Behzad Karim Khani: Als wir Schwäne waren.
Ein neunjähriger Junge kommt mit seinen Eltern aus dem Iran, aus Persien in das Deutschland der 1970er, als Ostermärsche der Gipfel des Widerstands waren. „Noch ist mein Vater nicht gänzlich in sich selbst eingekehrt, sein Exil liegt noch außerhalb seines Körpers. Ist begehbar. Landkarten kennen den Ort. Er ist ein Poet. Also schreitet auch seine Verkapselung poetisch voran. Sie beginnt damit, dass ihm deutsche Schuhe nicht mehr passen. Kategorisch“ (S. 22).
Das brillante Buch des Autors von „Hund, Wolf, Schakal“ liefert kurze, tiefe Beobachtungen, die der Erwachsene erinnert und in Form eines Briefes an einen Fünfjährigen schreibt und aufbewahrt. „Und vielleicht hilft dir dieses Buch auch, etwas zu finden, das gerade angefangen hat, dir zu entgleiten: Nämlich die Möglichkeit einer Heimat. Verstehe mich nicht falsch. Ich will dir nicht die Idee der Heimat nahelegen. Schon gar nicht will ich dir dieses Land als Heimat nahelegen.
Ich will etwas Anderes für dich. Etwas Anderes von dir. Ich will, dass du wählen kannst. Dass in dir mehr steckt als in mir. Mehr als immer dieselbe Antwort. Deshalb schreibe ich dieses Buch“, heißt es auf Seite 8f.
Der Soziologie-Abschluss der Eltern wird in Deutschland nicht anerkannt, die Mutter studiert erneut, der Vater fährt zum Geld verdienen Taxi.
Als die Kindheit versiegt, erkennt der Erzähler immer mehr Spuren von Gewalt in seiner Siedlung. Gewalt an den eigenen Kindern und Frauen, wie bei Serdar, Gewalt zwischen den Jugendlichen, die zum Teil politisch motiviert ist. „Unser Viertel zerreibt seine Bewohner. Wir alle leben in einem Abnutzungskrieg mit so vielen Fronten, wie unsere Siedlung Einwohner hat“ (S. 98). Pointiert, klug, unbarmherzig: „Ich trete aus der Kabine, wasche mir die Hände und verlasse den Club. Nehme Silvios Auto und fahre nach Hause. Eine Dreiviertelstunde fahre ich, bin gegen Mitternacht zu Hause. Silvio viereinhalb Jahre später. U-Haft. Fluchtgefahr. Verhandlung. Knast. Der Wagen ist auf den Namen der Mutter seiner Freundin angemeldet. Unter dem Fahrersitz ist eine Tüte mit Pillen und Falschgeld. Unter dem Beifahrersitz eine scharfe Knarre. Geladen. Ich nehme alles mit“ (S. 142). Oder: „Es gibt Anfänge nicht. Zusammenhänge nicht. Vor allem gibt es Ordnung nicht und Verknüpfungen machen wir immer erst hinterher, aber auf Hinterher ist kein Verlass. Wir verdichten und vereinfachen, damit die Dinge Sinn machen, und weil Sinn eine Geschichte braucht, setzen wir Punkte in das Chaos, die wir zu Linien verbinden. Linien, die Geschichten ergeben. Zwei dieser Linien befanden sich an den Wänden meiner beiden Großmütter im Iran. Als sie noch lebten. Die Punkte waren die Fotos, die wir ihnen regelmäßig schickten“ (S. 144).
Messerscharf seine Analyse der deutschen Seele:
„[…] dass man hier an Mitleid Anstoß nimmt. Dass es hier Beileid gibt oder Mitgefühl, aber kein Mitleid. Hier, wo von nichts nichts kommt. Man auf einem Bein nicht stehen kann. Wo man nicht aus Zucker ist. Keine Müdigkeit vorschützt, Nägel mit Köpfen macht und sich nicht zwei Mal bitten lässt. Wo man schließlich nicht blöd ist. Wo sicher sicher ist und Geiz geil. Wo ‚Du bist Gast hier!‘ eine Drohung ist. Wo ja jeder kommen kann. Wo man B sagen muss, weil man A gesagt hat, und ende es in Stalingrad. Ich habe mich neben die Wut gestellt, die er mir vorwarf. Neben die Angst, die ich als Wut speicherte. Er weiß nicht, dass das meine Kunst ist. Er denkt, ich schreibe. Kennt nicht meine Alchemie. Und ich habe sie ihm nicht gezeigt. Ihm nicht verraten, dass ich die Formel gefunden habe, mit der man Angst zur Wut erhitzt und bei welcher Temperatur man sich selbst hält, damit sie in einem nicht hochkocht und zum Zorn wird, aber auch nicht zum Hass abkühlt. Habe ihm nicht erzählt, dass Wut das Blut am besten am Zirkulieren hält“ (S. 173).
Beim Lesenden bleibt der schale Nachgeschmack einer fatalen Aussichtslosigkeit aufgrund dieser bitteren Analyse der deutschen Gesellschaft zurück, so viel ist in unserem Alltag davon sichtbar.