Obioma, Chigozie: Das Weinen der Vögel

Chinonso. Welcher Geist hat ihn geritten? Lesen wir hier von schicksalhafter Bestimmung oder menschengemachter Kausalkette?

Religiösen Geschichten der Igbo zufolge, ist allen Menschen ein spirituelles Schutzwesen zu eigen. Das Chi, welches zwar nicht direkt steuernd in das Leben dieses Menschen eingreifen darf, steht ihm bestärkend und wachend zur Seite. Doch leider gibt es auch noch ganz andere Wesen der Geisterwelt, als die wohl gesonnenen.

In „Das Weinen der Vögel“ erlesen wir uns Chinonsos Lebensgeschichte aus der Perspektive seines Chis. Dieses erzählt er jedoch nicht nur uns. Er spricht auch vor Chúkwú, dem alles übergeordneten Chi, um seinen Schützling zu verteidigen. Was ist sein Ziel bei dieser Unterredung? Möchte er sich möglicherweise selbst tausende von Jahren Erfahrungen und Erlebnisse aus seinem Dasein als Chi von der Seele reden? Welche Risiken geht er dabei ein?

Mittlerweile in der Mitte dieses wunderbar umfangreichen neusten Werks des Schaffers von „Der dunkle Fluss“, angekommen, zieht es mich immer weiter hinein in die Geschichte Chinonsos. Er wird in einen stetig stärker werdenden schicksalhaften Sog gezogen, bei welchem allerdings nie sicher ist, ob es wirklich nur Schicksal oder aber menschengemachtes Geschehen ist. Wie frei ist er wirklich in seinen Entscheidungen?

Um seiner großen Liebe gerecht zu werden, reist er nach Zypern, um dort zu studieren. Die Eltern seiner Freundin haben sich von ärmlichen Verhältnissen zu einer der reichsten Familien seines Heimatdorfes hochgearbeitet. Chinonso fühlt sich immer mehr in der Pflicht von seinem bäuerlichen Status wegzukommen, doch geht dies nur schweren Herzens, denn seine Hühnerfarm aufzugeben fordert viel Überwindungskraft. Was wird er in Zypern erleben und kann er sich dabei wirklich auf seine Freunde verlassen?

Neben Chinonsos Geschichte erfährt die Lesende zum Einen unglaublich viel über religiöse Hintergründe in (Süd-)Nigeria, denn neben vielen christlichen und einigen jüdischen Gemeinschaften gibt es dort den Glauben an Chúkwú. Dessen Entitäten reichen von der Göttin der Fruchtbarkeit über jedes einzelne Chi bis hin zu dem Schaffenden der Gesetze und noch vieler mehr hinaus. Auch der Ahnenkult der Anhängerinnen dieser Igbo-Kultur spiegelt sich in den Ausführungen des Chis, der bereits einige hundert Jahre auf der Erde wandelt, eindrucksvoll wieder. Zum anderen bietet die Erzählung allgemeingültige Aussagen zum Mensch-Sein, die ihre spezifische Ausprägung  in Form von der Geschichte Chinonsos sowie seines Chis erhält.

Die spannend gewählte Perspektive ermöglicht es dem Lesenden die Geschichte sowohl empathisch als auch emotional distanziert zu verfolgen. Einerseits ist Chinonsos Handeln und Fühlen absolut nachvollziehbar und andererseits kann ich kaum glauben, was er tut. Dass sein Chi immer wieder geschickte Lücken lässt und er auf eine bis zu diesem Zeitpunkt noch ungewisse Bitte an Chúkwú hinaus will, führt dazu, dass ich das Buch auf keinen Fall zur Seite legen will!

Obioma, Chigozie
Piper Verlag
ISBN/EAN: 9783492059381
24,00 € (inkl. MwSt.)