhe, und auf Erden Fried, und den Menschen ein Wohlgefallen.

Nach einer kurzen Katzenwäsche liegt Adelheid auf ihrem Bett, ihr Atem fliegt, wild hämmert das Herz in ihrer Brust, die sich in Stößen auf und ab senkt. Sie liegt auf dem Bett, auf der Bettdecke. Über ihrem Bett hängt ein Bild, das Schwester Annamagdalena gemalt hat, Jesus und die Kinder. Man sieht aber weder Jesus noch die Kinder, es sind nur Farbkleckse, die sich bunt um einen Mit- telklecks scharen, dahinter laufen die Farben ineinander, verschwimmen.

Der Herr sei mit euch. Und mit deinem Geist.

Noch einmal taucht das gräßliche Verwandlungsbild vor Adelheids innerem Auge auf. Mit einer schnellen Bewegung wischt sie es zur Seite, nimmt einen Schluck Wasser. Mit der Kühle des Was- sers, das ihren Schlund hinunterrinnt, beginnt sich etwas in Adelheid zu lösen. Adelheids Augen werden nass. Mutti! Nie hat ihre Mutter geweint, selbst als Adelheids Vater starb, keine Träne. Am Kochtopf hat sie gestanden, am dampfenden Kochtopf, die gestärkte Küchenschürze umgebunden, der Schweiß rann ihr in Strömen die Schläfen hinab, als sie Marmelade kochte, Quittengelee und Rhabarberkompott, ganze Regale voll. Aber dann, wenige Jahre später, als Adelheid ins Kloster eingetreten ist, ihre Kleider in die Spendenkammer brachte, mit der kleinen hellbraunen Reisetasche in den Zug stieg, begann die Unterlippe ihrer Mutter zu zittern, so wie sie bis zuletzt zitterte, wie alles an ihr zitterte. Stolz stand Adelheid da, bei der Aufnahmefeier, in ihrem weißen Novizinnengewand, und sah ihrer Mutter direkt in die Augen, die in der dritten Reihe saß, zweiter Stuhl von links, und ein Taschentuch nach dem anderen verschneuzte.

Halleluja.

Adelheid steht auf, öffnet das Fenster. Sie atmet. Bilder geraten ihr in den Kopf. Adelheid, wie sie über den Hausaufgaben sitzt, die Mutter mit dem Strickzeug daneben, Adelheids jüngere Schwester Barbara hörte man schon längst durch das offene Fenster mit den Nachbarsjungen lärmen. Adelheid muss der Mutter jeden Satz des Aufsatzes hersagen, bevor sie ihn aufschreiben darf, jetzt mach doch, Mädle, was bist du denn so langsam. In zähem Fragen und Schweigen wird die Satzstellung korrigiert, werden schmückende Adjektive hineingeschraubt, die Adelheid gar nicht dort haben will, Mädle, Mädle, wo ist deine Phantasie. Die schwierigen Wörter muss Adelheid der Mutter buchstabieren, vorbeugend, reiß dich zusammen, reiß dich doch endlich mal zusammen. Dann, die Mutter nickt. Adelheid zittert die kleine Hand, die Augen der Mutter sind fest auf Adelheids Füller geheftet, während das Strickzeug mechanisch weiterklackert. Adelheid hält die Luft an. Und fast ist sie er- leichtert, als ihr wieder der gleiche Rechtschreibfehler unterläuft, als sie zusammenzuckt, als die Mutter mit einer raschen Bewegung die Seite aus dem Heft reißt.

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen.

Adelheids Blick bleibt an dem ausgeblichenen Schwarzweißfoto neben ihrer Nachttischlampe hän- gen. Da steht sie, eingemummelt in ein weißes Wollmäntelchen, mit dem alten Korbpuppenwagen vor dem Haus. Wie zart sie war als kleines Kind, wie zerbrechlich. Was für ein reines Gesicht sie hatte, beinahe wie eine Puppe.

Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name.

