Zeruya Shalev: Nicht ich.

„Nicht ich“, so heißt der neue Roman der israelischen Schriftstellerin Zeruya Shalev. Nicht „neu“ im klassischen Sinne, vielmehr ist es ihr Debut, das nun erstmals in deutscher Sprache erscheint. wurde. Ein Ursprungstext trifft es vielleicht sogar eher.

Schreibimpuls für den Roman war das frühe Gründen ihrer Familie. "Es war die stürmische Übergangszeit vom Ende der Jugend in die Welt der Erwachsenen", so Shalev in ihrem Vorwort an die deutsche Leserschaft. "Ich war entsetzt blieb aber dran, schrieb weiter und gab mich mit Neugierde und Schmerzen dieser Figur hin, die aus mir herausschrie, dieser wilden jungen Frau, die sich gegen ihre Mutterpflichten auflehnt, die Konventionen durchbricht und der zum Schluss von allen ihren Beziehungen nichts bleibt."

„Nicht ich“ verhandelt Shalevs altbewährte Themen, nur dass dieser Roman den Anfang für ihr späteres Schreiben legt. Es geht um Existenznöte mit biblischem Ausmaß, Themen und Ängste, wie wir sie schon aus "Liebesleben" und "Für den Rest des Lebens" kennen, um die Frage, was wir vom Leben wollen und welche Stellung die Liebe zentral darin einnimmt.

Eine Frau, die Mann und Tochter für ihren Geliebten verlässt und an dieser Entscheidung schließlich in immer lauter werdenden Textschleifen zugrunde geht. Eine höchst metaphorische Welt, die wir mit der Erzählerin betreten, Bilder und Sequenzen, denen immer surreale Gefühlslandschaften einer jungen Frau zugrunde liegen, Gefühlslandschaften, die sich im Roman fließend voneinander ablösen, in denen man sich als Leser*in immer mehr selbst verliert, mitunter auch schon mal verfängt und manchmal auch ratlos aus ihnen entlassen wird. Ganz anders als alles, was man von ihr kennt. Und doch gibt es natürlich Berührungspunkte.

Es sind diese typischen Shalev-Beziehungen, unglücklich und doch irgendwie mit dem Anderen verbunden, Shalev-Dialoge und -Fragen, die sich durchziehen, die in diesem Debut in einem "gnadenlosen Monolog einer Art Seelenstrip oder Stand-Up Tragödie" verhandelt werden "Jahre hast du auf mir rumgetrampelt und jetzt wirfst du mich weg".

Schreckliche Eifersucht, die die Figuren mitunter in den Wahnsinn treibt.

"Alles, was ich von deiner Entbindung noch weiß ist, dass du dich in den Geburtshelfer verliebt hast und dich dann nichts anderes mehr interessiert hat." "Ich übertreibe immer. Mir der Liebe zu dir hab ich übertrieben, und ich übertreibe es mit dem Hass auf dich, mit dem Verlangen nach dir und dem Ekel vor dir, und jetzt übertreib ich es mit dieser Erwartung, dass du endlich stirbst."

Und um die ganz einfache Frage danach, wie man mit sich selbst zurechtkommt, wenn innere und äußere Strukturen plötzlich aufbrechen, das Festhalten an Struktur, als etwas das wohl schon immer in uns Menschen verankert ist. "Kinder mögen Rituale. Die geben ihnen ein Gefühl der Ordnung und Sicherheit."

Um die Frage, was man tun kann, um eine Beziehung aufrechtzuerhalten, zu einem Menschen, den man im Grunde genommen doch noch liebt. "Noch mal heiraten flüstere ich." Und um die Frage danach, wer man ohne den Anderen überhaupt noch ist.

"Wir sahen dich mit einem leeren Kinderwagen durch die Straßen ziehen, an einem leeren Bett Gutenachtgeschichten vorlesen, wir sahen dich morgens in den Kindergarten gehen und dabei eine Hand zur Seite ins Leere strecken."

Darum, ob man sich als „Frau“ überhaupt irgendwie richtig verhalten kann und wo man in der Welt steht

Wessen Tochter bin ich, frage ich mich,

Wessen Frau bin ich,

Wessen Mutter bin ich

In was für einer Welt wir leben wollen

Immer hat einer geschimpft und der andere beschwichtigt, immer war einer schuldig, und der andere hatte recht, und die Sonne hielt nie länger als eine viertel Stunde

 

Als der Roman 1993 in Israel veröffentlicht wurde, traf er auf Wut und Unverständnis. Zeruya Shalev selbst sagt: "Erst nachdem ich Schicksal, meinen siebten Roman, abgeschlossen hatte, wagte ich es, meinen Erstling noch einmal zu lesen. Plötzlich spürte ich in mir die Bereitschaft , ihn als Teil von mir anzunehmen, auch wenn er „nicht ich“ ist."

 


Bibliographie
Tipp
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Nicht ich
Zeruya Shalev
Nicht ich
Roman
EAN: 978-3-8270-1476-4
Wie überlebt man es, die Familie für eine neue Liebe zu verlassen? Wer weiß schon, was der Erzählerin in diesem halben Jahr wirklich geschah. Die junge Frau, die noch nicht einmal ihren Namen verrät, tischt uns eine Geschichte nach der anderen auf. Nur eins scheint klar: Sie hat Mann und Tochter für ihren Geliebten verlassen und nun zerbricht sie daran. Der Spiegel, den sie sich erzählend vorhält, scheint in Stücke gesprungen und in jeder Scherbe schillert eine andere Version. Trauer, Verlassenheit, Angst und Wut lassen sie die Welt als Apokalypse des Schmerzes erleben Als dieser provokante wie hochliterarische Klagegesang erschien, rief er in Israel wütende Empörung hervor. Erst jetzt, fast 30 Jahre später, scheint endlich die Zeit reif für dieses frühe literarische Meisterwerk einer Weltautorin. Erstmals in deutscher Übersetzung: der erste Roman von Zeruya Shalev 'Erst als ich Schicksal, meinen 7. Roman, geschrieben hatte, wagte ich, mein Debüt wieder zu lesen. Endlich spürte ich die Bereitschaft, ihn als Teil von mir anzunehmen, auch wenn er nicht ich ist. Ich konnte meine wilde und gebeutelte Heldin ins Herz schließen und Mitgefühl für sie empfinden. Als ich begann, den Roman für Sie, mein treues deutsches Publikum, vorzubereiten, spürte ich, dass es nötig war, ihm ebenjene mütterliche Zuwendung zukommen zu lassen, die ich ihm vor dreißig Jahren nicht hatte geben können. Ich tauchte noch einmal in seine Welt ein und versuchte, auf dem Zeitstrahl zurückzukehren und der jungen Autorin, die ich damals war, die Hand zu reichen.' Zeruya Shalev 

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