Schau mich an!

Mit Elif Shafak kam ich zum ersten Mal durch ein Weihnachtsgeschenk meines Onkels in Berührung. „Ehre“ erzählt die Geschichte zweier Schwestern, deren Wege sich aufgrund unterschiedlicher Wünsche für ihre Zukunft trennen. Vereinend jedoch bleibt ihre Familiengeschichte, sowie die damit einhergehenden gesellschaftlichen Prägungen, die sich auch in der Gegenwart niederschlagen. Ein vielschichtiger Roman, der mich aufgrund seiner dichten Themen und Charaktere gefesselt hat.

2019 hatte ich das große Glück, Elif Shafaks Lesung beim RBB zu lauschen, wodurch ich nicht nur ihren zu dieser Zeit neusten Roman „Unerhörte Stimmen“, sondern auch ihre eigene Stimme kennenlernen durfte. Sie setzt sich in ihren Romanen mit aktuellen gesellschaftspolitischen Themen auseinander, deren verschiedenste geschichtliche Bedingtheiten sie hervorragend darzustellen vermag.

„Unerhörte Stimmen“ erzählt die Geschichte Laylas, ihrer Familie und die ihrer Wahlfamilie. Gleichsam verknüpft der Roman die fiktiven Geschehnisse mit einem sehr realen Ort: dem Friedhof der Geächteten, welcher sich in Kilyos  außerhalb von Istanbul befindet.

„Dort gibt es keine Grabsteine, keine Namen auf den Gräbern, nur Nummern. Es ist ein Ort, an dem Menschen zu Nummern werden. Begraben liegen dort meistens Menschen, die von ihren Familien verstoßen worden sind. Sie sind an Aids gestorben, gehörten zur LGBT-Community, waren Sexarbeiterinnen, Transgender, Selbstmörder, ausgesetzte Babys. In den vergangenen Jahren sind hier auch Flüchtlinge begraben worden, deren Boote vor der türkischen Küste gesunken sind. Ich wollte den Menschen erzählen, dass es diesen Ort gibt, und wenigstens einer dieser Nummern einen Namen, eine Geschichte geben. Ich wollte den Prozess umkehren.“ (Elif Shafak über die Türkei, Frankfurter Rundschau Juni 2019 von Susanne Lenz)

Auch im realen Leben engagiert sich Shafak für die Rechte marginalisierter Gruppen, sei es durch ihre ehemalige Arbeit im European Council on Foreign Relations oder öffentliche Stellungnahmen zu brisanten Tagesthemen, wie beispielsweise der politischen Lage der Türkei. Dabei setzt sie sich nicht selten der Kritik der türkischen Justiz aus. In einem Interview im Zeit Magazin 2015 heißt es: „Es wäre eine Lüge zu sagen, all das [die Prüfung ihres Buches „Der Bastard von Istanbul“ durch türkische Behörden] hätte mich nicht beeinflusst. Jeder Journalist oder Autor in der Türkei ist sich im Klaren darüber, dass ein einziger Artikel […] genügt, um eingesperrt zu werden. In meinen Romanen bin ich allerdings nie vorsichtig.“

Mittlerweile lese ich ihr neuestes Werk „Schau mich an“, das sie auf Türkisch verfasst hat. Übersetzt wurde es von Gerhard Meier, sein Originaltitel „Mahrem“ bedeutet wörtlich so viel wie intim, privat oder heimlich. Bereits auf den ersten dreißig Seiten bin ich begeistert vom vielschichtigen Narrativ, das Elif Shafak sprachlich geschickt verflicht. Zeitlich, wie perspektivisch schafft sie ein spannendes Panorama und ich bin sehr neugierig darauf, wohin mich ihre Figuren und Geschichten einem Luftballon gleich tragen werden.

Kein Wunder also, dass ich mich jedes Jahr aufs Neue auf die Buchgeschenke meines Onkels freue! Josephine Reitz