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Arno Geiger: Das glückliche Geheimnis.

Als Vierundzwanzigjähriger geht der zukünftige Schriftsteller Arno Geiger an einer Papiertonne vorbei und entdeckt fünf große Kartons voll mit Büchern. Viele davon besitzt er heute noch, einige eröffneten ihm völlig neue Horizonte.
 
„Es gibt dunkle Geheimnise, und es gibt glückliche Geheimnisse. Mein glückliches Geheimnis bestand fünfundzwanzig Jahre lang darin, dass ich in Wien ausgedehnte Streifzüge machte und die an den Straßen stehenden, für Altpapier vorgesehenen Behältnisse erkundete auf der Suche nach für mich Interessantem. Mir ist klar, das ist keineswegs alltäglich, obwohl es um Alltägliches geht, um eines der wenigen Dinge, die allen Menschen zugänglich sind: Abfall.
Trotzdem muss ein Mensch, damit er sich aus freien Stücken so viele Jahre mit diesem Alltäglichen abgibt, ein wenig wahnsinnig sein. Selbstverständlich halte ich mich nicht für wahnsinnig. Aber der vom Wahnsinn freie Teil meines Verstandes sagt, dass ein Quäntchen Wahnsinn sehr wohl vorhanden sein muss. Ein glücklicher Wahnsinn, gibt der wahnsinnige Teil in mir zur Antwort.“, so beginnt der Roman.
Arno Geiger trägt Bücher, Dokumente, Briefmarkensammlungen, Urkunden, Tagebücher nach Hause, vieles liest er, einiges kann er im Auktionshaus oder auf dem Flohmarkt verkaufen und so die Haushaltskasse aufbessern. Die aufgefundenen Briefe der anderen geben ihm das Gefühl, „liegengebliebene Zeit berühren und durch das Berühren zum Verstreichen bringen [zu können]“ (S. 96)
 
„Das Geschriebene spricht, solange jemand zuhört. Vielleicht spricht das Geschriebene sogar, wenn niemand zuhört. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Geschriebenes weggeworfen wird. Zu sehr flüstert es in den Schubladen.
Auf der Bettkante sitzt eine Frau mittleren Alters, die in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen egozentrischen Industriellen geheiratet hat. Am Schrank lehnt ein junger Mann, der nach dem Ersten Weltkrieg mit großen Erwartungen als Polizist aus Mähren nach Wien gekommen ist. Ein dreizehnjähriges Mädchen schreibt auf dem Fensterbrett Tagebuch, sie ist im selben Jahr geboren wie ich.
In vielen Briefen stieß ich auf eine beiläufige Offenheit, die mir gefiel, eine gänzlich unverkrampfte Direktheit, die mich zuerst beeindruckte, dann beeinflusste und schließlich mein Schreiben veränderte. Meine Offenheit in diesem Buch steht damit in direktem Zusammenhang. Diese Offenheit passiert mir nicht einfach, ich entscheide mich bewusst für sie, weil ich glaube, dass sie das Leben sichtbar macht. Das ist es, worum es mir in der Literatur geht: das Leben sichtbar und dadurch verständlicher machen. Ich versuche, meinen Verpflichtungen als Schriftsteller nachzukommen. Das Leben ist ein Versuch. Und auch das Schreiben ist ein Versuch.
Ginge, was ich schreibe, nur mich etwas an, bestünde der Fehler nicht in der Offenheit, sondern in meiner schriftstellerischen Unfähigkeit, dem Persönlichen grundsätzliche Bedeutung zu geben. Dieser Vorwurf hätte Gewicht.“ (S. 97)
 
Doch zunehmend werden die Auslassungen der anderen für ihn zum Problem, das Kümmern um die Bücher und anderen Papiere zur zeitraubenden tagesfüllenden Aufgabe, die ihn von seiner eigentlichen Leidenschaft, dem eigenen Schreiben, abhält. Auch die Beziehung zu M. leidet.
Arno Geiger schreibt über sein (schwieriges) Selbstverständnis als Schriftsteller und öffnet der Leserin/dem Leser gleichzeitig die Augen für die Wahrnehmung derer, die unten angekommen zu sein scheinen: denjenigen, die in Papier- und anderen Tonnen wühlen. Die keinerlei ansehen haben. Nicht umsonst wurde der mittlerweile bekannte Autor nie erkannt auf seinen Touren. Geiger denkt über die Natur des Besitzes und des Wegwerfens nach. Geiger schreibt über die Vergänglichkeit, die seiner Eltern, die derjenigen, von denen Zettel und Notizen, Tagebücher stammen und an deren Leben er durch das Lesen im Nachhinein teilnimmt. Und seine eigene Vergänglichkeit.
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Kategorie: Romane