Neues Interesse an der Frühgeschichte des Menschen.

Spätestens seit den Veröffentlichungen von Yuval Noah Harari gibt es ein neu erwachtes Interesse daran, die Frühgeschichte der Menschheit zu betrachten, sie verständlich und unterhaltsam zu erzählen und darüber zu lesen. In den letzten Monaten sind gleich mehrere spannende Titel erschienen, die sich diesem Thema aus verschiedenen und äußerst interessanten Perspektiven widmen. Dabei wird gerade die Frage offensiv angegangen, wie Ereignisse von vor Tausenden von Jahren mit dem heutigen Zeitgeschehen zusammenhängen!

Den Start machte im Februar die Reise unserer Gene von Johannes Krause und Thomas Trappe. Schon die Verbindung der beiden Autoren lässt aufhorchen. Denn neben dem Leiter des Jenaer Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte ist mit dem Ko-Autor Thomas Trappe ein (Wissenschafts-) Journalist dabei, der sich u.a. viel mit der extremen Rechten in Deutschland auseinandergesetzt hat. Das Buch verbindet also verschiedene Perspektiven und ist dadurch ebenso fundiert wie gut lesbar und humorvoll. Es ist zudem das erste Buch, das im deutschsprachigen Raum die stetig wachsenden Erkenntnisse der Archäogenetik einem breiteren Publikum zugänglich macht. Wie schon der Begriff andeutet, verbindet die Archäogenetik ein Interesse an der Entwicklungsgeschichte des Menschen mit modernsten genetischen Methoden. Die Reise unserer Gene erklärt welche evolutionären Schritte auf dem Weg zum Homo Sapiens gegangen wurden, wie es zur Entdeckung der Denisova-Menschen kam, die eng mit dem Neandertaler verwandt sind und wie unglaublich flexibel und anpassungsfähig unsere Vorfahren waren. Auch gegen biologisch argumentierende Rassismen liefert das Buch durchaus empirisches Material, mit dem sich der Widerspruch belegen lässt.

Im Spiel des Lebens untersucht Alice Roberts passend dazu die Wechselbeziehungen vom Menschen mit 10 zentralen Lebensarten, deren Zähmung und Nutzbarmachung für die kulturelle Entwicklung des Menschen entscheidend waren. Roberts ist Medizinerin und Paläopathologin, beschäftigt sich also mit frühgeschichtlichen Krankheiten und degenerativen Veränderungen, die häufig auch für die Archäogenetik den Schlüssel zum Verständnis liefern. Die zehn Arten, die im Buch vorgestellt werden und die zu einschneidenden Veränderungen der menschlichen Entwicklung führten sind folgende: Hunde, Weizen, Rinder, Mais, Kartoffeln, Hühner, Reis, Pferde, Äpfel - und zuletzt der Mensch selbst. Wie es dazu kommen konnte, dass der Mensch heute pro Jahr 60 Milliarden Hühner aufzüchtet und schlachtet ist nur eine der durchaus erklärungsbedürftigen und allzu menschlichen Beziehungen zu anderen Lebensformen auf dieser Erde.  

Und last but not least tritt das im Mai erschienene Buch Ursprünge von Lewis Dartnell den ambitionierten Versuch an, die heutige Verfasstheit der Welt mit den natürlichen Ursprüngen und Vorbedingungen unseres Planeten zu erklären. Der englische Wissenschaftler und Journalist hat dafür Erkenntnisse und Fakten aus den Bereichen Geowissenschaften, Klimaforschung, Geschichte der menschlichen Früh- und Urzeit und vieles mehr zusammengetragen: eine einzigartige Reise von den Steinzeithöhlen bis zum heutigen Silicon Valley. Die Lesenden erfahren neue, zum Teil verblüffende Erklärungen als auch eine Auffrischung des längst erworbenen (Schul-)Wissens. Wen zum Beispiel interessiert, warum vor etwa 13.000 Jahren nach der letzten Eiszeit-Schmelze der Golfstrom aufhörte, von der warmen Karibik in den kälteren Nordatlantik zu fließen, kann es hier mit Neugier und Wissendurst lesen – oder als Frage formuliert: Schon mal was vom Agassizsee gehört? Nein? Das Buch erklärt warum das schade ist!

Alle drei Bücher erschließen sich das Anthropozän aus seiner Vorgeschichte heraus – und liefern dabei überraschend vielseitige Erkenntnisse über unser heutiges Zusammenleben. Das ist Populärwissenschaft im besten Sinne, wenn aus fundierter wissenschaftlicher Forschung solch wunderbar lesenswerte Bücher entstehen!

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