Aber schon auf dem Foto daneben, da war sie sieben, kann man die schräge Falte zwischen den Au- gen erkennen, die inzwischen eine tiefe Furche ist. Ihren Blick kann sie kaum einfangen, die Spie- gelungen ihrer Kinderbrille werden durch das Licht des Blitzes reflektiert, in ihrer Brille sieht man nur zwei dicke weiße Punkte. Neben ihr steht Barbara, gerade und aufrecht, schon damals so groß wie sie, nur straffer, gespannter, mit streng geflochtenen Zöpfen. Beide tragen die gleichen dunklen Kniestrümpfe, die gleichen schwarzen Lackschuhe. Neben Adelheid steht der Vater, auch seine Bril- le spiegelt das Blitzlicht. Er sieht alt aus, steht mit gekrümmtem Rücken, aber den Sonntagshut hat er auf. Und neben Barbara die Mutter, lächelnd, ihr Festtagskleid hat sie an, das sie mit einer goldenen Brosche über der stattlichen Brust geschlossen hat, und ihre guten Schuhe.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Adelheid kommt in Bewegung. Sie durchkreuzt ein paar Mal das Zimmer, vom Bett zum Tisch und zurück zum Bett. Adelheid, schon im Nachthemd, schlüpft in ihre Galoschen und zieht den wolle- nen Wintermantel über. Im Dunkeln tastet sie sich durch den Wohnflur. Der Schlüssel klirrt in der Pforte, knarzend schließt sich die dicke Stahltür hinter Adelheid. Draußen atmet sie die Kühle der Nacht. Sie schlägt den Weg zwischen den Tannen ein, der Kies knirscht unter ihren Schritten. Es geht bergab, steil bergab, sie muss aufpassen, dass sie die Galoschen nicht verliert, sie krallt sich mit den nackten Zehen in ihrem Innern fest. Unten angekommen nimmt Adelheid eine der grünen Friedhofsgießkannen vom Ständer, füllt sie im Brunnen mit Wasser. Die Gießkanne ist groß, obwohl die Kälte durch das Lochmuster der Galoschen und von unten ins Nachthemd dringt, schwitzt Adelheid am Oberkörper in ihrem dicken Mantel. Sie trägt die schwere Kanne, es macht ein schlur- fendes Geräusch, immer wenn die Kanne auf dem Boden aufschrabbt und gluckernd einen Schluck Wasser verliert. Sie geht mit schleppendem Schritt, einmal nach rechts, dann lange gradeaus, dann links und wieder rechts. Den Weg kennt sie auswendig, sie braucht kein Licht in der Dunkelheit der Nacht, die sich wie ein weiter Umhang sanft um sie legt. Mit einem Ruck setzt sie die Kanne ab und streckt ihren Rücken durch. Dann spannt sie ihre Muskeln, nimmt die Kanne wieder auf und gießt unendlich langsam ein vertrocknetes Stiefmütterchen nach dem anderen.

Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

 

LAUDATIO von Jörg Sundermeier:

Mit dem herrlichen ersten Satz "Da hockt sie in der Besenkammer bei den Eimern, Adelheid." stürzt uns die Autorin hinein in die Welt des Klosters und des Katholizismus, der hier zugleich Zuflucht bietet vor der übermächtigen Mutter. Der Text ist klug konstruiert, das Setting ist ungewöhnlich, die Sprache sehr schön. Ich gratuliere Judith Lehmann und ihrem Text "Nachts sind alle Katzen schwarz" zum 2. Preis.

 

3. ALEXANDER RASCHLE: SURROGAT

Wie ein Chor von Verlorenen sangen die Kinder; begleitet vom fernen Geschützdonner, sie standen im Nieselregen, aufgereiht um den Katheder des Rektors, davor der Holzschild, die Nagelkiste, ein Eisenhammer und eine Kasse aus Blech, der Wind trieb totes Laub über den grauen Schulhof und alles wartete auf die Nagelung. 

