Corinna Krenzer: Eine einfache Wahrheit.
„Sie hatte immer gewusst, dass etwas an ihrer Familie anders war. Niemand in Kohltal machte ein Geheimnis daraus, dass ihr Vater als Fremder gekommen war, einer, der sich erst im Westen als Schriftsteller einen Namen gemacht und dann in den Osten abgesetzt hatte. Und ein Fremder war er geblieben.
Seit sie denken konnte, hatte ihr Vater in den Augen anderer immer nur für Unruhe gesorgt. Janna verstand es nicht. Für sie war er der Ruhepol. Der einzige Mensch, der ihr die Flausen in ihrem Kopf nicht auszureden versuchte, wenn sie über einen Zaun stieg, ihren Namen in einen Baum ritzte oder im Wald auf einen draufkletterte, obwohl sie zu Hause krank im Bett liegen sollte. Sogar ihre Mutter ließ ihr weniger durchgehen als ihr Vater. Manchmal fragte ihre Mutter, ob Janna es nicht etwas weniger bunt treiben könne, und Jannas Vater, der neben seiner Frau saß, wo er sich unbeobachtet fühlte, zwinkerte Janna zu. Aber irgendwann bemerkte Janna, dass der Blick, mit der Kohltal ihren Vater betrachtete, ein anderer war als ihrer, und dass die Kohltaler Jannas Mutter eine Hand auf den Arm legten und ihr Fragen stellten, wenn sie dachten, Janna bekäme es nicht mit. Ob es denn wirklich der Unruhestifter habe sein müssen. Ob er sich immer noch so ereifere. Ob er es nicht langsam gut sein lassen könne.“ (S. 71)
Jannas Mutter kommt aus dem Osten, der Vater aus dem Westen, in Grünheide bei Robert Havemann haben sie sich kennengelernt. Der Vater blieb Zeit seines Lebens unangepasst, in beständiger Opposition.
Jetzt, drei Jahrzehnte nach dem Freitod ihres Vaters ist Janna zurückgekommen nach Kohltal. Damals war sie noch ein Kind, heute ist sie selbst Schriftstellerin - wie ihr Vater. Und stellt Fragen an die Vergangenheit. Wieso hat sich ihr Vater das Leben genommen? Warum hatte er dabei einen Zettel in der Hand mit nur einem Wort darauf: Janna? Sie kehrt nach Kohltal zurück genau in dem Alter, in dem ihr Vater starb. Janna begegnet dort ihrer Vergangenheit und der ihrer Familie, ihrem engsten Freund Oskar, der damals wie ein Bruder zu ihrer Familie gehörte - und allen möglichen anderen Gestalten aus der Geschichte des Dorfes und der ihrer Familie. Sind die Eltern damals freiwillig Hals über Kopf mit ihr in den Westen ausgereist? Warum durfte sie sich nicht von Oskar verabschieden? Und wird Oskar ihr das selbst als Erwachsener nie verzeihen? Warum hat der Vater Tagebücher geschrieben und sie ausgerechnet im Bootshaus versteckt?