Alex Capus: Das kleine Haus am Sonnenhang.

Der Ich-Erzähler ist Schriftsteller und lebt seit Jahren in der Nähe eines kleinen Ortes in Ligurien, Norditalien. Er geht gelegentlich in die Bar des Ortes, beobachtet und philosophiert über das Leben, über das Mensch-Sein, über Beziehungen - über das Schreiben. Dann erzählt er dem Leser/der Leserin eine Geschichte.

Ein Buch voller Wärme und Hoffnung, Witz und kluger Gedanken - ein Kleinod.

 

Meine Lieblingsstelle: „Der Autor ist sein Werk, das scheint mir selbstverständlich, und umgekehrt spiegelt das Werk das Wesen des Autors; was denn sonst. Ich habe in meinem Leben zahlreiche Schriftstellerinnen und Schriftsteller kennengelernt und bilde mir ein, sie in ihren Büchern zweifelsfrei wiedererkannt zu haben. Was aber nicht heißt, dass gute Bücher nur von guten Menschen geschrieben werden. Vermutlich ist eher das Gegenteil wahr. Gute, ausgeglichene und zufriedene Menschen schreiben keine guten Bücher - sie schreiben überhaupt keine Bücher.

Wer den Frieden hat, setzt sich gar nicht erst an die Schreibmaschine. Nur Getriebene fangen an zu schreiben. Deshalb haben alle Autorinnen und Autoren, fürchte ich, irgendwo einen an der Waffel. Etwas treibt sie um. Etwas treibt sie an. Sonst würden sie nicht tun, was sie tun.

Denn in der Literatur ist es wie im Fußball, in der Musik oder in der Formel 1 - wer wirklich gut werden will, muss verdammt viel üben. Und das nimmt nur auf sich, wer auf die eine oder andere Art nicht alle Tassen im Schrank hat. Cristiano Ronaldo muss schon ein wenig bescheuert gewesen sein, dass er seine ganze Kindheit und Jugend damit zubrachte, einen Ball eine Million Mal ins linke obere Eck zu schießen; hätte er es andrerseits mit zehntausend Mal gut sein lassen, wäre er nicht Cristiano Ronaldo geworden.

Anderes Beispiel: Anne-Sophie Mutter war wohl zumindest ein bisschen verhaltensauffällig, als sie kurz nach dem fünften Geburtstag eine Geige zur Hand nahm und diese einfach nie mehr weglegte. Und der kleine Michael Schumacher, der immerzu mit kleinen Zweitaktmotoren im Kreis fuhr - hätte da nicht irgendwann der Jugendschutz vorbeischauen müssen? Glenn Gould, John Lennon, Paula Fox, Anton Tschechow, Chet Baker, Amy Winehouse, Muhammad Ali, Albrecht Dürer, Maria Callas - alle hatten sie einen an der Waffel auf ihre eigene, unverwechselbare Weise. Sogar einer wie ich, der als Bub seine Sommerferien lieber mit Dostojewski als mit den Freunden im Freibad zubrachte, hatte wohl eine kleine Meise.

Wir sind alle Triebtäter und nicht unbedingt die Sorte Mensch, die man heiraten sollte. Das heißt aber nicht, dass wir gemeingefährliche Psychopathen sind. Die meisten von uns können sich ganz ordentlich benehmen, und manche sind sogar richtig nett. Die Meise, die wir haben, ist nur der Motor, der uns zu unserer Arbeit antreibt. Bei manchen allerdings prägt die Meise den Kern ihres Werks, ist die Macke die Raison d'être ihrer Kunst. Dann wird es gefährlich.

Paul Gauguin war ein Sexualneurotiker, der auf Tahiti dreizehn- und vierzehnjährige Mädchen schwängerte und mit den Portraits, die er von ihnen anfertigte, berühmt wurde. Heute käme er dafür ins Gefängnis.

Robert Musil machte vierzehnjährige Proletarierinnen mit Geld gefügig, steckte mindestens eine mit Syphilis an und verarbeitete ihr Schicksal zu Erzählungen - zum Beispiel "Tonka" in "Drei Frauen"-, die in die Weltliteratur eingingen." (S. 78f)


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