B. und seine Frau standen zwischen den Zuschauern, beobachteten den Sohn, wie sich seine Lippen kaum merklich bewegten. ...für Kaiser und Reich, schloss der Chor das Lied. Die Mütter applaudierten. Die Frau tat es ihnen gleich. B. sah still auf seine Schuhe. Der Rektor hielt seine Rede, deutete in Richtung Westen, aus dem in regelmässigen Abständen das geisterhafte Donnertrommeln der Frontartillerie zu hören war. Er sprach lange, B. hörte kaum zu, verlagerte unruhig das Gewicht, seine Frau warf ihm einen Blick zu. Der Rektor verkündete feierlich den Überraschungsgast und ein Raunen ging durch die Menge. Der junge Oberleutnant, der von zwei ihn stützenden Schülern flankiert erschien, glich einer verstümmelten Wachsfigur; linkes Bein, Hände, und das blutleere Gesicht Prothesen, umgeben von Narbengewächs. Die verwaschenen Worte verstand kaum jemand. Auf ein Zeichen des Rektors applaudierte die Menge und die Frau sagte: Sieh ihn dir an. Da solltest du jetzt stehen. Der Rektor, sichtlich berührt, schüttelte dem Veteranen die künstliche Hand und sagte: So wie der Soldat im Graben alles für den Sieg gibt, so müsst auch ihr euch an der Heimatfront die Frage stellen, ob ihr alles für unsere Existenz gebt.

B. nahm den Hut ab, liess das Regenwasser abtropfen, ignorierte lange den auf ihm haftenden Blick seiner Frau.
Was?, sagte er.
Hast du ihm das Geld gegeben?
Fünf Pfennig hab ich ihm gegeben.
Und hast du ihm gezeigt wie er’s machen muss?
Jeder kann n’ Nagel auf n’ Brett einschlagen, Herrgott.
Begreifst du überhaupt, worum es hier geht?
Der Rektor rief einen Namen auf und wie ein Ministrant trat der erste Schüler zum Holzschild und gab eine Handvoll Münzen in die Kasse und nahm einen Silbernagel aus der Kiste und setzte ihn an. Der Schild war grösser als das Kind, kunstvoll verziert mit einem darauf eingebrannten Soldaten in Gebetshaltung, daneben ein Kreuz mit der Aufschrift FRIEDE, umgeben von einem Strahlenkranz. Der Schüler schlug den Nagel in die Strahlen und einer nach dem anderen traten sie zum Schild und hieben unter wachsenden Anfeuerungsrufen der Mütter das Eisen ein, mit immer heftigeren Schlägen, als wollten sie mit dem hölzernen Fetisch den Feind selbst zertrümmern, und alles brach in Ekstase aus und die Frau des Bildhauers jubelte und sie deutete zum Himmel. 

Siehst du das? Die Sonne bricht raus, wenn unser Bub an der Reihe ist. Ein Zeichen, verstehst du? Sieh gefälligst hin!
B. sah zum endlosen Grau hoch, sah zum Sohn, der ähnlich dürr und gekrümmt dastehend wie sein Vater zwischen den Johlenden unterging. Der Rektor rief den Sohn auf, ein Kamerad stiess ihm in den Rücken und er schritt wie ein Verurteilter über den verregneten Hof, gab die Pfennige, ergriff Hammer und einen schwarzen Nagel. Und er schlug den schwarzen Nagel tief in die Stirn des Soldaten und ein ersticktes Keuchen ging durch die Menge. B. sah ausdruckslos zu, seine Frau hielt sich die Hand vor den Mund. Der verstörte Junge versuchte den Nagel herauszuziehen, schaffte es erst mit Hilfe des fluchenden Rektors. Der Regen wurde stärker, Dunkelheit senkte sich über den Hof als wäre die Sonne erloschen. Und der Sohn schlug nochmals, traf die eigene Hand und im Donner hörte niemand sein Wimmern. Die Zeremonie endete, alles betete, der Rektor packte die Kasse und mahnte in anbrechender Düsternis der Sammelprogramme für Haar und Altmetall und verschwand. Die Mütter riefen ihre Kinder, verliessen fluchtartig den Platz. Ohne Zeugen wurde der Schild im Dunkeln vom Abwart über dem Eingang der Schule aufgehängt, wie ein traumartiges Zeichen des Zerfalls. 

