Annie Ernaux: Die Jahre.

„Sie findet aber auch, dass sie nichts mehr gemein hat mit der proletarischen Welt ihrer Kindheit und dem kleinen Geschäft ihrer Eltern. Sie hat die Seiten gewechselt, ohne zu wissen, welche, und wenn sie auf ihr bisheriges Leben zurückblickt, sieht sie nur zusammenhanglose Bilder.“

Sie, das ist Annie Ernaux selbst, die in ihrem im September auf Deutsch erschienenen Werk „Die Jahre“ einen unglaublich ehrlichen und schonungslosen Blick auf ihre Biografie wirft – und dabei ausschließlich in der dritten Person von sich spricht.

„Andererseits schimpften die Leute auf die Politik, darauf, dass einem alle paar Monate ein neuer Regierungschef vor die Nase gesetzt wurde und dass weiterhin junge Männer übers Mittelmeer geschickt wurden, um in Algerien in einem Hinterhalt zu sterben.“

Die Leute, das sind die Menschen in ihrem Umfeld, das ist die französische Gesellschaft oder Ausschnitte davon, aus ihrer eher proletarisch geprägten Kindheit beispielsweise oder aus der feministischen Bewegung der 60er und 70er Jahre.

Das Buch wurde als ‚kollektive Autobiografie‘ bezeichnet und schafft es meisterhaft zwischen zwei Ebenen, zwischen den individuellen und den kollektiven, gesellschaftlichen Erfahrungen zu vermitteln. Beim Lesen stellt man sich unweigerlich ebenfalls die nie ganz zu beantwortende Frage, welche Erlebnisse und Erfahrungen prägend waren und welche Erinnerung bleiben werden!

Ernaux, Annie
Suhrkamp
ISBN/EAN: 9783518225028
18,00 €