BUCHPREMIERE Miriam Böttger: Aus dem Haus. Moderation: Nele Pollatschek.

„Ich könnte kommen und euch beim Packen helfen“, bot ich halbherzig an, eigentlich eine Selbstverständlichkeit. „Auf keinen Fall!“, sagte meine Mutter. Ich war erleichtert. Das Haus stand für einen so umfassenden Leidenskomplex, dass nur ein Idiot hätte glauben können, sein Verlassen wäre im weitesten Sinne geregelt über die Bühne zu bringen. Schon als gerade der erste Stein gelegt worden war, sagte meine Mutter, dass das Haus unser Ruin würde, finanziell sowieso, aber auch ästhetisch wie moralisch. Das Verlassen des Hauses war von meiner Mutter zum ersten Mal kurz nach dem Einzug gefordert worden, genau genommen sogar schon vorher, und von da an fast täglich. Unser Haus, so unauffällig es wirkte, war ein Monstrum. Meine Eltern waren dort mit solcher Bedingungslosigkeit und Entschlossenheit unglücklich, als gehörten wir einer Sekte an, die das Unglücklichsein zum Zeichen ihrer Distinktion gemacht hatte. Eigentlich ist jede Familie eine Sekte für sich, mit irgendeiner speziellen Idee oder Wahnvorstellung, um die alles kreist, oft naheliegende Dinge wie Status, Macht, Tradition, Prominenz, Vermögen, Schönheit, Talente der Kinder.“ (S. 21f)

 

„Wenn man als Familie irgendwo erscheint, ich habe es immer schon so empfunden, dann ist man ein offenes Buch für die anderen. Diese Existenz als offenes Buch aber empfinde ich seit jeher als demütigend. Die anderen sehen uns plötzlich in dem Kontext, mit dem wir uns im Leben herumzuschlagen haben, sehen uns in der Rolle, die wir unter den eigenen Leuten spielen, wir sind für alle Zeiten unseres Geheimnisses beraubt. Ohne sich groß zu interessieren oder es darauf anzulegen, erfassen uns die anderen, wissen in Sekundenschnelle, mit welcher Art Mensch sie es zu tun haben, ziehen alle möglichen Schlüsse, nur weil sie uns mit unseren Angehörigen sehen, ach so, denken sie, deshalb also ..., ich verstehe.“ (S. 27f)

 

Eine überaus verrückte, total normale Familiengeschichte in Kassel, sehr komisch erzählt von Miriam Böttger. Endlich ziehen die Eltern aus DEM HAUS aus, für ihre Mutter schon beim Einzug der Anfang vom Ende, ein Unglückshaus, welches sie fertig macht, noch dazu die Umgebung: Kassel. Oberhessen. Dabei kamen sie aus dem schönen Weinheim an der Bergstraße in BaWü, keiner weiß, wieso es unbedingt Kassel sein musste und dann noch das HAUS! In Kassel lebt ein Teil der väterlichen Familie, bspw. die Tante, die manisch lange Briefe an die Prominenz schreibt: an ehemalige Bundespräsidenten, Autoren, sogar Nikita Chruschtschow schreibt sie und unterbreitet ihm Vorschläge zur Beendigung des Kalten Krieges. Endlich ziehen die Eltern also aus, und mit diesem Auszug wird vermeintlich das lange Leiden beendet, können „die Hohepriesterin des Unglücklichseins und ihr stets williger Gehilfe“ (S. 203) aufatmen. Doch weit gefehlt.

Miriam Böttger seziert ihre verrückten Eltern und ihre Zeit. Wahnsinnig komisch und genau. Für Leser:innen von Nele Pollatschek und Joachim Meyerhoff.

Miriam Böttger, Journalistin (ZDF), ist begeisterte Leserin von David Foster Wallace und Thomas Bernhard. Sie schreibt, seit sie denken kann, hatte aber nie Zeit (Familie), ihren Roman bei einem Verlag unterzubringen. Das hat sich vor ein paar Monaten geändert.

Nele Pollatschek hat Englische Literatur und Philosophie in Heidelberg, Cambridge und Oxford studiert und wurde darin 2018 promoviert. Für ihren Debütroman "Das Unglück anderer Leute" (2016) erhielt sie den Friedrich-Hölderlin-Förderpreis (2017) und den Grimmelshausen-Förderpreis (2019). Es folgte das Sachbuch "Dear Oxbridge. Liebesbrief an England" (2020) und im Jahr 2023 ihr Roman "Kleine Probleme". Nele Pollatschek schreibt für die Süddeutsche Zeitung und erhielt 2022 den Deutschen Reporterpreis.

calendar_clock Datum & Zeit
Beginn:
11.09.2024 20:00 Uhr
pin_drop Veranstaltungsort

Georg Büchner Buchladen, Wörther Straße 16, 10405 Berlin
Deutschland

sell Eintrittspreis
VVK 13€, AK 15€
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Aus dem Haus
Miriam Böttger
Aus dem Haus
Roman
EAN: 978-3-86971-305-2
Eine Mutter, die mit verführerischer Sogwirkung schwarzsieht. Ein Vater, der mit Nebelkerzen wirft, wenn er von sich erzählen soll. Und ein vermeintliches Unglückshaus, das es endlich zu verlassen gilt. Miriam Böttgers aberwitziger, tragikomischer und abgründiger Roman für alle, die sich auch mit ihrer Familie herumschlagen.  'Eigentlich ist jede Familie eine Sekte für sich, mit irgendeiner speziellen Idee oder Wahnvorstellung, um die alles kreist', grübelt die Ich-Erzählerin in Miriam Böttgers Roman. 'Oft sind dies naheliegende Dinge wie Genialität der Kinder, Akademikertum, Geld, Fitness, gesellschaftlicher Status.' Manchmal allerdings auch Abwegiges. Die fixe Idee ihrer Familie besteht in der Überzeugung, im Leben immer nur Pech zu haben, in der Annahme einer familiären Unglücksprädisposition. Und die physische Manifestation dieser Idee ist das HAUS der Familie, das auf andere hell und unschuldig wirken mag, das seine Bewohner jedoch, darin sind sie sich einig, jahrzehntelang am Leben gehindert hat.  Als die Eltern beschließen, das HAUS endlich aufzugeben und in eine kleinere Wohnung zu ziehen, müsste dies eigentlich eine Erleichterung sein. Doch kaum verkauft, erscheint der Unglücksmagnet in völlig neuem Licht. Während der Tag des Umzugs näher rückt, werden die Lageberichte des Vaters, die die Tochter täglich telefonisch einholt, immer bizarrer. Und sie begreift, dass es hier um etwas ganz anderes geht als um einen Umzug.

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