Die Familie sass am Tisch und ass. Gestank nach Steckrüben und nasser Wäsche durchdrang den kalten Raum. Rauch waberte vom Kessel, zog durchs Fenster ins Schwarz hinaus. Der Junge beschrieb mit dem Löffel Spiralformen in der weissgelben Suppe und B. starrte seine Frau an. 

Was?, sagte sie.
Kannst mal was anderes kochen. Jeden Tag nur Rüben.
Aber jeden Tag was anderes. Auflauf, Frikadellen, Kuchen, Marmelade, Kaffee-
Der Sohn stöhnte und sah müde vom halbvollen Teller auf.
S‘ gibt nix anderes, sagte sie.
Der Papa isst ja auch nicht.
B. machte eine scheuchende Handbewegung und nahm eine Zigarette aus der Dose und der magere Junge stand auf,
stellte seinen Blechteller auf die Spüle, ging in den schattigen Ecken des Raumes, öffnete seine Holzkiste, nahm mit verbundener Hand seine Zinnsoldaten daraus hervor und spielte. Zigarettenrauch legte sich wie Pulverdampf über die Armee. Es war sehr still.
Hör mal auf damit, sagte sie.
Was? Der Bub iss krank, weil er nix gescheites innen Magen bekommt. Sieht jeden Tag mehr wie n‘ oller Mongole aus. Weil du immer nur Rüben kochst. Immer nur Rüben. Sie sah ihn mit einem Ausdruck strapazierter Geduld an, nahm eine Handvoll Marken aus ihrer Tasche.
Weisst du, wie lang ich immer ansteh? Ich kämpf dafür, damit überhaupt was aufm Tisch steht, weiss Gott. Und du? Was machst du?
Der Engel nebenan muss den Rübenscheiss auch nich essen.
Der arbeitet auch im Eisenwerk. Wenn schon nicht tauglich bist, mach wenigstens was Besseres, statt den ganzen Tag in deiner depperten Hütte zu masturbieren.
Der Engel hat mir erzählt, seine Alte hätt ihm zu Mittag Kartoffeln gekocht. Mit Wurst.
Die Frau wollte etwas sagen, tat es nicht, sie kramte eine Bürste hervor und kämmte sich das dünne Haar. Schwarze Büschel blieben hängen, ihre entfettete Haut legte sich in Falten, die Frau wirkte wie ein fremdartiges Schattenwesen.
B. rauchte, sah sie an und sagte: Du kochst mir bloss nur Steckrüben, weil du mich hier nich mehr haben willst. Dann such dir doch ne Nutte, die für dich kocht.

Im Morgengrauen verlässt er die Wohnung. Schwerfällig, eingehüllt in den Mantel, setzt er sich aufs Fahrrad; die Speichen rostig, der Gummischlauch beschlagnahmt, durch Metallspiralen ersetzt. Er fährt die ausgestorben wirkende Strasse entlang. Wolkengebilde ziehen drohend in Richtung Westen, Regen peitscht ihm ins Gesicht, trotzig hebt er den Kopf. Er passiert die Hauptstrasse, eine Gruppe Arbeiterinnen kommt ihm entgegen, dreckig, fluchend, rauchend und eine ruft ihm etwas zu. Um die Kirche ziehen Schülerinnen ihre Patrouillen, wie zigeunerhafte Bettler mit ihren Sammelbüchsen. Für die Front, rufen sie und zwischen den kahlen Ständen auf dem Marktplatz putzen Frauen Krautköpfe, aufgestapelt wie Schädel. Er schwenkt zur Brücke ein, im grauen Sturmlicht das Denkmal über ihm; das Reiterstandbild des Kaisers aus dem letzten Krieg wirkt wie ein urteilender Wächter aus einer anderen Zeit. Der Fluss führt lehmfarbenes Hochwasser. B. sieht in die Leere, spuckt in den Fluss, dann fährt er aus der Stadt über die Feldwege.
Farblose kleine Gestalten schälen sich aus dem Nebel, stehen suchend im Regen in den toten Feldern und Wäldern. Schlammbatzen spritzen an seine Papiergarnhose. Er fährt weiter, bis sich die Form einer schäbigen Hütte abzeichnet. Den ganzen Tag verbringt er im Atelier, sitzt rauchend in der Feuchtigkeit, betrachtet die Figuren um ihn; ausgezehrt stehen sie da, in grotesken Posen, beziehungslos, und er geht zärtlich streichelnd zwischen ihnen her, bis seine verkrüppelten Füsse schmerzen. Regen trommelt auf das Fenster. Er sieht schemenhaft das Eisenwerk, der Rauch aus den Türmen steigt in den aschgrauen Himmel. Im letzten Licht des Tages fährt er zurück, ein zerschundener, gewichtsloser Heimkehrer aus einem unsichtbaren Krieg. 

