Elif Shafak: Am Himmel die Flüsse.
Einst ging ein Regentropfen nieder auf das Haupt des assyrischen Königs Assurbanipal. Belesen und grausam zu gleichen Teilen bemerkte der König den Tropfen nicht, sondern war ganz damit beschäftigt, eine seiner Tafeln mit Keilschrift zu bewundern. So stieg der Tropfen wieder auf. Viele hundert Jahre später, im viktorianischen London, landet er als Schneeflocke im Mund eines Säuglings. Arthur Smyth sollte später ein ganz Großer seines Faches sein, doch zunächst gehörte er der untersten Unterschicht an und niemand ahnte etwas von seinem Genie: dem Entziffern eben jener Schrift des Assyrischen Reiches.
Der Regentropfen zog weiter. Als letzter Tropfen aus einer Wasserflasche versuchte er, den Durst eines Mädchens mit Namen Narin zu stillen. Wir befinden uns mit dem Tropfen gemeinsam nun im 21. Jahrhundert und wieder am Tigris. Als Teil der jezidischen Gemeinschaft müssen sie und ihre Großmutter lernen, mit der wachsenden Bedrohung und Angst durch den IS umzugehen. Ein paar Jahre später begleiten wir den Regentropfen, wie er als Träne über das Gesicht von Zaleekhah rinnt. Frisch getrennt von ihrem Mann zieht sie in ein Hausboot und versucht, sich wiederzufinden.
Was sie alle eint, ist das Wasser: das sichtbare, sowie das verborgene, die Flüsse um sie herum, aber auch der Fluss des Lebens, der alle diese Schicksale miteinander verbindet. Elif Shafak ist eine Geschichtenerzählerin par excellence. Sie erschafft Charaktere, die mensch nach der Lektüre des Buches nur höchst ungern ziehen lässt. Sie verwebt ihre Geschichten nicht nur miteinander, sondern rückt sie in einen größeren Kontext, wobei sie, wie in fast jedem ihrer Bücher, einen bestimmten Fokus hat. In diesem Falle stellt sie die Kultur und Gemeinschaft der Jezid*innen in den Vordergrund. Dies tut sie zwar lehrend, aber niemals belehrend, was das Lesen der knapp 600 Seiten unglaublich bereichert.