Annett Gröschner: Schwebende Lasten

„Weil Hanna das Wachstum der Blumen in- und auswendig kannte, übertrug sie das Bild von Werden und Vergehen auch auf die Menschen in ihrem Umfeld. Da gab es Knospen oder kleine Blüten, das abgebrochene Kind und das Kind, aus dem nichts geworden war. Damit meinte sie das Kind in den Männern, die sie auf der Arbeit umgaben. Unter den Frauen gab es die schnell Verblühten und die Rosen, die Königin der Nacht und die Wegwarte. Männer unterschied Hanna nach Unkraut und Nutzpflanzen. Karl war Rauke, also beides, je nachdem, wo es stand. Auch ihren Kindern ordnete sie Pflanzen zu. Elisabeth war wegen ihrer Dickhäutigkeit eine Aloe, Barbara ein Essigbaum, der wuchs überall, hob Betonplatten an und hatte selbst im Herbst noch Kraft für Farben. Selma nannte sie nur Lale, das türkische Wort für Tulpe, die Fremd-Vertraute. Nesthäkchen Judith war eine Schachblume, gean und hatte selbst im Herbst noch Kraft für Farben. Selma nannte sie nur Lale, das türkische Wort für Tulpe, die Fremd-Vertraute. Nesthäkchen Judith war eine Schachblume, gesetzlich geschützt, weil vom Aussterben bedroht, und so schön in ihrer lila-weißen Zartheit. Wäre Hanna eine Blume gewesen, dann am liebsten eine Hortensie. Nach der Blüte in der Vase getrocknet, blieb sie noch jahrelang schön.“ (S. 193)

Ein als Blumenstrauß erzähltes ganz gewöhnliches deutsches Jahrhundertleben von Hanna, die als wenig geliebte Halbschwester im Blumenladen ihrer älteren Schwester arbeitet und die die Leidenschaft für Blumen ihr ganzes Leben begleitet. Sämtliche Widrigkeiten des vergangenen Jahrhunderts ziehen eine breite Schneise durch ihr Leben: Krise, Nationalsozialismus, Krieg, der Verlust mehrerer Kinder, der Sozialismus in der DDR, während derer sie als Kranführerin arbeitet.


Bibliographie
Tipp
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Schwebende Lasten
Annett Gröschner
Schwebende Lasten
Roman - Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2025
EAN: 978-3-406-82973-4
"Ein grandioser Roman, von schlichter Schönheit und zutiefst ergreifend." Julia Schoch Nicht weniger als ein ganzes Leben erzählt Annett Gröschner mit der Geschichte der Blumenbinderin und Kranfahrerin Hanna Krause ? mit einer Wucht und Poesie, wie sie nur dort entstehen können, wo die Literatur wirklichkeitssatt ist. Hanna Krause war Blumenbinderin, bevor das Leben sie zur Kranführerin machte. Sie hat zwei Revolutionen, zwei Diktaturen, einen Aufstand, zwei Weltkriege und zwei Niederlagen, zwei Demokratien, den Kaiser und andere Führer, gute und schlechte Zeiten erlebt, hat sechs Kinder geboren und zwei davon nicht begraben können, was ihr naheging bis zum Lebensende. Hatte später, nachdem ihr Blumenladen längst Geschichte war, von einem Kran in der Halle eines Schwermaschinenbaubetriebes in Magdeburg einen guten Überblick auf die Beziehungen der Menschen zehn Meter unter ihr und starb rechtzeitig, bevor sie die Welt nicht mehr verstand. Hanna Krause blieb bis zu ihrem Tod eine, die das Leben nimmt, wie es kommt. Ihr einziges Credo: anständig bleiben. Annett Gröschners Roman erzählt die Geschichte eines Jahrhunderts in einem einzigen Leben und gibt, mit Hanna, denen ein Gesicht, die zu oft unsichtbar bleiben. Ein Roman über das Ende des Industriezeitalters und seiner Heldinnen im Osten Deutschlands ? und über eine gewöhnliche Frau in diesem unfassbaren 20. Jahrhundert. Von der Autorin des SPIEGELBestsellers "Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat" Vielfach ausgezeichnete Autorin Mainzer Stadtschreiberin 2025: Literaturpreis von ZDF, 3sat und der Landeshauptstadt Mainz Eine der wichtigsten Stimmen ihrer Generation

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