Sonntags klingelte es an der Wohnungstüre; Zwei Schülerinnen mit Sammelbüchse fragten ihn, ob er Haare spenden wolle und er rief den Namen seiner Frau in die Küche und ging. Und die Frau kam und sah die beiden Mädchen und der Junge versteckte sich hinter den Beinen der Mutter und fragte: Warum wollt ihr die Haare von meiner Mama?
Das ist für die U-Boote. Wir sammeln auch Altmetall. Wir nehmen alles, alles was Sie haben.
Die Frau lächelte die beiden an, als ob es von Gott gesandte Boten wären und sagte, sie sollen später wiederkommen.
Danach befahl sie dem Jungen etwas.

Der Junge fragte seinen Vater: Gehst du heut arbeiten? Kann ich mitkommen? B. lächelte und strich ihm durchs Haar. Er hob ihn aufs Fahrrad und fuhr mit ihm durch die Stadt und der Junge klammerte sich mit einer Hand am Mantel des Vaters fest und in der anderen fixierte er die Holzkiste auf seinem Schoss. Die beiden fuhren durch den Strassendunst, sahen eine Prozession gebückter, schwarzgekleideter Frauen und der Junge fragte: Sind das die Nutten? Der Vater warf ihm nach hinten einen Blick zu, kam ins Schleudern. Beim Atelier angekommen, zeigte er seinem Sohn alles. Sorgfältig nahm er die Figuren, erklärte geduldig den Vorgang der Zeichnung, Modellierung, des Abdrucks, des Giessens. Der Junge sprach kein Wort, hielt die Kiste in den kleinen Händen fest. B. ging vor die Türe, rauchte und lächelte zufrieden. Als er zurückkam, hatte der Junge den Inhalt der Kiste auf dem Tisch aufgestellt. Wie ein Feldherr stand er vor der Ehrenformation seiner Zinnsoldaten und schritt die Reihen ab. Was machst du da?, fragte B. Und der Bub brüllte: Stillgestanden! Dann nahm er eine Handvoll Todeskandidaten aus der Reihe, legte sie in den Eisentopf, zündete die blaue Flamme des Bunsenbrenners und schmolz sie zu einer unförmigen Masse ein. B. sah ausdruckslos zu, wie sein dürrer Bub, mit den Tränen kämpfend, seine Armee opferte; die Musketiere in den blauen Uniformen, die vom Vater liebevoll bemalten Gardisten, Kürassiere und Dragoner mitsamt den Pferden, die Grenadiere, wie bewaffnete Bischöfe mit ihren wappengeprägten, silbernen Mitren, die heldenhaften Offiziere, Kanonen, Trommeln und prächtigen Fahnen, sie alle schmolzen für das Vaterland.

