BUCHPREMIERE MESSESCHWERPUNKT NORWEGEN Tarjei Vesaas: Frühlingsnacht. Der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel im Gespräch mit dem Verleger Sebastian Guggolz.
Mit seinem Schreiben erreichte Tarjei Vesaas eine einzigartige Meisterschaft: klar komponierte Geschichten, eine verdichtete, geradezu glühende Sprache, eigenwillige Figuren voller Spannungen, die ihrer inneren Stimme folgen. In „Frühlingsnacht“ steht der 14-jährige Hallstein im Mittelpunkt, gerade an der Schwelle zwischen Kindlichkeit und Erwachsenensein, der mit seiner älteren Schwester Sissel über Nacht allein zu Hause bleibt, als die Eltern zu einer Beerdigung in die nahe Ortschaft fahren. Hitze und Feuchtigkeit liegen drückend auf dem Tag, und als die Geschwister sich zum Abendessen setzen, klopft es an der Tür. Eine fremde Familie benötigt nach einer Autopanne Unterkunft, zumal eine junge Frau kurz vor der Entbindung steht. Alle sind in Aufruhr, die Besucher bringen dramatische Konflikte mit, und die Frühlingsnacht wird zu einem Abenteuer, das Ungeklärtes zutage befördert und jeden verändert zurücklässt. Tarjei Vesaas schafft mit wenigen Strichen eine verzauberte Atmosphäre. Die norwegische Natur um das Haus blüht und wächst, Bäume schlagen aus, Knospen springen auf, und der unaufhaltsame Lebenstrieb sprießt auch in Hallstein und Sissel. Durch Hallsteins Augen nehmen wir das Geschehen wahr, und ohne dass es Erklärungen gäbe, verstehen wir nach der Lektüre mehr von dem, was in und um uns wirkt. Hinrich Schmidt-Henkels Übersetzung gelingt das Wunder, das auch Vesaas’ Prosa so magisch macht: Vieles bleibt unausgesprochen, verharrt in Andeutungen, und doch entsteht zwischen den Zeilen ein poetischer Raum, eine eigene Welt, die Trost bietet und die man nicht mehr verlassen möchte.
Tarjei Vesaas (1897–1970) war der älteste Sohn eines Bauern in Vinje/Telemark, dessen Familie seit 300 Jahren im selben Haus lebte. Vesaas wusste früh, dass er Schriftsteller werden wollte, verweigerte die traditionsgemäße Übernahme des Hofes und bereiste in den 1920er und 1930er Jahren Europa. 1934 heiratete er die Lyrikerin Halldis Moren und ließ sich bis zu seinem Tod 1970 in der Heimatgemeinde Vinje auf dem nahe gelegenen Hof Midtbø nieder. Vesaas verfasste Gedichte, Dramen, Kurzprosa und Romane, die ihm internationalen Ruhm einbrachten. Er schrieb seine Romane auf Nynorsk, der norwegischen Sprache, die – anders als Bokmål, das »Buch-Norwegisch« – auf westnorwegischen Dialekten basiert. Abseits der Großstädte schuf Vesaas ein dennoch hochmodernes, lyrisch-präzise verknapptes Werk mit rätselhaft-symbolistischen Zügen, für das er mehrmals für den Nobelpreis vorgeschlagen wurde. Als seine größten Meisterwerke gelten »Das Eis-Schloss«, für das er 1964 den Preis des Nordischen Rats erhielt, und »Die Vögel«, das Karl-Ove Knausgård als »besten norwegischen Roman, der je geschrieben wurde« bezeichnete.
Hinrich Schmidt-Henkel, geboren 1959 in Berlin, übersetzt aus dem Französischen, Norwegischen und Italienischen u.a. Werke von Henrik Ibsen, Kjell Askildsen, Jon Fosse, Tomas Espedal, Louis-Ferdinand Céline, Édouard Louis und Tarjei Vesaas. Für seine Arbeit wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. (gemeinsam mit Frank Heibert) mit dem Straelener Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW und zuletzt 2018 mit dem Königlich Norwegischen Verdienstorden. Er war von 2008 bis 2017 im Ehrenamt Vorsitzender im Verband deutschsprachiger Übersetzer/innen literarischer und wissenschaftlicher Werke (VdÜ), Bundessparte Übersetzer/innen im VS in der.di. Von 2017 bis 2021 war er Beisitzer im Vorstand und hatte einen Sitz in der Honorarkommission des Verbandes. 2014 wurden unter seiner Verhandlungsführung gemeinsame Vergütungsregeln mit einer Gruppe von Verlagen aufgestellt (Hanser, Hoffmann&Campe u.a.) 2019 wurde unter seiner maßgeblichen Beteiligung ein neuer Normvertrag Übersetzungen mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels vereinbart. Schmidt-Henkel ist Mitglied im Literarischen Colloquium Berlin (LCB) und Mitgründer des PEN BERLIN.
Sebastian Guggolz, 1982 am Bodensee geboren, studierte Kunstgeschichte, Germanistik und Volkskunde sowie Literaturwissenschaften in Hamburg. Er war beim Verlag Matthes&Seitz tätig und gründete 2014 seinen gleichnamigen Verlag, der seinen Schwerpunkt auf Neuübersetzungen und Neuausgaben vergessener und zu Unrecht aus dem Fokus geratener Werke aus Nord- und Osteuropa legt und sich an diejenigen Leser richtet, die bei ihrer Lektüre bereichert werden wollen. Mit aktuellen Nachworten und durch ergänzende Kommentierung soll die in die Literatur eingegangene historische, politische, kulturelle und sprachliche Vielfalt wieder lebendig gemacht werden.
Sebastian Guggolz ist seit 2016 Mitglied im Beirat der Fachzeitschrift „Übersetzen“ des VdÜ und seit 2022 ist er auch im Lektorat des S. Fischer Verlags als Teamleiter Klassiker tätig.
Vorab bezahlte Karten sind bei uns hinterlegt, Einlass am Veranstaltungsabend ab 19:30 Uhr. Abholung der reservierten und noch nicht bezahlten Karten spätestens bis 19:00 Uhr am Tag der Veranstaltung. Abendkasse ab 19:30 Uhr.
Georg Büchner Buchladen, Wörther Straße 16, 10405 Berlin
Deutschland