Als sie abends durchnässt in die Wohnung zurückkehrten, stand da kein Essen, kein Tisch, keine Stühle. Sie öffneten die Schränke, fanden weder Geschirr noch Töpfe, alles war fort. B. rief fluchend nach seiner Frau, der Junge setzte sich wie ein Waise auf den Boden. Erstarrte, als er die Mutter erblickte, wie sie in Lumpen und mit kahl geschorenem Schädel in den Raum trat, einem verrückten Kosaken gleich.
B. sah sie an. Hast ja nich mehr alle Tassen im Schrank. Was machste da, um Gottes Willen?
Und sie sagte: Ich sichere unsere Existenz.

Später am Abend beobachtete B., wie sein Stammhalter heimlich zwei überlebende Soldaten aus der Hosentasche zog. Mit der Schere der Mutter schnitt er sich Strähnen vom Köpfchen und klebte sie mühevoll der ersten Figur auf den Kopf, der zweiten als Schnauz ins Gesicht. Mit abwechselnd hoher und tiefer Stimme sagte er dann: Nein, ich will nicht Sex haben. Das musst du aber, du bist jetzt ne Nutte. Aber dann werd ich schwanger. Ja, ja, das will ich ja. Meine Soldaten sind doch alle tot.

Die Sonne taucht das Eisenwerk in der Ferne und das Atelier in kränkliches Gelb. Vor der Hütte stehen Fahrzeuge und ein Lkw. B. sieht zu, wie eine Horde Mädchen in blauen Röcken eifrig seine Figuren heraustragen und sie wie Abfall in den Lkw werfen. Ja, Scheisse!, sagt er. Er stürzt zu ihnen und packt sie an den dünnen Ärmchen und reisst strauchelnd sein Eigentum an sich und sie kichern feindselig, flüchten spielerisch vor ihm, als sei er ein stumpfsinniger Kretin. Ein Mädchen wirft ihm einen Stein an den Kopf und der Rektor steigt aus dem Wagen, beschimpft ihn als Landesverräter und schlägt ihn nieder. Sie umkreisen ihn, nehmen sein Fahrrad, den Hut, den Mantel, ziehen ihm im Chor singend Schuhe und Hose aus, fahren mit der Beute zum Eisenwerk davon und lassen ihn allein vor der Hütte liegen. 

Blutend, halbnackt, stapft er ziellos durchs Feld. Aus den Türmen steigt der Rauch, der monströse Komplex unnatürlich flimmernd, wie aus einem Fiebertraum entsprungen. B. knickt ein, stürzt, bleibt reglos liegen. Lange sieht er in den Himmel und er hört dem Donner zu, bis sich ein rauschendes Dröhnen darunter mischt, dann Pfeifen, gefolgt von einem Pandämonium aus Explosionen und er steht wie betäubt auf, sieht von fern die schwarzen Wolken, aus der die brennenden Schülerinnen heraustorkeln und das einzige was sie von den schmelzenden Figuren unterscheidet, sind die Schreie.

 

LAUDATIO von Mariana Leky: 

Der 3. Preis geht an einen Text, der vom ersten bis zum letzten Satz atmosphärisch vollkommen wasserdicht ist. Das Grauen des Ersten Weltkrieges wird so genau und gleichzeitig so abwegig geschildert, als befände man sich in einem besonders perfiden Alptraum – mit wenigen Strichen wird aufgefächert, wie der Krieg in eine Familie fasst, wie eine Kindheit buchstäblich eingeschmolzen wird. Herzlichen Glückwunsch, Alexander Raschle.

__________________________________________________________________________________________________________
Der Literaturpreis Prenzlauer Berg hat sich zu einem anerkannten Preis für junge, deutschsprachige Literatur entwickelt und trägt zur Förderung junger Schriftsteller/Innen bei.

Preisträger/Innen wie Sascha Reh, Svenja Leiber, Larissa Böhning und andere haben ihre Erstveröffentlichungen in namhaften Verlagen verwirklichen können.

Ansprechpartner ist: Werner Grunwald, c/o Bibliothek am Wasserturm.

T. 030 / 90295 3921

Bilder: